Die Überraschung der Woche (II)

Gegenstand heute: Ein dreifarbiges Rennauto mit drei Rädern, das mithilfe eines Gummibandes stark beschleunigt werden kann.

Rennwagen

Lieber Felix,

du bist ja wohl ganz schön fix unterwegs, wenn mein Überraschungseiorakel sich nicht täuscht. Was soll uns dieser heiße Schlitten nur über deine Zukunft verraten?

Stromlinienförmig, wie du eben bist und wie du dich stets ohne jegliches möchtegernpubertäres Aufbegehren an den liebgewonnenen Mainstream angepasst hast, rast dieses Auto todesmutig auch in unbekannte Gefilde; unbarmerhzig losgestoßen von der Gummimechanik, rollt es voran und voran, bis der Impetus verbraucht ist. (Ein Motiv übrigens, das letzte Woche auch schon nicht zu übersehen war, an deiner Stelle würde ich mich vorsehen und ausreichend Burnout-Ratgeber einpacken .)

Und jetzt das mainstreamigste, stromlinienförmigste, das du überhaupt nur hättest planen können: Ein Jahr „im Ausland“! Du hast sicher gut die Berichte gelesen, die aller Welt diese angblich so „besondere“ Erfahrung als ultimative Krönung jedes Lebenslaufes anpreist. Du schwimmst schön im Strom der Gutmeinenden und Engagierten, ohne Angriffsfläche, ohne Reibungsverlust — aber wo bist du?

Genug der Invektive. Die symbolische Zahl diese Woche lautet: drei. Drei Farben am Auto, drei Räder, dreieckige Form… Folgende drei guten Wünsche gebe ich dir abschließend noch mit:

Erstens: Mach endlich mal deinen Führerschein! Am besten in Ecuador. Das wäre doch die perfekte Auflehnung gegen die Welt, die du dir heimlich erträumst: unversichert und gegen die weltwärts-Vorschriften in Ecuador Auto fahren zu lernen. Traurig, wer das schon Freiheit nennen muss. Aber ohne Fahrerlaubnis wirst du den Karren deines Lebens ebenso schnurstracks gegen die Wand steuern, wie auch dieses Auto fährt.

Zweitens: Im Cockpit ist nur Platz für einen. Du bist jetzt auf dich alleine gestellt. Mach das beste draus.

Drittens: Versprich niemandem drei gute Wünsche, wenn dir nur zwei einfallen. Viel Spaß!

Dein Klaus

 

Der lyrische Kommentar:

Feuriger Gott aus stählernem Geschlecht,
Automobil, das fernensüchtig
geängstigt stampft, in scharfen Zähnen das Gebiss!
Japanisch-fürchterliches Untier, schmiederfeueräugig, mit Flammen und mit Ölen aufgenährt, nach Horizonten gierig und nach Sternenbeute.
Ich lasse den metallenen Zügel los und du
Stürmst trunken in befreiende Unendlichkeit.

– Filippo Tommaso Marinetti

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Online

My plan was to leave the internet and therefore find the „real“ Paul and get in touch with the „real“ world, but the real Paul and the real world are already inextricably linked to the internet. Not to say that my life wasn’t different without the internet, just that it wasn’t real life.

http://www.theverge.com/2013/5/1/4279674/im-still-here-back-online-after-a-year-without-the-internet

http://edition.cnn.com/2013/05/10/tech/web/paul-miller-internet-year

Die Überraschung der Woche (I)

Zu besonderen Anlässen; Geburtstagen, Jubiläen oder anderen langweiligen Feiern werden gerne belanglose Gegenstände überreicht, um die herum dann eine tiefgründige philosophische Rede gehalten wird, warum ausgerechnet dieser und kein anderer Gegenstand den Beschenkten besonders symbolisiere oder „zu ihm passe“. Weil ich so etwas auch unbedingt haben möchte und die schiefen Metaphern, flachen Sinnsprüchlein und schmalzigen Anwanzungen dieser Gelegenheiten so liebe, werde ich ab sofort jede Woche meinen imaginären Freund Klaus losschicken, mir den Inhalt eines zufällig ausgewählten Überraschungseis zu überreichen und auf dem angemessenen philosophischen Level zu interpretieren. Seine Reden dokumentiere ich hier ungekürzt.

Gegenstand heute: Ein gelbes Rad mit fünf Speichen, das sich mithilfe einer Art Dockingstation mit Zahnrad und eines etwa fünf Zentimeter langen Stab, der durch die Station gezogen wird, beschleunigen lässt und das daraufhin geradeaus losrollt, bis es auf ein unüberwindliches Hindernis trifft.

Rad

Lieber Felix,

was für eine runde Sache, dieses Geschenk!

Denn genau wie auch das Rad, das erwartungsvoll herumkippelnd an der Nabenbefestigung hängt, ungeduldig die heftige Beschleunigung erwartend, die es sogleich erfahren wird, wartest ja auch du, etwas unruhig kippelnd, in deinem Leben auf die erste ganz große Beschleunigung.

Bisher hast du deine Verankerung an heimischen Dockingstation nie wirklich gelöst, hast immer nur selbstgefällig um dich selbst rotiert wie dieses Rad, das in alle Richtungen sich umschauen, nie aber den eigenen Standpunkt verlassen kann; doch nun, wenn du dich bald ins Flugzeug setzt und wie das Rad dich überstürzend und kopfüber, kopfunter, vor lauter neuer Umgebung und Schwindel vielleicht in die Orientierungslosigkeit der Fremde stürzend, wird all das dir nur noch von Ferne winken.

Doch sieh dich vor: auch kleine Hindernisse können das so lustig losgerollte Rad aus der Bahn werfen. Du kannst leicht sehen, wie eine kleine Unebenheit, ein Loch oder ein Hügel den Weg, der ja auch deiner ist, behindern und dich auch ganz zu Fall bringen können. Drum mögest du genug Energie haben, genug Drehmoment, auch diese kleinen Hindernisse so leicht zu überwinden, wie du die Trägheit zu Beginn deiner Reise hattest.

Die fünf Speichen des Rades sollen für deine fünf Sinne stehen; mögen sie dich immer wach und aufmerksam durch deine neue Welt geleiten! In alle Richtungen gerichtet, mögen sie dir eine stete Stütze sein, damit du nie verzagst oder deine runde Oberfläche eiförmig werde.

Mit den besten Wünschen,
dein Klaus

Der lyrische Kommentar:

Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
mit Ungeduld?

– Bertolt Brecht

Fern der Heimat

– Ich kann dir das nicht anders sagen … vorläufig. Im übrigen, vielleicht … geschieht gar nichts. Jedenfalls denk dran. Ich hab dich gewarnt.

– Wovor!? Wovon redest du?

– Beherrsch dich – er redete hartnäckig weiter. – Benimm dich, wie wenn … sei auf alles gefaßt. Das ist unmöglich, ich weiß. Versuch es trotzdem. Das ist der einzige Ausweg. Sonst weiß ich keinen.

– Aber WAS werde ich sehen!!! – ich schrie fast. Kaum hielt ich mich davor zurück, ihn an den Schultern hochzureißen und tüchtig zu schütteln, wie er so dasaß, in den Winkel starrte, mit diesem erschöpften sonnverbrannten Gesicht, und mit sichtlicher Anstrengung jedes einzelne Wort aus sich herauswürgte.

– Ich weiß nicht. In gewissem Sinne hängt das von dir ab.

Stanisław Lem, Solaris