Die Überraschung der Woche (I)

Zu besonderen Anlässen; Geburtstagen, Jubiläen oder anderen langweiligen Feiern werden gerne belanglose Gegenstände überreicht, um die herum dann eine tiefgründige philosophische Rede gehalten wird, warum ausgerechnet dieser und kein anderer Gegenstand den Beschenkten besonders symbolisiere oder „zu ihm passe“. Weil ich so etwas auch unbedingt haben möchte und die schiefen Metaphern, flachen Sinnsprüchlein und schmalzigen Anwanzungen dieser Gelegenheiten so liebe, werde ich ab sofort jede Woche meinen imaginären Freund Klaus losschicken, mir den Inhalt eines zufällig ausgewählten Überraschungseis zu überreichen und auf dem angemessenen philosophischen Level zu interpretieren. Seine Reden dokumentiere ich hier ungekürzt.

Gegenstand heute: Ein gelbes Rad mit fünf Speichen, das sich mithilfe einer Art Dockingstation mit Zahnrad und eines etwa fünf Zentimeter langen Stab, der durch die Station gezogen wird, beschleunigen lässt und das daraufhin geradeaus losrollt, bis es auf ein unüberwindliches Hindernis trifft.

Rad

Lieber Felix,

was für eine runde Sache, dieses Geschenk!

Denn genau wie auch das Rad, das erwartungsvoll herumkippelnd an der Nabenbefestigung hängt, ungeduldig die heftige Beschleunigung erwartend, die es sogleich erfahren wird, wartest ja auch du, etwas unruhig kippelnd, in deinem Leben auf die erste ganz große Beschleunigung.

Bisher hast du deine Verankerung an heimischen Dockingstation nie wirklich gelöst, hast immer nur selbstgefällig um dich selbst rotiert wie dieses Rad, das in alle Richtungen sich umschauen, nie aber den eigenen Standpunkt verlassen kann; doch nun, wenn du dich bald ins Flugzeug setzt und wie das Rad dich überstürzend und kopfüber, kopfunter, vor lauter neuer Umgebung und Schwindel vielleicht in die Orientierungslosigkeit der Fremde stürzend, wird all das dir nur noch von Ferne winken.

Doch sieh dich vor: auch kleine Hindernisse können das so lustig losgerollte Rad aus der Bahn werfen. Du kannst leicht sehen, wie eine kleine Unebenheit, ein Loch oder ein Hügel den Weg, der ja auch deiner ist, behindern und dich auch ganz zu Fall bringen können. Drum mögest du genug Energie haben, genug Drehmoment, auch diese kleinen Hindernisse so leicht zu überwinden, wie du die Trägheit zu Beginn deiner Reise hattest.

Die fünf Speichen des Rades sollen für deine fünf Sinne stehen; mögen sie dich immer wach und aufmerksam durch deine neue Welt geleiten! In alle Richtungen gerichtet, mögen sie dir eine stete Stütze sein, damit du nie verzagst oder deine runde Oberfläche eiförmig werde.

Mit den besten Wünschen,
dein Klaus

Der lyrische Kommentar:

Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
mit Ungeduld?

– Bertolt Brecht

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2 Gedanken zu “Die Überraschung der Woche (I)

  1. Pingback: Die Überraschung der Woche (II) | Klatsch und Bratsch

  2. Pingback: Die Überraschung der Woche (III) | Klatsch und Bratsch

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