Tourist

Whoever comes to Otavalo knows, as he stands among the Indians in their cemetery, or at their market, that he is a ghost. He, the tourist, is like the Yankee in King Arthur’s court. He is there, and yet he is not there. He could show these people the wonders of which he has learned in school and college, and they would laugh with him at his brilliance, and when he was gone, they would return to the ways they never really left.

Surely, the cholos of Otavalo are members of a feudal society, but you an enter with them into their cockfights, bet with them, talk with them. But whatever conversation in Spanish or Quichua you may pry out of an Otavalo, you are not allowed to forget that you are not talking with him, but making him talk to you. You probably don’t exist. The priest, the teniente, the mayordomos, the hacendados, these exist. The man from the city is a ghost.

– Albert B. Franklin, Ecuador: Portrait of a People

Die Überraschung der Woche (IV)

Gegenstand heute: Ein blauer Kreisel, der mit Wasser gefüllt werden kann und dann beim Kreiseln dieses in die Umgebung verspritzt.

 

Lieber Felix,

die kreiselnden, Bewegung simulierenden, aber stets statisch bleibenden Objekte verfolgen dich. Was ist das für ein Leben, heftig nach außen sprühend, alles, das nicht getroffen werden will, aus seiner Nähe vertreibend, Gefahr heischend, gefährlich tuend;  doch dann – nur wenig später – erlahmt und ohne Kraft mehr sich auch nur langsam weiter zu bewegen, zusammenzufallen und auf Hilfe wartend einsam herumzuliegen, angewiesen auf die Hilfe der großen Hand, von der allein es abhängt, ob du dein zielloses Spiel erneut spielen kannst.

Sicher, es muss Spaß machen, gerade in der Hitze, auch den anderen Kühlung verschaffen zu können, doch auch dafür bist du zu klein; du kannst bloß so tun als ob; in Wahrheit wirst du von überallher belächelt ob deiner aufgeregten Harmlosigkeit. Was also willst du? Siehst du bloß dich selbst, ist dein wildes Kreiseln der sinnlose Versuch, dir selbst in der Mitte deines Seins zu entkommen? Oder ist deiner armseligen Existenz schon dieses wenige bisschen Aufmerksamkeit genug, all dein Inneres in die Welt hinauszuschleudern und darin glücklich zu werden?

Ich jedenfalls werde aus diesem Orakel immer weniger schlau und bin gespannt auf die nächste Woche. Wenn du mir erklären kannst, was diese ganzen Räder, Kreisel und Autos zu bedeuten haben, dann melde dich doch mal bei mir, du hast mir das ganze hier schließlich eingebrockt.

Viele Grüße, du alte Samenschleuder!

Dein Klaus

 

Der lyrische Kommentar:

Das eilende Schiff, es kommt durch die Wogen
wie Sturmwind geflogen.
Mit Jubel verkünden der Stimmen gar viele:
Wir nahen dem Ziele!
Der Fährmann am Steuer nur stöhnet leise:
Wir segeln im Kreise!

– Marie Ebner-Eschenbach

Die Überraschung der Woche (III)

Gegenstand heute: Ein gelbes Rad mit fünf Speichen, das sich mithilfe einer Art Dockingstation mit Zahnrad und eines etwa fünf Zentimeter langen Stab, der durch die Station gezogen wird, beschleunigen lässt und das daraufhin geradeaus losrollt, bis es auf ein unüberwindliches Hindernis trifft.

Rad

Lieber Felix,

mir schwirrt der Kopf! Die Metaphern brechen ihre Eischale auf, kriechen heraus, machen sich selbstständig und übernehmen die Kontrolle!

Du erinnerst dich sicher noch an die vielen Rad-Schläge und Wünsche, die ich dir vor zwei Wochen mit diesem Präsent auf den Weg gegeben hatte. Doch jetzt erst, da mich geradezu das Rad selbst eigenmächtig auf sein Potenzial hingewiesen hat, merke ich, dass die wichtigste Eigenschaft nicht in meinem Brief aufgetaucht war.  Die Wiederkehr! Das Rad, gleich so wie es sich selbst um sich selbst dreht, bringt sich mir erneut in die Hände, als hätte es kraft seiner eigenen revolvierenden Kraft sich selbst mir entgegengerollt!

Was soll uns dieser unverkennbare Schicksalswink verraten? Das gute und wertvolle kehrt wieder, und zwar viel eher als man es sich erhofft. Beharre auf dem, wovon du weißt, dass es gut ist. Es wird dich ohnehin immer verfolgen, gleich dem fortgestoßenen Rad dir hinterherrollen, dort schon warten, wo du erst langsam dich hinbewegst.

Vergiss nie, dass, so weit du auch rollen magst, du doch stets nur um dich selbst kreist, mit immer den gleichen Sohlen den Boden berührst, mit immer den gleichen Augen in die Welt siehst und dass du letztendlich dich zurückwenden wirst dorthin, von wo du jetzt sehnsuchtsvoll aufrbrichst.

Eine weite Reise? Vielleicht.
Sicher aber: eine Rückkehr.

Dein Klaus

 

Der lyrische Kommentar:

Du kommst und gehst. Die Türen fallen
viel sanfter zu, fast ohne Wehn.
Du bist der Leiseste von Allen,
die durch die leisen Häuser gehn.

Man kann sich so an dich gewöhnen,
dass man nicht aus dem Buche schaut,
wenn seine Bilder sich verschönen,

von deinem Schatten überblaut;
weil dich die Dinge immer tönen,
nur einmal leis und einmal laut.

Oft wenn ich dich in Sinnen sehe,
verteilt sich deine Allgestalt:
du gehst wie lauter lichte Rehe
und ich bin dunkel und bin Wald.

Du bist ein Rad, an dem ich stehe:
von deinen vielen dunklen Achsen
wird immer wieder eine schwer
und dreht sich näher zu mir her,

und meine willigen Werke wachsen
von Wiederkehr zu Wiederkehr.

– Rainer Maria Rilke

 

 

Das Fischbrötchen

„Ich interessiere mich normalerweise nicht für solche Dinge“, sagte er, und sah mir über den Rand seines Smartphones kurz in die Augen, „aber: Wie geht es Ihnen?“

„Ich … gut.“ Meine Stimme zitterte ein wenig, und ich musste mich räuspern.

Dann antwortete er nicht, sondern starrte das Display vor ihm auf dem Tisch an, als wollte er es verspeisen.

Weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, setzte ich mich vorsichtig hin und sah ihm zu. Neben dem Handy, auf dem er jetzt ungeduldig herumtippte, lag ein angebissenes Fischbrötchen, das ebenso wie ich darauf zu warten schien, beachtet zu werden.

Ich wollte etwas sagen, aber alles erschien mir unpassend; und so schwieg ich.

Nach einiger Zeit stand er auf, drehte sich um und ging. Ich blieb sitzen und beobachtete das Handy und das Brötchen vor mir auf dem Tisch. Wie zwei riesige, unergründliche, nur aufeinander fixierte Augen lagen sie da. Es sah aus wie so ein Bild von Paul Klee, dachte ich, das man immer bei etwas Wichtigem zu stören meint, wenn man es ansieht, weil es so sehr auf sich selbst gerichtet ist.

Ich versuchte mir vorzustellen, wie der Fisch von innen in das Brötchen hineinsah, ebenso wie ich von außen hineinstarrte (was er wohl aus seinem kleinen Spalt sehen würde, der ihn mit der Außenwelt verband?) und wie es sich wohl anfühlen würde, eingesperrt in ein solch teigiges, langsam zusammenfallendes Gefängnis seinem Ende entgegenzusehen. Zu wissen, dass man nicht allzubald zerkaut und verschluckt würde und dann den Menschen von innen betrachten müsste. Ich erschauderte bei der Vorstellung.

Plötzlich blinkte das Handydisplay auf und eine Anzeige erschien. „Eine neue SMS-Nachricht“, las ich kopfüber in einem Fenster, das sich von alleine geöffnet hatte. Ich überlegte, ob ich sie lesen dürfte, aber sie war wohl nicht für mich bestimmt; deshalb hielt ich still und überlegte. Der Fisch und das Brötchen daneben schienen von dem plötzlichen Ereignis nichts mitbekommen zu haben. Sie lagen unverändert da.

Bald verschwand das Fenster und das Display wurde so bodenlos schwarz wie zuvor, nur noch ein kleines blinkendes Lämpchen signalisierte der Welt Empfangsbereitschaft. Meine Gedanken wandten sich wieder von dem Handy ab.

Ob man, wenn man nur lange genug wartete, dem Brötchen beim langsamen Verfaulen zusehen könnte? Bei dem verzweifelten Versuch, dem Verzehr durch Selbstauflösung zu entgehen, der doch unweigerlich im Mülleimer und auf der Deponie enden würde, ohne Aussicht, seinem Schicksal je zu entkommen? Und was würde mit dem Smartphone geschehen? Doch solange ich auch hinschaute, auf dem Tisch vor mir veränderte sich nichts.

In unregelmäßigen Abständen trafen noch einige Nachrichten ein.

Der Mann aber kehrte nicht zurück.