Das Fischbrötchen

„Ich interessiere mich normalerweise nicht für solche Dinge“, sagte er, und sah mir über den Rand seines Smartphones kurz in die Augen, „aber: Wie geht es Ihnen?“

„Ich … gut.“ Meine Stimme zitterte ein wenig, und ich musste mich räuspern.

Dann antwortete er nicht, sondern starrte das Display vor ihm auf dem Tisch an, als wollte er es verspeisen.

Weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, setzte ich mich vorsichtig hin und sah ihm zu. Neben dem Handy, auf dem er jetzt ungeduldig herumtippte, lag ein angebissenes Fischbrötchen, das ebenso wie ich darauf zu warten schien, beachtet zu werden.

Ich wollte etwas sagen, aber alles erschien mir unpassend; und so schwieg ich.

Nach einiger Zeit stand er auf, drehte sich um und ging. Ich blieb sitzen und beobachtete das Handy und das Brötchen vor mir auf dem Tisch. Wie zwei riesige, unergründliche, nur aufeinander fixierte Augen lagen sie da. Es sah aus wie so ein Bild von Paul Klee, dachte ich, das man immer bei etwas Wichtigem zu stören meint, wenn man es ansieht, weil es so sehr auf sich selbst gerichtet ist.

Ich versuchte mir vorzustellen, wie der Fisch von innen in das Brötchen hineinsah, ebenso wie ich von außen hineinstarrte (was er wohl aus seinem kleinen Spalt sehen würde, der ihn mit der Außenwelt verband?) und wie es sich wohl anfühlen würde, eingesperrt in ein solch teigiges, langsam zusammenfallendes Gefängnis seinem Ende entgegenzusehen. Zu wissen, dass man nicht allzubald zerkaut und verschluckt würde und dann den Menschen von innen betrachten müsste. Ich erschauderte bei der Vorstellung.

Plötzlich blinkte das Handydisplay auf und eine Anzeige erschien. „Eine neue SMS-Nachricht“, las ich kopfüber in einem Fenster, das sich von alleine geöffnet hatte. Ich überlegte, ob ich sie lesen dürfte, aber sie war wohl nicht für mich bestimmt; deshalb hielt ich still und überlegte. Der Fisch und das Brötchen daneben schienen von dem plötzlichen Ereignis nichts mitbekommen zu haben. Sie lagen unverändert da.

Bald verschwand das Fenster und das Display wurde so bodenlos schwarz wie zuvor, nur noch ein kleines blinkendes Lämpchen signalisierte der Welt Empfangsbereitschaft. Meine Gedanken wandten sich wieder von dem Handy ab.

Ob man, wenn man nur lange genug wartete, dem Brötchen beim langsamen Verfaulen zusehen könnte? Bei dem verzweifelten Versuch, dem Verzehr durch Selbstauflösung zu entgehen, der doch unweigerlich im Mülleimer und auf der Deponie enden würde, ohne Aussicht, seinem Schicksal je zu entkommen? Und was würde mit dem Smartphone geschehen? Doch solange ich auch hinschaute, auf dem Tisch vor mir veränderte sich nichts.

In unregelmäßigen Abständen trafen noch einige Nachrichten ein.

Der Mann aber kehrte nicht zurück.

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4 Gedanken zu “Das Fischbrötchen

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