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Der erste Tag

Hinweis

Eine der Pflichten eines guten Freiwilligen im Ausland ist es, zu sagen, man „tauche ein“ in eine „fremde Kultur“. Die leichte Ranzigkeit dieser Metapher – in etwa verwandt mit der des „kletternden Thermometers“ – wird nur von der Naivität der Vorstellung übertroffen, es gebe so etwas wie eine „Kultur“, die man in diesem einen Jahr erfahren könnte. Die Unterschiede zwischen zwei Gastfamilien in Quito sind ja schon größer als die zwischen „Deutschland“ und „hier“; wie kann es dann so etwas wie eine „ecuadorianische“ Kultur geben?

Aber jene, die immer davon reden, könnten vielleicht das meinen, was ich an meinem ersten Tag in Ecuador erlebte. Ich lernte nämlich die drei – wenn ich meinen Gastbrüdern glauben kann – Nationalsportarten des Landes kennen; und wenn etwas zu dieser „Kultur“ gehört, dann wohl der Sport des Volkes.

Mir scheint, dass zumindest die Quiteños passionierte Frühaufsteher sind; jedenfalls fände man in Deutschland keine Freizeitfußballtruppe, die sich sonntags um neun Uhr morgens zum Fußballspielen trifft. Die vielen Felder des (warum auch immer so genannten) „Indor-Parks“ unter freiem Himmel, rings umgeben vom gelbgrünen Andenpanorama einerseits und einer lauten und vielbefahrenen Durchgangsstraße andererseits, war bei unserer Ankunft um etwa diese Uhrzeit schon gut gefüllt.

Zu dem Spiel, das sich ergab, war es mir aber nicht möglich, viel mehr als eine äußerst defensiv interpretierte Außenverteidigung beizutragen. „Hör auf dein Herz“, hatte mir meine Gastmutter mit auf den Weg gegeben, und diese – hier auf 2800 Metern wunderbar doppeldeutige – Aufforderung erwies sich als sehr wohlbegründet.

Außer, dass in Deutschland selten einen Kopf größere Ausländer mit der Kondition eines Achtzigjährigen hinzustoßen, unterschied sich das Spiel aber in nichts von einem, wie man es auch in Berlin oder Castrop-Rauxel anträfe, weder in der sinnlosen Einzelgängerei noch in der Flucherei, deren größter Teil mir dank mangelnder Sprachkenntnisse wohl entging, noch in der verzweifelten Ballerei aus dem Halbfeld, von der sich ein desillusionierter Mittelfeldspieler einen kurzfristigen Eintrag in die Annalen der Clique erhofft.

Der zweite Nationalsport, der nach dem Aufbrauchen der Konditionsreserven auch der Einheimischen betrieben wurde, verdient diesen Namen wirklich; er ist nämlich außerhalb der Grenzen des Landes Landes gänzlich unbekannt. Ecuavoley, eine ecuadorianische Variante des Volleyballs, enthüllt schon auf den ersten Blick den sympathischen Größenwahn dieser kleinen, vom Rest der Welt etwas vergessenen Nation.

Als wollten sie über ihre geringe Körpergröße hinwegtäuschen, die sie für das Volleyballspiel tendenziell ungeeignet macht, haben die Ecuadorianer drei wesentliche Änderungen an den Regeln dieser Sportart vorgenommen. Erstens haben sie das Netz  noch höher gehängt, sodass Angriffsschläge gänzlich unmöglich werden; zweitens haben sie die Zahl der Spieler halbiert, das Feld aber nahezu unverändert gelassen; und drittens haben sie keinen Volleyball, sondern benutzen einfach ihren Fußball. Welchen Gefallen sie an diesem schmerzensreichen, aber eher spannungsarmen Spiel finden, hat sich mir nicht erschlossen. Es wird aber in allen Parks und vielen Straßen betrieben; richtiges Volleyball findet man kaum.

Die dritte Sportart hat in der spanischen Sprache einen wunderbaren Namen, der sich kaum übersetzen lässt. „Tomar“ bedeutet normalerweise, als transitives Verb, „etwas nehmen“, hier in Südamerika auch „etwas essen“ oder „etwas trinken“. Aber das absolute, intransitive „tomar“ hat nur eine unverwechselbare Bedeutung: Saufen, und zwar ordentlich. Mein Gastbruder und sein Freund, bei dem wir zu Gast waren, mussten dessen Abschied gen Süden des Landes – für immerhin 14 Tage! – dringend begießen; und so floss seit etwa vier Uhr eine Flasche Bier nach der anderen ihre Kehlen hinunter.

Doch gerade diese Szene in ihrer internationalen Banalität wurde für mich nüchternen Beobachter zum Symbol der subtilen Melancholie, die dem ecuadorianischen Machsimo innewohnt und die ihn so sympathisch macht.

Denn selbstverständlich besorgte sich keiner der zunehmend betrunkener Werdenden um die Zubereitung des Abendessens. Mit unerschütterlicher Ruhe, stoisch über die immer ungelenker werdenden Versuche der beiden Trinkenden, die stetig wachsende Menge geleerter Flaschen vor ihr zu verbergen, hinweglächelnd, arbeitete die Mutter jenes Freundes in der Küche. Gelegentlich rang sie sich ein Lächeln über die langsam obszöner werdenden Witzeleien der beiden ab, aber sie machte nicht die kleinste Bewegung, die einen ihre weit überlegene Position hätte spüren lassen. In sich gekehrt, vielleicht nur sich selbst den angebrachten Spott über die Szenerie erlaubend, ging sie ihrer Arbeit nach. Es war eine kleine, gedrungene, unauffällige  Gestalt, der nur die wachen Augen einige Besonderheitverliehen. Aber selten habe ich eine Person mit größerer Würde, fast Grandezza, ein Abendessen servieren sehen.

Hier bin ich richtig, dachte ich auf dem Nachhauseweg. Die, die viel reden, kann man nicht ernst nehmen. Und die, die wissen, schweigen.

Wir fliegen

Wir fliegen
Unten
Hinter den Wolken
Liegt der Himmel
Oben
Spiegelt sich das blaue Wasser
In der Oberfläche des Himmels
Oder nur in der Spiegelung
Vorne
Durchstößt die Küste
Die dichte Himmelsdecke
Hinten
Wo die Last der Wolken zu groß ist
Bricht das Meer ein wenig ein
Wir fallen

3. August 2013

Wacken macht schlau

Es ist wieder Zeit für Wacken, das größte und beste Festival aller Zeiten…

Eine gute Gelegenheit, eine Kerze anzuzünden, eine gute Platte aufzulegen und noch einmal Herman the German zu lauschen, der mir mit seiner feinsinnigen Definition von Musik tief aus der Seele spricht. Plato, Nietzsche und Adorno können sich mit seiner Prägnanz sicher nicht messen lassen; 2000 Jahre musikphilosophische Tradition sind nur ein nasses T-Shirt gegen die intellektuelle Kraft dieser Aussage: