Bis ich realisiert habe, wie lange ich wirklich hier sein werde, dauert es wohl noch einige Zeit. So etwa ein Jahr, schätze ich.

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Heimat

Es ist ein ruhiger Sonntagmorgen; die Familie ist zum Einkaufen ausgefahren; der Lautsprecher, der sonst jedes Geräusch und jeden Gedanken in seinem unablässigen Strom immergleichen Gedudels ertränkt, schweigt, zum ersten Mal, seit ich hier bin; und endlich, endlich nach so vielen Tagen, finde ich Zeit zu schreiben.

Zum ersten Mal auch höre ich die Klänge der Natur um mich herum; leise zwitschernde und gurrende Vögel, zirpende Grillen, die piepsenden Küken, die um mich herum und unter meiner Bank nach Futter suchen, fern das Gequake der Frösche. Die Kühle des Morgens ist einer angenehm lauen Temparatur gewichen, die Sonne scheint nur ab und zu herab.

Seit gestern bin ich vier Wochen hier; und in welch hektischer Unruhe ich sie vebracht habe, wird mir erst jetzt bewusst. Ich werde der musikalischen Beschallung und dem allabendlichen Fernseher, der dank der nach oben offenen Zwischenwände im ganzen Haus zu hören ist, öfter entfliehen müssen.

Gestern war ich auf meiner ersten Wanderung in der Umgebung unterwegs; und anders als sonst bei Wanderungen hat sie mir die Orientierung in der Umgebung eher erschwert als erleichtert. Das Land hier ist von einer Topographie, wie ich sie noch nicht kennengelernt habe: An fast keiner Stelle findet man eine ebene Fläche, stets geht es steil bergauf und bergab, hinauf auf Sättel oder kleine Gipfel, alle ungefähr von gleicher Höhe, hinab zu Flüssen, Rinnsalen oder trockenen Flussbetten (die sich in der Regenzeit wahrscheinlich füllen), dann sofort wieder steil aufwärts, um gleich darauf erneut steil abzufallen.

Doch all diese Hügel und Täler wirken merkwürdig ziellos: Sie bauen sich nicht auf einen Gipfel oder eine flache Ebene hin auf oder ab, die Landschaft hat keine Richtung. Wenn man einen dieser vielen Rücken und Sättel besteigt, dann ergibt sich zuweilen ein beeindruckender Ausblick: Wie verschiedene Ebenen in der Kulisse eines Schattentheaters, die sich nur durch verschiedene Schärfegrade unterscheiden, staffeln sich dann die Erhebungen hintereinander, scharf markiert durch einzelne hoch hervorstehende und sich vor dem Himmel abzeichnende Palmen.

Wegen der steilen Hänge ergibt sich jedoch der Tiefeneindruck nicht aus einer perspektivischen Erstreckung des Panaromas nach hinten, sondern bloß durch die Nebeneinanderordnung der Ebenen, wie Karten eines Kartenspiels, die man nacheinander hervorschiebt. Besonders im leichten Nebel, wenn sich die Hänge nach und nach ins Bläuliche verklären, ist diese Aussicht eindrucksvoll. Doch weit reicht sie nie; da keine Erhebung sich über das Niveau der anderen erhebt, kann man mehr als die nächsten zwei oder drei Rücken, weiter als einige hundert Meter kaum je sehen. Bewachsen sind die Hänge mit Kakao-, Obst- oder Palmenplantagen, verwunschenen Kuhweiden, zuweilen von einzelnen hoch aufragenden Bäumen, die aus irgendeinem Grund als ungenutzte Überbleibsel inmitten der Fincawirtschaft sich erhalten haben.

Der Weg, der sich von der Hauptstraße hinab in Richtung meines Hauses schlängelt, besteht aus mehr oder weniger planierter Erde und Steinen. Je nach Zustand der Straße und Laune des Fahrers kann eine Fahrt im Auto oder auf dem Motorrad eine schaukelige Angelegenheit sein. Das liegt auch daran, dass auf angenehme Begehbarkeit oder landschaftlich elegante Einpassung bei ihrer Konstruktion wenig Rücksicht genommen werden konnte und die Wege mitunter waghalsig bergauf und bergab führen. Außerdem sind sie von einer Breite, die Fahrern einander entgegenkommender Autos beim Passieren einiges Geschick abnötigt.

Die Häuser, die im Abstand von einigen hundert Metern die Wege säumen, liegen meist etwas abseits, mit einer zuweilen eigenartig pompösen Auffahrt den Beginn ihres Grundstücks ankündigend.

All diese Eigenschaften hatten mich an sinnlos zuasphaltierte deutsche Straßen und Wege Gewöhnten die Bedeutung dieser Infrastruktur fatal unterschätzen lassen, als ich sie bei meiner Ankunft das erste Mal sah. Für nichts weiter als einen Zufahrtsweg hatte ich diese abrupt, steil und unangekündigt von der Hauptstraße abknickende Straße gehalten und mich gar am Ende einer – mir immerhin schon ungewöhnlich lang vorkommenden – Sackgasse gewähnt.

Man kann sich die Verunsicherung gar nicht groß genug vorstellen, die ich empfand, als ich nach und nach feststellte, wie sehr ich mich in dieser Einschätzung getäuscht hatte und in welches Labyrinth mich dieser unscheinbare Weg in Wirklichkeit geführt hatte. Zunächst bemerkte ich, dass der Weg zu meinem Haus mitnichten eine Sackgasse war, sondern noch weiter, viel weiter führte, und überhaupt nicht zu enden schien.

Später stellte ich fest, dass auch die abzweigenden Wege, die ich erst gar nicht und dann nur peripher wahrgenommen hatte, nicht etwa einfache Feldwege waren, wie ich leichtsinnigerweise angenommen hatte, sondern ebenfalls zu weiteren Häusern, ja ganzen Dörfern führen konnten. Bisher hatte ich den Weg, der mich immer hinein und hinaus führte, für eine Art Hauptstraße gehalten; doch mit dieser Entdeckung war auch diese Gewissheit verloren.

Wenn ich den Begriff „Dorf“ hier benutzt habe, dann ist dies nicht mehr als eine behelfsweise Übersetzung des Begriffs „Recinto“ und kaum geeignet, die Besiedlungsstruktur der Umgebung wirklich zu beschreiben. In erster Linie sind die Recintos geographische Abgrenzungseinheiten, die bestimmte Fincas, bestimmte Häuser, bestimmte Familien zusammenfassen. Die Größe eines Recintos  variiert, aber man kann zu Fuß gut bis zu eineinhalb Stunden brauchen, um sie zu durchqueren. Sozialer Mittelpunkt eines jeden Recintos ist die Schule, meist mit einem bis zwei Lehrern, einem bis drei Schulräumen, Sanitäranlagen, einem großen Schulhof, der auch des nachts beleuchtet werden kann, und auf dem man sich stets zum Sport trifft, sowie einigen Spielgeräten versehen.

Mit einem „Dorf“, wie es der an deutschen Dörfern geprägte Begriff impliziert, hat dies wenig zu tun; es gibt wohl überhaupt keine adäquate deutsche Entsprechung  dieser sozialen Organisationseinheit.

In der Tat; wenn es hier etwas geben sollte, das mich wirklich fremdeln lässt; das mir tagtäglich vor Augen führt, dass ich aus einem anderen Land komme, das tatsächlich anders ist als dieses; das mir meine Sozialisation, meine Gewöhnung an das Eigene unerbittlich und unausweichlich aufzeigt, dann ist es diese Bedeutungsverschiebung der Geographie.

Dass im Grunde alle Begriffe, mit denen ich Orte bisher immer beschreiben konnte, an die ich – im schlechtesten Sinne – „gewöhnt“ bin; die Begriffe von „Weg“ und „Straße“, von „Dorf“ und „Stadt“, von „Kreuzung“ und „Haus“; hier eine Bedeutung haben, die mit der deutschen Bedeutung mindestens inkongruent, vielleicht sogar inkommensurabel ist; dass die Sprache letztendlich gar nicht direkt übersetzbar ist, das ist die erschütterndste und zugleich aufregendste, meine Neugier auf ungekannte Weise anstachelnde, Feststellung, die ich bisher gemacht habe.

Denn Unübersetzbarkeit heißt ja nicht Unverständlichkeit. Dass ich mit keinem Wörterbuch und keinem Reiseführer, der mir irgendetwas erklärt, keiner Karte und keinen noch so ausdauernden Fragen an meine Familie die Bedeutung all desen begreifen werde – die kulturelle und soziale Geographie all dieser Orte, die weit mehr ist als eine Zeichnung von Strichen und Punkten auf dem Papier, die man dann Karte nennt und für die Orientierung für ausreichend hält – dass mir dieser Weg des Vergleichs vielleicht grundsätzlich versperrt ist, bedeutet ja nicht, dass es nicht grundsätzlich möglich wäre, diesen Ort hier zu verstehen.

Es bedeutet lediglich, dass ich die Geographie und den Raum selbst erkunden muss, langsam und geduldig; dass ich die Bedeutung der Begriffe als ein Kind neu erlernen muss; dass ich beobachten, nachahmen und fragen muss (Aber das Richtige! Was das, ist weiß ich nicht.) und dass ich nicht versuchen darf, in deutschen Kategorien das Fremde zu erfassen.

In einem Wort, wie es in all seiner süßlichen Sehnsüchtigkeit nur im Deutschen existieren kann: Es muss mir Heimat werden.