Chevron

Eine Anzeige, die ich am Mittwoch in einer Zeitung fand, machte mich stutzig. Ich las:

„Es gibt nur eine Form, die Zweifel an der Richtigkeit der Kontamination, die das Ölunternehmen Chevron in Amazonien [dem Ostteil Ecuadors] verursacht hat, auszuräumen. Und die Journalisten kennen sie: die Tests, die Daten, die Zahlen, die Beweise und die Reise zur Quelle sind die einfachsten Überprüfungen hierfür.

Denjenigen Journalisten, die verantwortungsvoll einen Beruf ausüben, dessen allererste Materie die Wahrheit und die Ehrlichkeit ist; und denjenigen Korrespondenten, Ölexperten, Politikern, ehemaligen Funktionären vorheriger Regierungen und Kommentatoren, die dazu gekommen sind, zu behaupten, dass die von Chevron verursachte Kontamination auf Petroecuador zurückgehe, dass die Becken schon von diesem transnationalen Unternehmen in Ordnung gebracht worden seien und dass die Hand des Präsidenten der Republik, Rafael Correa, von neuem Erdöl beschmutzt wurde und nicht von Öl aus jener Zeit, von Tusche oder von mit einem Brenner angerührtem Öl; all jenen sprechen wir die öffentliche Einladung aus, die Kontamination im Schacht Aguarico 4 in der Provinz Sucumbíos in situ zu überprüfen.

Am nächsten Dienstag um 9.00 Uhr wird zu diesem Zweck ein Flug vom Flughafen Mariscal Sucre der Stadt Quito aus nach Lago Agrio abheben. Das Nationale Sekretariat für Kommunikation lädt förmlich die im Folgenden aufgelisteten Personen ein:

[Es folgt eine Liste von 39 Namen]“

Nicht der Inhalt, die Form dieser halbseitigen Anzeige machte mich stutzig, zumindest war ich einen derartigen Umgang mit kritischer Berichterstattung (welchen Wahrheitsgehalt sie auch habe) nicht gewohnt. Ich fuhr ins Internetcafé und las ein wenig nach, was davon zu halten war.

Die Geschichte dieser Anzeige beginnt im Jahr 1964, als das amerikanische Ölunternehmen Texaco im Norden Ecuadors nach Erdöl zu fördern begann, in einer Art Joint Venture mit Gulf Oil. Letztere zogen sich allerings schon bis 1976 aus dem Konsortium zurück und verkauften ihren Anteil an das staatliche Ölunternehmen CEPE, das 1976 letztendlich zum Mehrheitseigner wurde.

1990 bis 1992 überließ Texaco schließlich dem inzwischen in Petroecuador umbenannten Staatsunternehmen die Anteile an dem Konsortium  und zog sich ganz aus dem Land zurück. 2001 schloss es sich mit dem Unternehmen Chevron zu ChevronTexaco zusammen, das seit 2005 wieder nur Chevron heißt.

Allerdings blieben auch nach dem ökonomischen Rückzug die ökologischen Folgen der Ölförderung in den zuvor kaum berührten Gebieten bestehen. Die von Texaco kontaminierten Wasserbecken verschmutzten das Wasser und die Umwelt der Umgebung, und schon 1993 formierte sich eine Interessenvertretung (Frente de la Defensa de Amazonía, dt. „Verteidigungsfront Amazoniens“) der betroffenen Ureinwohner und Farmer, die eine Wiedergutmachung forderte.

Diese Gruppe reichte ebenfalls schon 1993 in den USA Anklage gegen Chevron ein. Dieser Prozess zog sich über 10 Jahre hin und wurde 2003 schließlich nach Ecuador zurücküberwiesen, wo sich ein lokales Gericht in der Provinzhauptstadt Lago Agrio des Falles annahm. 2011 wurde Chevron dort zu einer Strafe von 19 Milliarden Dollar verurteilt. Der Konzern erkennt die Strafe aber nicht an und beklagt Korruption.

Unter diesen Vorraussetzungen machte sich der infolge der Yasuní-Diskussion unter einigen Druck geratene Präsident Correa am 17. September nach Lago Aguarico auf, um pressewirksam seine Hand in das kontaminierte Becken Aguarico 4 zu tauchen und der Welt die „Schmutzige Hand von Chevron“ zu präsentieren. Verbunden war und ist dieser Auftritt mit einer umfangreichen Kampagne gegen das Unternehmen, das den Druck erhöhen soll, die Strafe zu zahlen und das Urteil anzuerkennen. Correa forderte unter anderem Verbraucher in aller Welt dazu auf, Produkte von Chevron zu boykottieren. (Hier die Berichterstattung auf stern.de.)

In dem propagandaschwülen Debattenklima (die jeweils mit Vorsicht zu genießenden Webseiten hier und hier), in dem sich beide Seiten gegenseitig Korruption, Gutachtenkauf, Journalistenbestechung und weiteres vorwerfen (aus dem Grund, das unabhängige Informationen kaum zu erhalten sind, versuche ich mich hier auch so weit wie möglich des Urteils zu enthalten), stellten nun Anfang Oktober Henry Llanes, Vertreter einer kleinen Oppositionspartei, sowie Jorge Pareja Cucalón, ein ehemaliger Regierungsvertreter und Ölmanager, in einem Radiointerview des Senders Radio Democracia die Behauptung auf, das Öl in jenem Becken Aguarico 4 sei „nicht aus jener Epoche“ Chevrons, sondern aus der Zeit nach 1992. Vielleicht, so ließen sich andere Äußerungen auch deuten, handle es sich auch überhaupt nicht um Erdöl, vieleicht sei die ganze Kampagne mithin fingiert.

Ein zweiter kritischer Artikel zu diesem Thema war bereits am 28. September in der Zeitschrift The Economist erschienen. Dort hieß es:

„In Wirklichkeit hat Ecuadors Regierung im Jahr 1998 eine abschließende Übereinkunft mit Chevron erzielt (die Teergrube, in die Herr Correa seine Hand Anfang dieses Monats gesteckt hat, steht unter Verantwortung von Petroecuador“

Die Antwort auf diese beiden Meinungen war erstens die oben zitierte Einladung, deren Rang man in HInblick auf den Rang der Pressefreiheit unterschiedlich bewerten kann.

Einen weit heftigeren Angriff unternahm Präsident Correa höchstpersönlich allerdings auf den Economist. Wörtlich sagte er in seiner wöchentlichen Mitteilung vom Samstag, dem 5. Oktober:

Diese derart unflätigen Lügenmärchen dürfen nicht ungestraft bleiben. Wir Bürger sind mehr als deren Millionen Dollar; lassen wir nicht zu dass man lügt! Schickt alle diesem korrupten Economist Tweets, um ihm zu sagen, dass sie  gelogen haben und dass sie, wenn sie eine Berufsethik haben, kommen sollen, wie wir es dem Radio Democracia gesagt haben, und ihre Hand in dieses Becken halten. Lassen wir diese monströsen Lügen nicht ungestraft.

Möge Petroecuador prüfen, ob sich weitere Rechtsmittel einlegen lassen. Antworten wir, protestieren wir, wir können nicht Sklaven der Korruption und der Lügen dieser Klasse von Leuten wie dem Economist sein.

Nichts davon ist zufällig, es ist das Imperium des Kapitals, es sind die Verbindungen, die sie zwischen sich haben. Lasst uns doch mal die Aktionäre anschauen, die Verbindung des Economist mit Chevron. Chevron hat Kampagnen im Economist finanziert […] Eine Kampagne für ein Energie-Projekt zwischen Chevron und The Economist Group. Daas sind keine Geschenke, sie haben Kontakte untereinander, sie haben Geschäfte, sie verteidigen sie, sie vereinigen sich alle um den anzugreifen, der es wagt, sie zu beschimpfen.

Viele mächtige Aktionäre von Chevron sind auch Aktionäre vom Economist. So funktioniert die Welt, eine Welt unter der Herrschaft des Kapitals. Das Kapital vereint sich und versucht uns zu überwältigen. Das muss man der ganzen Menschheit vor Augen führen.

Zwei mächtige ausländische Familien, Rothschild und Schroder, sind Aktionäre der Economist Group und von sechs Finanzkonzernen, die ihrerseits Aktionäre von Chevron sind. Das sind die internationalen Mafias, das ist der Kampf der Linken. Es ist nicht der alberne Kampf wie der ökologische Infantilismus, der Ultra-Indigenismus. Dies ist der Kampf, dessen sich die Linke bewusst sein muss, es ist der Kampf gegen das Imperium des Kapitals, der in diesem Fall sehr klar durch Chevron und den Economist zum Ausdruck kommt, verwandte Gruppen, die jetzt ihre Interessen auf einem Fundament von Lügen verteidigen.

Wenn wir Bürger der Erde uns vereinigen, können wir die Herrschaft des Kapitals und seinen Missbrauch besiegen.“

Die bemerkenswert humorvolle Antwort des Economist auf diese Suada kann man hier lesen.

Das Urteilen fällt schwer über ein Land, das ich noch nicht gut kenne und nicht einschätzen kann; das weiterhin unter jenem Präsidenten wie aus einem Dornröschenschlaf erwacht ist und einen beispiellosen Aufschwung im sozialen, infrastrukturellen und Bildungsbereich erlebt; und dessen Medienlandschaft von außen kaum besser einzuschätzen ist als die politische Lage. Wahrscheinlich ist das Recht auch auf ihrer Seite und die Menschen, die Gegenteiliges behaupten, sind in der Tat im Unrecht.

Doch eine Regierung, die auf Anmerkungen, die nicht ihrer Linie entsprechen, mit einem derartigen Gegenangriff reagiert, die sich in ihrer Selbstgerechtigkeit und Selbstgewissheit derart einigelt, dass Kritik mithilfe von Aufrufen zu Shitstorms und hässlichsten antisemitischen Klischees (die Familien Rothschild und Schroder sind jüdisch, und der Topos des jüdischen Finanzkapitals, das die Welt unterjoche, gehört natürlich zu den Klassikern auf diesem Gebiet) abzuschmettern versucht, kann – so sehr ich ihm inhaltlich auch Recht geben möchte – zumindest mir nicht sympathisch sein.

Unter den derzeitigen Umständen, mit der grandiosen Zustimmung und den nicht übersehbaren Wohltaten, die Correas „Revolución Ciudadana“ dem Land gebracht hat, mag das in der Tat ein Luxusproblem in dieser Gesellschaft sein. Man kann jedoch nur hoffen, dass in dem Moment, in dem sich im Land ernsthafter Widerstand gegen die Regierung regen sollte, in dem der Apparat Correas gegen eine größere Opposition steht, die Prinzipien des freien Meinungsaustauschs und des Abwägens von Argumenten und Fakten noch immer die größte Stärke besitzen.

Ins Gespräch kommen

Wir hatten ihn schon eine ganze Weile beobachtet, wie er da den Strand entlanglatschte, mit seinen albernen Wanderschuhen und dem viel zu großen Rucksack.

Jetzt kam er zu uns heran, baute sich dicht vor uns auf, so dicht, dass man zwischen seinen braunen Wandersocken und seiner hochgekrempelten Jeans die Mückenstiche zählen konnte, und schwang seinen Rucksack herab, mitten hinein in unser Murmelfeld.

„Uff“, machte er, als hätte er etwas sehr schweres hergetragen, und griff nach seiner fast leeren Wasserflasche. Er schraubte sie auf und trank sie aus, den Kopf in den Nacken gelegt, mit der Rechten die Flasche wie ein Megaphon in die Luft reckend, die Linke in die Hüfte gestemmt. Die leere Flasche steckte er wieder zurück in den Rucksack, der soeben unseren Spielstand der letzten Stunde unter sich begraben hatte.

„Seid ihr aus dem Dorf da hinten?“, fragte er, als er fertig war, und zeigte auf die Häuser. Wir nickten. „Ach ja, schön.“, sagte er, und dann: „Ich bin gestern in der Stadt angekommen“ er zeigte hinter sich, wo sich noch sein Pfad im Sand abzeichnete „aber da ist es mir irgendwie zu touristisch alles, deswegen dachte ich, ich komm mal hier rum.“ Er ließ seinen Blick mit einer schnellen Bewegung des Kopfes über den Ort schweifen.

„Und wie lebt sich’s hier so?“ Gut, sagten wir und begannen, unsere Murmeln neu zu verteilen, für das nächste Spiel. „Ach ja, schön.“ Er blickte jetzt versonnen zu den Booten hinüber.

„Ihr lebt hier also vom Fischfang? Und, läuft’s gut, das Geschäft?“ Ja, sagten wir. Es fehlte eine Murmel; wahrscheinlich war sie auch unter dem Rucksack verschwunden.

„Ach ja, schön. Sagt mal, stört’s euch, wenn ich mich ein bisschen zu euch setze? Ich bin übrigens der Jens. Was macht ihr denn da gerade?“ Murmeln spielen, antworteten wir. „Ach ja, schön. Macht nur ja weiter, ich will euch ja nicht stören.“ Und ließ sich in den Sand fallen, den Blick erwartungsvoll auf uns gerichtet.

Weil immer noch eine Murmel fehlte, konnten wir nicht richtig spielen und plänkelten nur ein wenig herum. Wir warfen die Murmel hin und her, zogen ein paar Linien und machten uns so ein Muster im Sand. Es war ein bisschen langweilig, aber wir wollten nicht unhöflich erscheinen.

„Dieses Spiel ist das hier so eine Tradition bei euch im Dorf?“, fragte er nach ein paar Minuten. Wir nickten und machten ein paar kompliziert aussehende Linien mehr. „Ach ja, schön. Das kriegt man ja gar nicht mit, wenn man immer nur auf den ausgelatschten Pfaden bleibt.“ Wir nickten.

„Könnt ihr mir das ein bisschen erklären?“, fragte er, als das Muster schon sehr groß und sehr unübersichtlich geworden war. „Was bedeuten diese ganzen Linien?“ Nichts, sagten wir, nur ein Spiel. Es soll halt schön aussehen. „Ach so“, sagte er.

Das Spiel war wirklich sehr langweilig. Wir taten schon nur noch so, als spielten wir wirklich, aber er sah auch schon nicht mehr hin, denn er hatte ein paar Möwen über der Brandung entdeckt. „Schaut mal, Möwen“, sagte er. Wir schauten. „Schön! Ich finde ja sowieso die Tierwelt am interessantesten.“

Und zum Beweis wandte er sich seinem Rucksack zu, um eine billige Digitalkamera hervorzukramen. Diese zeigte er erst in unsere Richtung, hastig herüberlächelnd, dann streckte er sie dem Meer entgegen. Zu seinem Bedauern war die Tierwelt aber schon weitergezogen und hatte leider nicht auf sein Foto gewartet.

„Ach schade“, sagte er, „ich hätte das gerne festgehalten. Na ja. Ich schieß mal ein paar Fotos von euch hier so und dem Spiel, wenn ihr nichts dagegen habt, nur so für mich als Erinnerung.“ Und er sprang auf, ging ein bisschen vor und zurück und hin und her, und hielt den Apparat immer in unsere Richtung, genau zwischen uns und ihn. Zum Glück hatten wir das alberne Muster vorher noch schnell weggewischt.

Er bemerkte dies aber nicht, sondern stellte mit gespielter Überraschung fest: „Ach, es ist ja schon spät geworden! Zeit für ein Bad, nicht wahr?“ Er warf erst seine Wanderschuhe und -socken von sich, zog sich dann sein Hemd über den Kopf, stopfte es in seinen Rucksack hinein und holte ein großes Handtuch heraus. Dann rief er: „Kommt ihr mit?“, und rannte wie ein Wilder gen Meer.

Erst als er fast in den Wellen verschwunden war, merkte er, dass wir ihm nicht gefolgt waren: Unter seinem Rucksack war nämlich endlich die fehlende Murmel zum Vorschein gekommen und wir waren schon damit beschäftigt, unser Spiel wieder aufzunehmen.

Er hopste und tobte indessen im Wasser herum, tat so, als prustete er vor lauter Freude und schaute alle paar Augenblicke zu uns herüber, ob wir ihm nicht Gesellschaft leisten würden. Nach und nach schaute er seltener, prustete leiser und hopste weniger, schwamm schließlich ein bisschen hinaus und kam dann zurück, wie ein Erschöpfter keuchend und sich mit dem Handtuch durchs Haar fahrend.

„Ach ja, schön.“, sagte er. „Das Meer hier ist doch wirklich zu schön.“ Wir nickten, in unser Spiel vertieft. „Na ja, für euch ist das ja wahrscheinlich nichts Besonderes mehr.“

Er trocknete sich ab, zog sich wieder seine Schuhe an und schulterte seinen Rucksack. Er wirkte auf einmal sehr geschäftig. „Ihr wollt sicher euer Spiel weiterspielen. Nur zu. Ich mach mich dann mal wieder auf die Socken. Es wird hier ja schneller dunkel als man so denkt, nicht wahr?“ Wir nickten, auch wenn wir nicht genau wussten, was er so dachte.

„War schön, euch mal kennengelernt zu haben; vielleicht trifft man sich ja bei anderer Gelegenheit mal wieder, nicht wahr?“

Wir wollten ihn noch fragen, ob er nicht unser Spiel lernen wollte, aber da war er schon fortgestiefelt, mit seinen Wanderschuhen und dem Rucksack, genau wie er gekommen war.

 

– Pedernales, 7. Oktober 2013