Ins Gespräch kommen

Wir hatten ihn schon eine ganze Weile beobachtet, wie er da den Strand entlanglatschte, mit seinen albernen Wanderschuhen und dem viel zu großen Rucksack.

Jetzt kam er zu uns heran, baute sich dicht vor uns auf, so dicht, dass man zwischen seinen braunen Wandersocken und seiner hochgekrempelten Jeans die Mückenstiche zählen konnte, und schwang seinen Rucksack herab, mitten hinein in unser Murmelfeld.

„Uff“, machte er, als hätte er etwas sehr schweres hergetragen, und griff nach seiner fast leeren Wasserflasche. Er schraubte sie auf und trank sie aus, den Kopf in den Nacken gelegt, mit der Rechten die Flasche wie ein Megaphon in die Luft reckend, die Linke in die Hüfte gestemmt. Die leere Flasche steckte er wieder zurück in den Rucksack, der soeben unseren Spielstand der letzten Stunde unter sich begraben hatte.

„Seid ihr aus dem Dorf da hinten?“, fragte er, als er fertig war, und zeigte auf die Häuser. Wir nickten. „Ach ja, schön.“, sagte er, und dann: „Ich bin gestern in der Stadt angekommen“ er zeigte hinter sich, wo sich noch sein Pfad im Sand abzeichnete „aber da ist es mir irgendwie zu touristisch alles, deswegen dachte ich, ich komm mal hier rum.“ Er ließ seinen Blick mit einer schnellen Bewegung des Kopfes über den Ort schweifen.

„Und wie lebt sich’s hier so?“ Gut, sagten wir und begannen, unsere Murmeln neu zu verteilen, für das nächste Spiel. „Ach ja, schön.“ Er blickte jetzt versonnen zu den Booten hinüber.

„Ihr lebt hier also vom Fischfang? Und, läuft’s gut, das Geschäft?“ Ja, sagten wir. Es fehlte eine Murmel; wahrscheinlich war sie auch unter dem Rucksack verschwunden.

„Ach ja, schön. Sagt mal, stört’s euch, wenn ich mich ein bisschen zu euch setze? Ich bin übrigens der Jens. Was macht ihr denn da gerade?“ Murmeln spielen, antworteten wir. „Ach ja, schön. Macht nur ja weiter, ich will euch ja nicht stören.“ Und ließ sich in den Sand fallen, den Blick erwartungsvoll auf uns gerichtet.

Weil immer noch eine Murmel fehlte, konnten wir nicht richtig spielen und plänkelten nur ein wenig herum. Wir warfen die Murmel hin und her, zogen ein paar Linien und machten uns so ein Muster im Sand. Es war ein bisschen langweilig, aber wir wollten nicht unhöflich erscheinen.

„Dieses Spiel ist das hier so eine Tradition bei euch im Dorf?“, fragte er nach ein paar Minuten. Wir nickten und machten ein paar kompliziert aussehende Linien mehr. „Ach ja, schön. Das kriegt man ja gar nicht mit, wenn man immer nur auf den ausgelatschten Pfaden bleibt.“ Wir nickten.

„Könnt ihr mir das ein bisschen erklären?“, fragte er, als das Muster schon sehr groß und sehr unübersichtlich geworden war. „Was bedeuten diese ganzen Linien?“ Nichts, sagten wir, nur ein Spiel. Es soll halt schön aussehen. „Ach so“, sagte er.

Das Spiel war wirklich sehr langweilig. Wir taten schon nur noch so, als spielten wir wirklich, aber er sah auch schon nicht mehr hin, denn er hatte ein paar Möwen über der Brandung entdeckt. „Schaut mal, Möwen“, sagte er. Wir schauten. „Schön! Ich finde ja sowieso die Tierwelt am interessantesten.“

Und zum Beweis wandte er sich seinem Rucksack zu, um eine billige Digitalkamera hervorzukramen. Diese zeigte er erst in unsere Richtung, hastig herüberlächelnd, dann streckte er sie dem Meer entgegen. Zu seinem Bedauern war die Tierwelt aber schon weitergezogen und hatte leider nicht auf sein Foto gewartet.

„Ach schade“, sagte er, „ich hätte das gerne festgehalten. Na ja. Ich schieß mal ein paar Fotos von euch hier so und dem Spiel, wenn ihr nichts dagegen habt, nur so für mich als Erinnerung.“ Und er sprang auf, ging ein bisschen vor und zurück und hin und her, und hielt den Apparat immer in unsere Richtung, genau zwischen uns und ihn. Zum Glück hatten wir das alberne Muster vorher noch schnell weggewischt.

Er bemerkte dies aber nicht, sondern stellte mit gespielter Überraschung fest: „Ach, es ist ja schon spät geworden! Zeit für ein Bad, nicht wahr?“ Er warf erst seine Wanderschuhe und -socken von sich, zog sich dann sein Hemd über den Kopf, stopfte es in seinen Rucksack hinein und holte ein großes Handtuch heraus. Dann rief er: „Kommt ihr mit?“, und rannte wie ein Wilder gen Meer.

Erst als er fast in den Wellen verschwunden war, merkte er, dass wir ihm nicht gefolgt waren: Unter seinem Rucksack war nämlich endlich die fehlende Murmel zum Vorschein gekommen und wir waren schon damit beschäftigt, unser Spiel wieder aufzunehmen.

Er hopste und tobte indessen im Wasser herum, tat so, als prustete er vor lauter Freude und schaute alle paar Augenblicke zu uns herüber, ob wir ihm nicht Gesellschaft leisten würden. Nach und nach schaute er seltener, prustete leiser und hopste weniger, schwamm schließlich ein bisschen hinaus und kam dann zurück, wie ein Erschöpfter keuchend und sich mit dem Handtuch durchs Haar fahrend.

„Ach ja, schön.“, sagte er. „Das Meer hier ist doch wirklich zu schön.“ Wir nickten, in unser Spiel vertieft. „Na ja, für euch ist das ja wahrscheinlich nichts Besonderes mehr.“

Er trocknete sich ab, zog sich wieder seine Schuhe an und schulterte seinen Rucksack. Er wirkte auf einmal sehr geschäftig. „Ihr wollt sicher euer Spiel weiterspielen. Nur zu. Ich mach mich dann mal wieder auf die Socken. Es wird hier ja schneller dunkel als man so denkt, nicht wahr?“ Wir nickten, auch wenn wir nicht genau wussten, was er so dachte.

„War schön, euch mal kennengelernt zu haben; vielleicht trifft man sich ja bei anderer Gelegenheit mal wieder, nicht wahr?“

Wir wollten ihn noch fragen, ob er nicht unser Spiel lernen wollte, aber da war er schon fortgestiefelt, mit seinen Wanderschuhen und dem Rucksack, genau wie er gekommen war.

 

– Pedernales, 7. Oktober 2013

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