Wie man gesund wird

Ich war ein bisschen krank, hatte mich ins Bett gesteckt und überlegte, wie ich diesem wohl schnell wieder entfliehen könnte.

Draußen, im Radio, lief eine dieser Vormittagssendungen, die sich wahrscheinlich in nichts von an diesem Vormittag in allen anderen Ländern der Welt gesendeten Programmen unterscheiden. Es tobte gerade die Hausmittelschlacht: Gegen alle wirklichen und eingebildeten Leiden der Welt wurden Kräuter, Zwiebeln, Knoblauch, Möhren, Äpfel und diverse andere obskure Gewächse gerieben, kleingeschnitten, gepellt, zerdrückt, gehäckselt, gekocht und sodann in verschiedensten Anwendungen den Hörern anempfohlen – als Augentropfen, als Badezusatz, als Nahrungsergänzung, als Spezialdiät –, auf dass die „negativen Kräfte“ den Körper auf „natürliche Weise“ verließen. Ich begann mich für meine offenbar nur eigener Ungebildetheit und zivilisationsverweichlichter Lebensweise geschuldete Krankheit zu schämen und fragte mich, nach und nach in schwärmerische Fieberträume versinkend, ob der in Europa eingeschlagene Weg der industriellen Krankheitsbekämpfung nicht ein unheimlicher Irrweg gewesen war, ob die Lösung globaler Probleme vielleicht einfach auf dem Feld vor der eigenen Haustür wachsend zu finden sei und wie man überhaupt den Schaden, den die Globalisierung auf der Welt angerichtet hatte, jemals wieder gutmachen könnte,

In diese meine Bitternis hinein brach, ihren Kopf zur Tür hineinsteckend, mein Gastmütterchen, 72 Jahre alt und mit allen Wassern des Landlebens gewaschen. Kopfschüttelnd sah sie auf mich herunter, wie ich da verschwitzt und kraftlos zwischen meinen Kissen lag, seufzte und fragte: „Hast du schon deine Paracetamol genommen?“

Man muss sie einfach lieb haben.

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