Aus meinem Reisetagebuch (II)

Spaziergang durch Ambato

Der nächste Tag war ein Sonntag, und in Ambato war ungefähr alles geschlossen, merkwürdigerweise auch die Kirchen. Die Stadt besitzt eine Kathedrale aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die gänzlich weiß ist und mit schweren hölzernen Türen versehen, im Grunde das erste interessante zeitgenössische Bauwerk, das ich hier in Ecuador sehe, aber auch sie war verschlossen. Ansonsten hat das Erdbeben, das die Region 1949 traf, wirklich gute Arbeit geleistet und alles in sich zusammenfallen lassen; die Innenstadt unterschied sich in nichts von der Einförmigkeit, die ich in ecuadorianischen Städten mehr als gewohnt bin.

Wir schlenderten zum Fluss hinunter, den die Reiseführerkarte in lächerlicher Sattheit verzeichnete; es floss kaum Wasser durch das steinige Bett, es rann von Tümpelchen zu Tümpelchen und machte einen ganz und gar armseligen Eindruck.

Die Trübsal, die sich beim Betrachten des Flüsschens einstellte, wurde immerhin zum Teil von der Schönheit der grün zu den Straßen aufsteigenden, sanften Flussufer aufgefangen, in denen eine engagierte Stadtverwaltung offenbar ein städtisches Naherholungsgebiet für gestresste Angestellte eingerichtet hatte. Es gab einen Fahrradweg entlang des Ufers, öffentliche, wie merkwürdige Erdölfördermaschinen aussehnde Fitnessgeräte und Sportplätze für Fuß- und Basketball. Fußgängerbrücken, die aussahen als seien sie direkt aus der nordrhein-westfälischen Moderne der siebziger Jahre importiert worden, verbanden regelmäßig die Ufer und sicherten den Zugang zu den offenbar erst kürzlich eröffneten Sportstätten.

Doch offenbar gab es keine gestressten Angestellten in Ambato, oder die engagierte Stadtverwaltung hatte es versäumt, sie über ihr Projekt zu informieren; jedenfalls war das Gebiet an einem wunderbaren, weil weder zu warmen noch zu kalten, regenlosen Sonntagnachmittag abgesehen von uns vollständig menschenleer.

Als der Weg aufhörte, gingen wir im Flussbett noch ein wenig weiter und erreichten nach einiger Zeit ein herrliches Grasstück an dem, was ein Ufer wohl einst war, oder bei mehr Regen wieder sein würde. Hier, an diesem paradiesischen Ort, bestanden von lichten Bäumen, durch die das letzte Licht des Tages fiel, weit unterhalb des Lärms der Straßen und Menschen versteckt, bin ich überzeugt, den schönsten Ort Ambatos gefunden zu haben. Wir mussten uns daran erinnern, dass wir einen Bus erreichen wollten, um nicht bis zur Dunkelheit im Gras liegen zu bleiben.

Der Weg, der hier von oben herabkam, schlängelte sich zunächst am Ufer zwischen den Bäumen entlang und stieg dann die Böschung hinauf. Es wurde immer wunderbarer; wir wandelten auf diesem sich steinern zwischen wuchernden Pflanzen entlangziehenden Pfad durch eine romantische Gartenanlage, deren professionelle Gestaltung mich immer mehr verwunderte, so sehr ich sie genoss. Aus dem tiefen Grün um uns herum stachen Blüten und Blätter in allen denkbaren Farben hervor, die in den durch die Baumkronen dringenden Sonnenstrahlen aufleuchteten, Vögel begleiteten die Symphonie der Fauna mit sanftem Zwitschern; und wir fragten uns, in welchem vergangenen Zeitalter wir hier nur gelandet waren, es war wirklich wie in einem Traum.

Erst ein städtischer Wachmann in oranger Weste erweckte uns, indem er freundlich darauf hinwies, dass wir uns bereits im Inneren der Quinta Juan León Meras befanden, und dass wir einen „anderen Weg“ nach oben hätten nehmen sollen, zumal wir ja keinen Eintritt bezahlt hatten. Wir nickten und entschuldigten uns; dann öffnete er uns das Tor in die Außenwelt, und mit dem Bus, der gerade vorbeifuhr, schluckte uns auch die Großstadt wieder.

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Gegen Bescheidwissen

„Zu den Lehren der Hitlerzeit gehört die von der Dummheit des Gescheitseins. Aus wievielen sachverständigen Gründen haben ihm die Juden noch die Chancen des Aufstiegs bestritten, als dieser so klar war wie der Tag. Mir ist ein Gespräch in Erinnerung, in welchem ein Nationalökonom aus den Interessen der bayrischen Bierbrauer die Unmöglichkeit der Uniformierung Deutschlands bewies. Dann sollte nach den Gescheiten der Faschismus im Westen unmöglich sein. Die Gescheiten haben es den Barbaren überall leicht gemacht, weil sie so dumm sind. Es sind die orientierten, weitblickenden Urteile, die auf Statistik und Erfahrung beruhenden Prognosen, die Feststellungen, die damit beginnen ‚Schließlich muß ich mich hier auskennen‘, es sind die abschließenden und soliden statements, die unwahr sind.
Hitler war gegen den Geist und widermenschlich. Es gibt aber auch einen Geist, der widermenschlich ist: sein Merkmal ist wohl orientierte Überlegenheit.“
– Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung

Aus meinem Reisetagebuch (I)

Die Lagune Quilotoa

Der Quilotoa-See ist in der Tat wunderschön, aber er ließ mich erstaunlich kalt. Ich betrachtete ihn und musste zugeben, dass er nett anzuschauen war, aber er reizte mich nicht weiterhin, es war wie abgeschlossen; wie ein Phototourist kann ich mir vor, der auf seiner Liste ein Kreuz macht und weiterzieht.

Ich ging auch am nächsten Morgen nicht noch einmal hin, als wäre der Ausblick völlig zauberlos und gleichgültig. Zunächst dachte ich, vielleicht hätte ich zu viele Photos gesehen und sie hätten den echten See vor meinen Augen in ein Bild verwandelt, wie ein Photo eben – Photographien schaut man ja nie lange an, deswegen muss man wohl auch so viele machen – aber das war es nicht. Auch die Höhe und Kälte und der Wind waren nicht dafür verantwortlich zu machen.

Jetzt erst, mich daran erinnernd, meine ich zu verstehen, warum diese Landschaft nicht von der Art war, von der man sagt, man bliebe am liebsten hier und stürbe (oder als harmlose Alternative: man läse, damit sich die hinwegschweifenden Gedanken beim gelegentlichen Aufsehen vom Buch in der Landschaft wiederfinden, sich mit dieser vermengen und in der Rückkehr zu den geöffneten Seiten zurück in sie eindringen, so wie es nur in „schönen“ Landschaften und mit guten Büchern funktioniert, und bei denen sich man sein ganzes Leben die Seite nicht ohne ihre Umwelt und eine Gegend nicht ohne ihr entsprechendes Buch vorstellen kann) – nicht von dieser Art von Schönheit, die tiefer ist, die mehr ist als Bilderrahmentauglichkeit; es lag an ihr selbst, oder vielleicht an mir.

Die Lagune liegt weit – wohl etwa 400 Meter – unterhalb des Kraterrandes, der sich, ähnlich dem Schattenschnitt, dem Abbild eines Gebirges, erhebend und senkend, ungleichmäßig um ihren vollen Umkreis zieht. Trotz dieser Unregelmäßigkeit ist das Seeufer beinahe kreisrund. Keine Vorsprünge oder Felsnasen zogen sich die Wand hinauf, die Hänge waren steil, aber gleichmäßig, von braun-grauer Farbe und karg bewachsen; ein Feld war aber sogar hier zu sehen.

Die Lagune ist wirklich perfekt, ein wenig zu perfekt vielleicht, und, vor allem, perfekt abgeschlossen. Es gab nichts, wohin der Blick hätte streben können, und mit ihm die Gedanken; anders als am Meer, wo die gelblich am Horizont aufleuchtende Unendlichkeit die nicht zu beantwortenden Fragen stellt, derer man immer bedarf; anders als sonst in den Bergen, wo jeder Gipfel und jedes Tal auf etwas Unbekanntes hinweist, dieses auf ads Irdische, jener auf das Himmlische; anders als ein Wald, der vor einem etwas Unheimliches verbirgt oder ein Fluss, der an einem vorbeizieht ohne dass man Woher und Wohin sehen kann; anders als jeder Garten, jede Stadt, jedes kleine Dorf.

In dieser Lagune können die Gedanken wie die Blicke nur um sich selbst kreisen und sofort zu sich zurückkehren, man ist schnell fertig. Sie ist wie ein abgeschlossener Satz, mit einem Punkt dahinter, der nur eins möchte: Etwas bestimmtes sagen. Eine Mitteilung übertragen. Mehr nicht.

Ich kenne auch Menschen, die so reden; abschließend, immer echten Inhalt transportierend, in der Sicherheit, dass so die Kommunikation problemlos weiterlaufen kann. Freundlich und höflich, das sind sie immer. Aber auch unendlich langweilig.