Aus meinem Reisetagebuch (I)

Die Lagune Quilotoa

Der Quilotoa-See ist in der Tat wunderschön, aber er ließ mich erstaunlich kalt. Ich betrachtete ihn und musste zugeben, dass er nett anzuschauen war, aber er reizte mich nicht weiterhin, es war wie abgeschlossen; wie ein Phototourist kann ich mir vor, der auf seiner Liste ein Kreuz macht und weiterzieht.

Ich ging auch am nächsten Morgen nicht noch einmal hin, als wäre der Ausblick völlig zauberlos und gleichgültig. Zunächst dachte ich, vielleicht hätte ich zu viele Photos gesehen und sie hätten den echten See vor meinen Augen in ein Bild verwandelt, wie ein Photo eben – Photographien schaut man ja nie lange an, deswegen muss man wohl auch so viele machen – aber das war es nicht. Auch die Höhe und Kälte und der Wind waren nicht dafür verantwortlich zu machen.

Jetzt erst, mich daran erinnernd, meine ich zu verstehen, warum diese Landschaft nicht von der Art war, von der man sagt, man bliebe am liebsten hier und stürbe (oder als harmlose Alternative: man läse, damit sich die hinwegschweifenden Gedanken beim gelegentlichen Aufsehen vom Buch in der Landschaft wiederfinden, sich mit dieser vermengen und in der Rückkehr zu den geöffneten Seiten zurück in sie eindringen, so wie es nur in „schönen“ Landschaften und mit guten Büchern funktioniert, und bei denen sich man sein ganzes Leben die Seite nicht ohne ihre Umwelt und eine Gegend nicht ohne ihr entsprechendes Buch vorstellen kann) – nicht von dieser Art von Schönheit, die tiefer ist, die mehr ist als Bilderrahmentauglichkeit; es lag an ihr selbst, oder vielleicht an mir.

Die Lagune liegt weit – wohl etwa 400 Meter – unterhalb des Kraterrandes, der sich, ähnlich dem Schattenschnitt, dem Abbild eines Gebirges, erhebend und senkend, ungleichmäßig um ihren vollen Umkreis zieht. Trotz dieser Unregelmäßigkeit ist das Seeufer beinahe kreisrund. Keine Vorsprünge oder Felsnasen zogen sich die Wand hinauf, die Hänge waren steil, aber gleichmäßig, von braun-grauer Farbe und karg bewachsen; ein Feld war aber sogar hier zu sehen.

Die Lagune ist wirklich perfekt, ein wenig zu perfekt vielleicht, und, vor allem, perfekt abgeschlossen. Es gab nichts, wohin der Blick hätte streben können, und mit ihm die Gedanken; anders als am Meer, wo die gelblich am Horizont aufleuchtende Unendlichkeit die nicht zu beantwortenden Fragen stellt, derer man immer bedarf; anders als sonst in den Bergen, wo jeder Gipfel und jedes Tal auf etwas Unbekanntes hinweist, dieses auf ads Irdische, jener auf das Himmlische; anders als ein Wald, der vor einem etwas Unheimliches verbirgt oder ein Fluss, der an einem vorbeizieht ohne dass man Woher und Wohin sehen kann; anders als jeder Garten, jede Stadt, jedes kleine Dorf.

In dieser Lagune können die Gedanken wie die Blicke nur um sich selbst kreisen und sofort zu sich zurückkehren, man ist schnell fertig. Sie ist wie ein abgeschlossener Satz, mit einem Punkt dahinter, der nur eins möchte: Etwas bestimmtes sagen. Eine Mitteilung übertragen. Mehr nicht.

Ich kenne auch Menschen, die so reden; abschließend, immer echten Inhalt transportierend, in der Sicherheit, dass so die Kommunikation problemlos weiterlaufen kann. Freundlich und höflich, das sind sie immer. Aber auch unendlich langweilig.

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