Aus meinem Reisetagebuch (IV)

Beim Arzt in Loja

In Loja, es war der dreißigste Dezember, und ein Montag, wollte ich doch immerhin noch einen Arzt aufsuchen, denn die Magenschmerzen und -revolten waren mir noch immer nicht vergangen und ich stellte es mir hier einfacher vor als in Vilcabamba, an eine Medizin zu kommen, die mich vollends zurück ins Leben bringen würde.

Ich betrat eine „Clínica“, an der wir von der Bushaltestelle kommend vorbeispazierten, aber obwohl einige Leute auf Wartestühlen saßen und mich freundlich bis mitleidig ansahen, erschien niemand an der Rezeption, um mich zu empfangen. Ein Mann kam von draußen herein – er war alt, hatte sehr schlechte Zähne und trug eine schwarze Weste – grinste mich an und fragte, ob ich auf jemanden warte. Ich sagte nein, danke, und ging schnell wieder auf sie Straße hinaus.

Das öffentliche Krankenhaus war verschlossen. Ein Mann, der offenbar so etwas wie ein Portier sein sollte, vergnügte sich rauchend vor der Eingangstür mit einem Sicherheitsbeamten. Ich ging einmal um das Gebäude herum – es wirkte sehr neu und einladend, hätte aber einem Krankenhaus noch ähnlicher gesehen, wäre es nicht wie eine Polizeizentrale oder eine Geheimdienst-Außenstelle mit einem meterhohen Sicherheitszaun umgeben gewesen.

An der hintersten Ecke fand ich tatsächlich ein Lücke in dieser Barrikade, eine Einfahrt mit der Aufschrift „Emergencia“, durch die Mütter ihre schlafenden Kinder und Rentner bunte Plastiktüten trugen. Ich trat ein und fand mich in einem überfüllten Wartezimmer wieder, dessen Chaos eine Angestellte hinter einer Glasscheibe Herr zu werden versuchte. Ich sah mich kurz um, rechnete aus, wie viel Zeit ich noch hatte, bis unser Bus fahren würde, und wandte mich wieder um, der Straße zu.

Der Reiseführer empfahl mir eine letzte Clínica, ein wenig entfernt. Ich lief dorthin, an lärmenden und merkwürdig riechenden Märkten vorbei und einem Verkehrschaos, das sich mit New York hätte messen können, und trat ein.

Es gab keinen richtigen Empfang, nur zwei beschriftete Türen, und da ich mich eigentlich nicht als „Emergencia“ fühlte, betrat ich die „Hospitalización“, mit einem leicht unguten Gefühl, denn ich mit meiner Laienmeinung hielt es nicht für notwendig, stationär behandelt zu werden, ein Urteil, von dessen Gegenteil mich nur ein sehr fachkundiger Arzt hätte überzeugen können; außerdem war es schon nach zehn, und um ein Uhr wollten wir eigentlich weiterfahren. Glücklicherweise verwies man mich direkt weiter zur anderen Seite.

Bei der „Emergencia“ ging es weniger dramatisch zu, als ich der Überschrift nach vermutet hatte; eine Krankenschwester langweilte sich hinter einem pompös aussehenden Schreibtisch, und gegenüber unterhielten sich zwei ältere Männer über Frauen und früher. Ich fragte nach einer allgemeinmedizinischen Sprechstunde, und die gelangweilte Krankenschwester schickte mich umgehend in den vierten Stock, dort sollte ich mal nachfragen.

Ich stieg also die Treppen hinauf. Die Stockwerke sahen merkwürdig leer aus, auf jedem stand ein Schreibtisch ähnlich dem im Erdgeschoss, und überall saßen gelangweilte Krankenschwestern herum, aber es waren keine Patienten oder irgendwelche anderen Menschen zu sehen.

Im dritten Stock hielt mich dann eine jener Krankenschwestern von ihrem pompösen Schreibtisch aus davon ab, auf den zugerümpelten Dachboden der Clínica zu steigen, und sie hatte ja recht, fiel mir ein, in Ecuador wird ja bei eins zu zählen angefangen. Ich stellte meine inzwischen gut einstudierte Frage nach der allgemeinmedizinischen Sprechstunde, die mir nicht allzu besonders erschien, aber sie schaute mich mit einer Verwunderung an, als hätte mich soeben nach der nächsten Eishalle erkundigt. Kommen Sie mit, bedeutete Sie mir dann und klaubte ihre sorgsam mit den Namen der hier tätigen Ärzte beschrifteten Hefte zusammen.

Wir stiegen ein, zwei, drei Stockwerke hinab und traten, unter den belustigten Blicken der Herren gegenüber, an den mir bereits bekannten Schreibtisch der gelangweilten Krankenschwester vom Erdgeschoss. Ich erläuterte mein Anliegen, ich sei auf der Durchreise, meinem Magen gehe es nicht gut, und ich wünschte eine allgemeinmedizinische Beratung, um für den Rest meiner Reise auf Besserung hoffen zu können. Sie sahen mich an und dann sich gegenseitig, und dann kramten sie in ihren Heften herum und sagten, um 3 Uhr am Nachmittag käme der Herr Doktor Soundso wieder, und für 3.45 Uhr könnten sie mir einen Termin geben.

Ich erklärte, das ginge nicht, wir müssten mittags schon weiter nach Vilcabamba, ich bräuchte auch nicht viel, nur jemanden, der mir ein, zwei Medikamente verschriebe, mich gegebenenfalls vor Dingen warne, die ich nicht essen sollte, mehr nicht, es würde sicherlich nicht länger als zehn Minuten dauern, ich würde auch bezahlen, selbstverständlich.

Nein, antworteten sie, vor drei Uhr sei nichts zu machen, alle Doktoren kämen dann erst wieder, und überhaupt, morgen und übermorgen sei ja Feiertag, da würde erst recht niemand im Haus sein, es sei schließlich Feiertag. Ich verstand den Wink, verließ auch diese Klinik unverrichteter Dinge und ging ein letztes Mal zum Ort meines ersten Versuchs zurück, in der Hoffnung, dass der oder die für den Empfang Zuständige inzwischen seine verfrühte Mittagspause beendet haben würde.

Zu meiner Überraschung fand ich nun den Mann mit den schlechten Zähnen, der mich vorhin schon angesprochen hatte, hinter dem Empfangsschalter sitzen. Ich beugte mich zu dem Fensterchen hinunter, das etwa auf Bauchnabelhöhe in die Glasscheibe eingelassen war, und brüllte meine Frage hindurch, denn er saß in einiger Entfernung seitlich auf einem Stuhl, in sich zusammengesunken. Er antwortete dreimal etwas, das ich dreimal nicht verstand, dann kam er durch die Tür, um mir zu erklären, nein, hier könne man mir nicht helfen, aber zwei Straßen weiter oben, dort gebe es eine andere Klinik, bei der ich es einmal versuchen sollte.

Ich dankte ihm für seinen freundlichen Rat und ging die zwei Straßen nach oben. Diese Klinik hatte ganz geschlossen, das sah ich schon von ferne, aber dort hätte man mir alle Voraussicht nach auch sonst nicht helfen können, denn auf dem großen Schild über dem Eingang stand in fetten Lettern: „Gynäkologie – Geburtshilfe“.

Später ging ich dann in eine der zahllosen Apotheken, die es in Ecuador an jeder Straßenecke gibt, und schilderte einer freundlichen Apothekerin in eingehender Befragung meine Beschwerden. Dann verkaufte sie mir für einen Dollar fünfundzwanzig sechs rosafarbene Tabletten in einem Plastiktütchen, die ich alle acht Stunden einnehmen sollte.

Schon am nächsten Morgen war ich gesund.

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Aus meinem Reisetagebuch (III)

Der Busbahnhof in Cuenca

Nacht in Cuenca, am Terminal. Ich hatte kaum geschlafen im Bus, war entweder zu wenig übermüdet gewesen oder zu genervt über die Damen vor mir, die sich schier endlos über Kinderanziehsachen und ihre verschiedenen Marken, Typen und Preise unterhielten. Nun wollte ich ein wenig ausruhen und legte mich auf eine der erstaunlich bequemen, nur viel zu kurzen Bänke.

Doch meine Ruhe währte nicht lange, denn ein cuencanischer Sicherheitsbeamter trat bald unsanft gegen die von mir zum Kopfende gemachte Bank und sagte unwirsch: „Setzen Sie sich hin, caballero, Sie können hier nicht schlafen.“

Ich verkniff mir die Entgegnung, dass ich doch gerade im Begriff war, das Gegenteil zu beweisen, setzte mich seufzend auf und dachte wehmütig an jene Menschen, die die Ecuadorianer für „freundlicher“ und „liebenswürdiger“ halten wollen als Deutsche.

Umstellung der Zeit

Noch nie war ich – und werde es lange nicht mehr sein – dem Zuhause so fern wie jetzt, raumzeitlich betrachtet. An diesem Wochenende ist der Mittelpunkt, die Peripetie des Jahres erreicht. In Hinsicht auf die Heimat konnte sich die zurückliegende Zeit aus Erinnerungen, die vor mir liegende kann sich aus Vorfreude speisen. Oder, andersherum gewendet, war das Bisherige reich aus dem Unermesslichen, das vor mir lag, das Zukünftige wird es sein aus den Erinnerungen, die in mir liegen.

Und jetzt? Ein Zwischenfazit? Selbst wenn mich nicht täglich der Blick auf den Kalender daran erinnerte, dass es ein derart spezielles Datum ist, ja selbst wenn es gar nicht so besonders wäre, sei es weil ich länger hier bliebe und daher der Möglichkeitsraum, das Unbekannte vor mir, weit größer sei, sei es weil ich schon früher führe und schon in die Zeit des Abschiednehmens einträte, selbst dann wäre es der Zeitpunkt, ein solches zu ziehen, spüre ich.

Es wechseln die Dinge. Nicht nur ändert sich die Ordnung der Zeit, wie sie stets sich umzustülpen pflegt, wenn man aus dem Mittelpunkt einer gewissen Zeitspanne heraus sich umschauend Beginn und Ende gleich weit entfernt am Horizont verschwinden sieht, wenn man nicht mehr im Modus des „schon“ oder „erst“ die Tage zählt, je nach Stand der schwankenden Gemütslage, sondern nunmehr im „noch“ denkt, das als „nur noch“ ebenso im Tone der Wehmut wie als „immer noch“ überrascht, gar freudig ausgesprochen werden, oder vice versa die umgekehrte Interpretation erfahren kann.

Nein, nicht nur diese chronographische Veränderung geht nun vor sich, nach und nach, es endet auch eine Zeit hier und eine neue setzt an.

Es ist vorbei die Zeit des Beobachtens, die Zeit des Besucher-Seins, die Zeit des Lernens. Die Zeit des Alles-Richtig-Einschätzen-Wollens, die Zeit des Mich-Nicht-Fragens-Ob-Es-Mir-Gut-Geht-Oder-Nicht-Weil-Ich-Ja-Nun-Mal-Hier-Bin. Die Zeit der „Anpassung an die fremde Kultur“, die Zeit des Mich-Nicht-So-Wichtig-Nehmens. Die Zeit der Fragen. Die Zeit der Neugier.

Und es kommt die Zeit des Handelns. Die Zeit des Mich-Wichtig-Nehmens, die Zeit des Dinge-Veränderns. Die Zeit des Lehrens und die Zeit des Verstehens, die Zeit des Verstanden-Habens. Die Zeit der echten Fremdheit und des echten Heimwehs. Die Zeit des Wohlfühlens. Die Zeit des Zuhauseseins, die Zeit des Alltags. Die Zeit des Leuten-Dinge-Vorwerfens. Die Zeit der Antworten, die Zeit der Ruhe.

Was ich hoffe? Dass mich so viel wie möglich der verstrichenen Zeit in die neue begleite.

Und: Dass so viel wie möglich dessen, was ich gerade kommen spüre, bisher schon mit mir war.