Umstellung der Zeit

Noch nie war ich – und werde es lange nicht mehr sein – dem Zuhause so fern wie jetzt, raumzeitlich betrachtet. An diesem Wochenende ist der Mittelpunkt, die Peripetie des Jahres erreicht. In Hinsicht auf die Heimat konnte sich die zurückliegende Zeit aus Erinnerungen, die vor mir liegende kann sich aus Vorfreude speisen. Oder, andersherum gewendet, war das Bisherige reich aus dem Unermesslichen, das vor mir lag, das Zukünftige wird es sein aus den Erinnerungen, die in mir liegen.

Und jetzt? Ein Zwischenfazit? Selbst wenn mich nicht täglich der Blick auf den Kalender daran erinnerte, dass es ein derart spezielles Datum ist, ja selbst wenn es gar nicht so besonders wäre, sei es weil ich länger hier bliebe und daher der Möglichkeitsraum, das Unbekannte vor mir, weit größer sei, sei es weil ich schon früher führe und schon in die Zeit des Abschiednehmens einträte, selbst dann wäre es der Zeitpunkt, ein solches zu ziehen, spüre ich.

Es wechseln die Dinge. Nicht nur ändert sich die Ordnung der Zeit, wie sie stets sich umzustülpen pflegt, wenn man aus dem Mittelpunkt einer gewissen Zeitspanne heraus sich umschauend Beginn und Ende gleich weit entfernt am Horizont verschwinden sieht, wenn man nicht mehr im Modus des „schon“ oder „erst“ die Tage zählt, je nach Stand der schwankenden Gemütslage, sondern nunmehr im „noch“ denkt, das als „nur noch“ ebenso im Tone der Wehmut wie als „immer noch“ überrascht, gar freudig ausgesprochen werden, oder vice versa die umgekehrte Interpretation erfahren kann.

Nein, nicht nur diese chronographische Veränderung geht nun vor sich, nach und nach, es endet auch eine Zeit hier und eine neue setzt an.

Es ist vorbei die Zeit des Beobachtens, die Zeit des Besucher-Seins, die Zeit des Lernens. Die Zeit des Alles-Richtig-Einschätzen-Wollens, die Zeit des Mich-Nicht-Fragens-Ob-Es-Mir-Gut-Geht-Oder-Nicht-Weil-Ich-Ja-Nun-Mal-Hier-Bin. Die Zeit der „Anpassung an die fremde Kultur“, die Zeit des Mich-Nicht-So-Wichtig-Nehmens. Die Zeit der Fragen. Die Zeit der Neugier.

Und es kommt die Zeit des Handelns. Die Zeit des Mich-Wichtig-Nehmens, die Zeit des Dinge-Veränderns. Die Zeit des Lehrens und die Zeit des Verstehens, die Zeit des Verstanden-Habens. Die Zeit der echten Fremdheit und des echten Heimwehs. Die Zeit des Wohlfühlens. Die Zeit des Zuhauseseins, die Zeit des Alltags. Die Zeit des Leuten-Dinge-Vorwerfens. Die Zeit der Antworten, die Zeit der Ruhe.

Was ich hoffe? Dass mich so viel wie möglich der verstrichenen Zeit in die neue begleite.

Und: Dass so viel wie möglich dessen, was ich gerade kommen spüre, bisher schon mit mir war.

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