Aus meinem Reisetagebuch (V)

Im Gottesdienst in Cuenca

Es war hell in der Kirche, erstaunlich hell, als ich an der überlebensgroßen Wachsfigur Johannes Pauls II. vorbei eintrat, die mich mit freundlich zum Gruß erhobener Hand willkommen hieß. Erst später bemerkte ich, dass die Helligkeit nicht durch die Seitenfenster eintrat, sondern nur von einigen Scheinwerfern herrührte, die überall an den Wänden herumstanden und -hingen. Obwohl es Punkt sieben Uhr war, hatte die Messe schon begonnen. Vor einem im Seitenschiff der Kathedrale aufgestellten Nebenaltar stand eine Frau und las etwas vor, offenbar einen Bibeltext.

Ich schritt andächtig zu den etwa 30 vor ihr versammelten Gläubigen und setzte mich so leise wie möglich in die letzte Reihe, seitlich auf eine bereits im Mittelschiff befindliche, gen Hauptaltar ausgerichtete Bank. Nach der Frau trat nun ein Priester an das Lesepult und nuschelte etwas ins Mikrophon, das ich auch unter Aufbietung aller meiner Sprachkenntnisse nicht verstand.

Die Aufmerksamkeit, mit der ich dem Messgeschehen folgen konnte, wurde allerdings durch den benachbarten Seitenaltar auch etwas getrübt, wo eine verschwenderisch mit in allen Farben blinkenden Lichterketten behängte Weihnachtskrippe aufgebaut war, die in an der Grenze des Hörbaren gestimmten Piepstönen „Jingle Bells“, „We wish you a merry Christmas“ und „Deck the hall“ vor sich hin spielte. Diese Melodien, vor Künstlichkeit ohnehin schon kaum erkennbar, hallten in der Kirchenakustik wider und unterlegten die ernsthaften, gewichtigen Worte des Predigers mit einem eigenartigen Soundtrack, dessen verschwommene meditative Kraftlosigkeit perfekt mit der Lesung des Priesters harmonierte, der ganzen Atmosphäre aber für mich leider Ernst und Würde nahm.

Auf einmal, der Priester hatte die Lesung soeben beendet und zur Auslegung des Wortes Gottes angesetzt, fiel der Strom aus. Erst verstummte die Stimme aus den großen, schwarzen Lautsprechern, die an allen umgebenden Säulen angebracht waren, dann schwieg plötzlich die summende Krippe und schließlich fiel auch noch die Kirchenbeleuchtung aus.

Der Priester – ich fragte mich, ob er den plötzlichen Wechsel der Szenerie und seinen damit einhergehenden Verlust an Autorität überhaupt bemerkt hatte – fuhr unverändert mit dem Verlesen seiner Wahrheiten fort, aber da er von meinem so weit hinten gelegenen Sitzplatz aus nun erst recht nicht mehr zu verstehen war, schweifte ich ab und besah mir die Kirche, in die ich da geraten war.

Der Stromausfall, dieser Rückfall der Zivilisation um etwa die hundert Jahre, die seit Planung und Bau der Kathedrale vergangen waren, verlieh dem Bauwerk ein eigene, viel charakteristischere Stimmung. Die künstliche Beleuchtung war ausgefallen, doch nicht nur der kerzenerhellte Nebenaltar, an dem die Messe gelesen wurde, auch der große Hauptaltar – eine goldene Halbkuppel, die in die Westkuppel der Kirche hineingestellt worden war und so den klassizistischen Stil der ganzen Architektur wunderbar aufgriff – hob sich auf einmal aus dem Dunkel des Mittelschiffs ab. Erst der Ausfall der den ursprünglich vorgesehenen Eindruck verfälschenden Scheinwerfer offenbarte die eigentliche Pracht dieser mächtigen Kathedrale.

Durch die großen Haupt- und die kleineren Oberfenster der Kirche fiel das Sonnenlicht des Morgens auf den Altar und erhellte dessen eine Seite, während die andere nur wenig Licht erhielt und ihre goldene Prächtigkeit im Halbdunkel nur andeutete. Auf diese Weise jedoch, fein nur einen Teil der Säulen und der offenen goldenen Kuppel hervorhebend und den anderen dafür umso mehr andeutend, zeigte der Altarraum eine zuvor ungeahnte Eleganz, jenseits des Überflusses an Gold und Ornamenten.

Ich ließ meinen Blick die schier endlosen Bankreihen entlang nach hinten schweifen und blieb an dem riesigen hölzernen Eingangsportal hängen. Die Sonne musste draußen inzwischen schon höher gestiegen sein, denn die Fugen dieses massiv gezimmerten Tores, die offenbar nicht ganz abgeschlossen waren, erstrahlten in hellem Licht und gaben ihm einen geradezu heiligen, mystischen Charakter, der durch die Dunkelheit der anliegenden Seitenschiffe noch verstärkt wurde. „Wie viele Jahre schon“, dachte ich bei mir, „hält diese Tür schon das viele Licht, den Lärm und Schmutz der Straße, aus diesem Gotteshaus fern?“ Und mir schien es, als sei diese Tür das eigentliche Zentrum der Kirche, nicht der Altar, als sollte man eigentlich hier Gottesdienst feiern, als sei man hier Gott eigentlich näher, hier, wo das abgeschirmte Draußen gleichzeitig so nah und so fern war und wo die Korona dieser mächtigen Tür den Priester umstrahlen würde wie Licht aus der anderen Welt.

Der wirkliche Priester an dem Altar neben mir, der aus dem Halbdunkel der flackernden Kerzen zu uns gesprochen hatte, war inzwischen zu seinem Platz zurückgegangen, zog sich seinen Mantel an und sammelte seine Utensilien zusammen, offenbar völlig unbeeindruckt davon, dass die Messe noch weiterging. Ich hatte ein etwas schlechtes Gewissen, weil ich dem bisherigen Verlauf der Heiligen Messe so wenig gefolgt war, und wollte mich dem nun folgenden Lied aufrichtiger und hingebungsvoller widmen als den bisherigen Geschehnissen, doch dieser Versuch scheiterte daran, dass jetzt zu der Melodie des mir aus dem Kindergarten bekannten und vielgeschmetterten „Alle Kinder lernen lesen, Indianer und Chinesen; auch am Nordpol werden alle Kinder groß, hallo Kinder, jetzt geht’s los!“ gesungen wurde, was es mir leider unmöglich machte, im getragenen Kirchenliedston auch nur die Melodie mitanzustimmen.

Glücklicherweise war die Frühmesse gleich darauf vorbei, das heißt, scheinbar vorbei, denn einige der Gottesdienstteilnehmer blieben unbeirrt sitzen und murmelten noch, ebenso unverständlich und asynchron wie ausdauernd, ein Gebet nach dem anderen vor sich hin.

Als ich merkte, dass dieses Gebrummel kein Teil der offiziellen Messe war und offenbar auch so bald nicht mehr enden würde, stand ich auf und schlenderte ein wenig durch die Kirche, um ihre volle Pracht noch aus allen Perspektiven zu genießen. Der so verheißungsvoll funkelnde, goldene Altar sah aus der Ferne noch beeindruckender aus als zuvor, und ich wollte einen Moment im Glanz des Eingangsportals stehen bleiben, um diesen Anblick in der Tiefe des Mittelschiffs zu genießen – doch da sprang das Licht in der Kirche auf einmal wieder an, die unerleuchtet erstaunlich hübsch anzusehende Krippe blinkte wieder kitschig herum und begann ihren elektronischen Singsang von Neuem. Auf der gegenüberliegenden Seite ging auch der Glaskasten mit den Elektrokerzen für Verstorbene wieder an, auf dem geschrieben stand: „Helfen wir, dass unsere Kirche nicht verrußt. 30 Minuten – 25 Cent, 60 Minuten – 50 Cent, 120 Minuten – 1 Dollar.“ Vier Kerzen flackerten ein wenig im Innern herum – ob es ein Wackelkontakt war oder ein gewollter Effekt, ließ sich nicht ausmachen – dann ging eine aus.

Ich spürte nun, dass es Zeit war für mich zu gehen, schritt das Mittelschiff hinunter auf die nun, auch von innen ausgeleuchtet, weit weniger verheißungsvolle Tür, wagte nicht, sie zu berühren und ging stattdessen, an Johannes Paul II. vorbei, durch das Nebenportal hinaus, durch das ich hereingekommen war.

Draußen war es wirklich sehr hell geworden, Händler waren dabei, ihre Stände aufzubauen, und der Lärm der Stadt fing mich sogleich wieder ein.

Es blieb noch eine Weile das ruhige Gefühl, das mich immer nach Kirchenbesuchen erfüllt, aber irgendwo tief in mir spürte ich dennoch das dringende Verlangen nach einem echten, ordentlichen calvinistischen Bildersturm.