Halbzeitpausen-Smalltalk-Service

„Algerien“ heißt auf Spanisch „Argelia“.

Warum auch immer.

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Zeugen

– Bitte, schalten Sie es ab.
– Aber warum?
– Weil ich es nicht aushalte. Es ist grauenvoll. Herr Ferenc drückte auf Stopp. Der dunkle Bildschirm war eine solche Wohltat, dass ich tief durchatmen und für einen Moment die Augen schließen konnte.
– Sie wollen nicht sehen, was passiert?
– Darf ich mich kurz setzen …?
– Mais oui, bien sûr … Hier, bitte.
Er hob einen Stapel alter Magazine von einem Sessel.
Ich setzte mich und lehnte den Kopf zurück.
– Beschreiben Sie mir, was passiert, sagte ich. Ich will es wissen, aber ich kann es mir nicht ansehen.
– Warum wollen Sie nicht, dass ich es Ihnen sage?
– Es ist … Na ja, so ist es leichter. Ich kann mir nicht ansehen, wie dieses Mädchen gequält wird.
– Es wird nicht gequält.
– Es ist doch festgebunden!
– Ja, aber …
– Das ist doch Folter! Wer bindet denn ein Kind an einen Stuhl, in irgendeinem … Gefängnis oder wo auch immer das aufgenommen wurde … Das ist doch krank, ich meine, das ist … Bitte, ich kann so etwas nicht anschauen.
Und da er mich immer noch verständnislos anstarrte, setzte ich auf Französisch, der Sprache, die ihn tiefer treffen musste als das Deutsche, hinzu:
– C’est atroce.
Er nickte, legte die Fernbedienung auf den kleinen Tisch. Dann räusperte er sich, wartete ein wenig und sagte:
– Aber trotzdem wollen Sie, dass ich es Ihnen erzähle?
– Na ja, sagte ich. Ich muss doch wissen, was passiert.
– Aber woher wissen Sie, dass meine Version stimmt? Wenn Sie es nicht mit eigenen Augen sehen, dann werden Sie nie sicher sein können. Vielleicht lasse ich etwas aus? Oder ich erinnere mich nicht an alle Details?
Ich konnte ihm nicht direkt in die Augen sehen. Auf meinen Knien entdeckte ich Wischspuren einer weißen, pulverigen Substanz. Vielleicht von einer Mauer, abbröckelnder Verputz.

Clemens J. Setz, Indigo

HD

Ich habe ein neues Bild für die Gesellschaft hier, für diese unfassbare Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, für die Diskrepanzen und Entwicklungen, die das Land umtreiben.

Heute morgen lief in der Küche der Fernseher – wie immer eigentlich, seitdem vor einiger Zeit jemand auf die Idee kam, ihn von seinem Bord oben in der Ecke herunterzuholen und wieder anzuschließen. Es lief irgendeine Verkaufssendung; ein Sprecher pries ein Produkt nach dem anderen an, mit einer hyperaufgeregten Stimme, die einen schon nach einer Minute ermüdete und langweilte.

Das Produkt nun, das er da so frenetisch zum Verkauf anempfohl und das mich aus meiner müslilöffelnden Agonie riss, war ein HD-Fernseher. Der Moderator stand daneben, in einer Haltung, die wohl allerhöchste Begeisterung bedeuten sollte, zeigte immer wieder auf den so „unglaublich hochauflösenden“ Fernseher und schwärmte von der technologischen Fortschrittlichkeit, die einem das Fernsehbild „besser als im Kino“ ins Wohnzimmer brächte.

Ich saß davor und war begeistert. Unser eigener, alter, dicklicher Röhrenfernseher stand auf seinem Platz am Fenster, zwischen Spinnenweben und langsam aber sicher einstaubenden Handtüchern und mühte sich redlich, mir dieses Wunder der Technik angemessen zu präsentieren. Der Empfang war etwas schlecht. Das Bild wackelte hin und her, war unscharf, und als einzige Farbe hatte Rot den Weg zu unserer Antenne gefunden. Der angeblich so eindrucksvolle Bildschirm war auf unserem Fernsehbild kaum mehr als ein unscharfes rötliches Rechteck.

Hätte, ja hätte ich irgendetwas erkannt, wäre mir die Großartigkeit dieses neuen Produkts sichtbar geworden, dann hätte ich vielleicht darüber nachgedacht, mir diesen grandiosen HD-Fernseher anzuschaffen.

„Jede Epoche bringt doch die Ausdrücke hervor, die ihr angemessen sind, und manche dieser Ausdrücke wie der Ausdruck ‚Schnulze‘ etwa oder ‚Madigmachen‘ sind sehr gut; und ich würde eine solche Erziehung des Madigmachens außerordentlich advozieren.“

Il me fallut longtemps pour comprendre d’où il venait. Le petit prince, qui me posait beaucoup de questions, ne semblait jamais entendre les miennes. Ce sont des mots prononcés par hasard qui, peu à peu, m’ont tout révélé.

Ich brauchte lange Zeit, um zu verstehen, woher er kam. Der kleine Prinz, der viele Fragen am mich richtete, schien die meinen nie zu hören. Zufällig fallengelassene Worte waren es, die mir, nach und nach, alles enthüllt haben.

– Antoine de Saint-Exupéry, Le petit prince