Aus meinem Reisetagebuch (VII)

Achtelfinale in Vilcabamba

Bald war es 15 Uhr, und ich traf mich mit meinen Zimmergenossen Mike und Robert, um uns gemeinsam das Fußballspiel anzusehen. An der Hostel-Rezeption hatten sie uns eine Bar etwas außerhalb des Zentrums empfohlen, zu der „alle Deutschen“ führen, und so war es dann auch. Peter und Dieter, die beiden Besitzer des Hostels, saßen zusammen mit ein paar anderen offenbar Deutschen in bester Fanmeilen-Mallorca-Schland-Kostümierung vor einer Leinwand und alle waren sehr aufgeregt. Überall lagen, wehten oder klebten Deutschlandfahnen, es gab schwarz-rot-goldene Girlanden und Gesichtsbemalungen und Haarbehängungen zu sehen und es wirkte alles sehr skurril, wenn es auch wohl nur einen kleinen Eindruck davon gab, wie unertrräglich es zur Zeit in Deutschland zugehen muss.

Es herrschte gute, siegesoptimistische Stimmung wie im Führerbunker 1939. „Im Halbfinale hauen wir Brasilien weg, fürs Finale wünsch ich mir Argentinien“, ließ Peter von der Biertheke her verlauten. Dann begann das Spiel und weil Hummels fehlte, Boateng Innenverteidiger spielte, Mustafi dafür rechtaußen und diese neustrukturierte Abwehr ein paar Findungsprobleme hatte, sah es erst gar nicht so gut aus, Algerien kam zu ein paar Chancen und Neuer rannte wie ein Ausputzer quer durch die deutsche Hälfte, um die gefährlichsten Gegenschläge zu verhindern. Es war sehr angespannt im Raum. „Wenn die so weiterspielen, wirds eng mit dem Viertelfinale“, rief Peter herüber.

Aber dann war erst einmal Pause. Die Partygemeinde ging rauchen und Robert erzählte mir, dass er Hauptschullehramt studiert habe, aber am liebsten in einer „Freien Demokratischen Schule“ arbeiten würde, einer Schule, die nach dem Vorbild eines demokratischen Rechtsstaats mit Gewaltenteilung funktioniert und nicht, wie sonst, nach dem Vorbild eines preußischen Zuchthauses. Es hörte sich interessant an; ich werde bei Gelegenheit mal im Internet mehr dazu nachlesen.

Dann ging der Fußball weiter, und obwohl Löw Götze durch den deutlich aktiveren und mehr Gefahr ausstrahlenden Schürrle ersetzte, obwohl auch Algerien immer mehr nachließ in seiner zuvor so aggressiven Mittellinienverteidigung, gelang es den deutschen Spielern kaum, gefährliche Torchancen zu erzeugen. Das Angriffsspiel blieb behäbig, stockte, musste abgebrochen werden, oft versandete es im Aus oder beim Gegner. „Also jetzt hamses auch nicht verdient, jetzt sollnse auch ausscheiden“, verkündete Peter, doch auch Algerien schaffte kein Tor, und so ging es mit 0:0 in die Verlängerung.

Dass Bierkonsum mit jeglicher Gefühlslage kompatibel ist, das hatte ich ja schon lange verstanden, dass aber auch gute Laune und „Paaady“ im Grunde unabhängig von äußeren Bedingungen und momentanen Stimmungen existieren können, das lernte ich nun. Die Lage war ja durchaus kritisch: Deutschland konnte ja jederzeit ausscheiden und dann wäre es vorbei mit dem Trikotgetrage und Schminkegemale, aber in dieser Bar waren trotzdem alle gut drauf. Es wurde auf die Mannschaft geschimpft und auf Löw und auf Flick und überhaupt, es wurde „Wir wolln Elfmeterschießen“ gebrüllt und ähnlich krauses Zeugs, und alle waren happy.

Dann traf Schürrle in der 92. Minuten zum 1:0 und alles jubelte. Es wurde abgeklatscht, angestoßen, nachgeordert und über das Viertelfinale gegen Frankreich fachsimpelt, obwohl ja noch fast dreißig Minuten zu spielen waren.

Es zog sich ein bisschen, das deutsche Angriffsspiel stockte weiterhin, es war nicht sehr schön anzuschauen. „Der Özil spielt ja so was von scheiße, dass der noch immer mitgenommen wird…“, wunderte sich Peter. „Geht der mit dem Löw ins Bett, dass der den immer aufstellt, oder was?“ Das war wohl lustig, denn zwei Leute kicherten vergnügt, aber dann schoss Özil das 2:0, und alle schrien wieder herum.

Kurz danach durften die Algerier noch den Anschlusstreffer erzielen, und dann war es auch schon vorbei, geschafft. Peter und Dieter und all die anderen sammelten ihre Deutschlandfahnen wieder ein, luden sie in ihr Auto und fuhren hupend und grölend fort.

Wir anderen blieben noch ein wenig sitzen, redeten über das Spiel und spazierten dann langsam ins Hostel zurück. Dieser Schock musste gründlich verarbeitet werden.

„Sprechen“

– Verstehen wir Sie richtig? Über Inhalte reden muss allein deshalb schiefgehen, weil schon so oft darüber geredet worden ist?

– Ja, absolut. Das Sprechen über Inhalte ist zum Scheitern verurteilt. Man produziert immer nur Missverständnisse.

– Führt dieser Blick auf das Leben nicht zwangsläufig in die Depression?

– Nein, denn das Sprechen um der reinen Unterhaltung willen ist ja noch möglich: Vortäuschen, verstecken, Unsinn erzählen, das sind alles Mechanismen, die noch gut funktionieren.

Christian Kracht im Interview, 2000

Im Strafraum der Bilder

Wenn der internationale Fußballverband einräumte, dass Deutschland Brasilien niemals mit 7:1 besiegt habe, wenn sich herausstellte, dass alles eine große Inszenierung war, wenn die WM abgesagt worden wäre aufgrund der verzweifelten Proteste vor den Stadien, wenn alle Spiele seit dem Achtelfinale ausgefallen und der Kunst der FIFA-Medieninformatiker überlassen worden wären – wenn ich dann sagte, das könne nicht sein, ich habe es doch alles gesehen, mit eigenen Augen, im Fernsehen, so wie Millionen, Milliarden mit mir, es sei doch passiert, ich habe es doch erlebt: hätte ich nicht recht?

Vor ein paar Tagen ist in der taz ein wichtiger Artikel zu den Bildern der WM erschienen. Unter anderem schreibt der Autor Martin Krauß ganz richtig:

„Wegen der televisionären Inszenierung sehen wir nicht, was wir glauben: die halbwegs funktionierende Eins-zu-eins-Wiedergabe eines Fußballspiels. Und weil obendrein die Fifa den Daumen drauf hat, wird diese ohnehin fragwürdige Präsentation sogar nur aus genehmigten Bildern zusammengepuzzelt. Das soll nicht heißen, dass wir etwas Langweiliges sähen oder dass wir manipuliert würden. Wir erleben nur eine andere Dramaturgie des Fußballspiels, eine Art Spiel-Film.“

Aber was soll das sein, ein „echtes“ Fußballspiel, im Gegensatz zum „Spiel-Film“, wie Krauß es nennt? Ist nicht die mediale Inszenierung, der wir am Bildschirm folgen, viel „realer“ als das Geschehen auf dem Rasen, das jeder Stadionzuschauer einzeln und auch noch subjektiv erlebt? Wir folgen einem Einheitsblick, einer Einheitsmeinung, hören einen Einheitssound des Spiels. Das ist real, das ist vergleichbar, das bleibt. Natürlich hat das wenig mit dem Geschehen im Stadion zu tun. Na und?

Was heißt das alles? Nicht viel. Wir sehen nur keinen Fußball“, resümiert Krauß. Doch er irrt. Nicht nur die Rezeption am heimischen Fernseher ist von dieser großen Begriffserosion betroffen: Das, was im Stadion selbst passiert, ist genauso eine Inszenierung, genausowenig real wie der Film, der uns im Fernsehen geboten wird. Die Videoleinwände, die Bildschirme, an denen die Journalisten sitzen, die tausendfachen Handyphotos und -videos, die die Zuschauer und Spieler aufnehmen, sind nur der offensichtlichste Ausdruck dieser medialen, selbstreferenziellen Vervielfältigungsschleifen, in denen der Sport im 21. Jahrhundert eingefangen ist. Auch der Fußball ist in die Welt der Bilder eingetreten, in der er dem Zuschauer, auch dem Zuschauer im Stadion nur noch hinter der Folie medialer Simulakra zugänglich wird. In dieser Welt der Bilder kann ein Fußballspiel so „echt“, so „authentisch“ sein, wie wir wollen, es kann dem universellen Beobachtetwerden, dem wir alle ausgesetzt sind, der Auflösung der Wirklichkeit in ihre Abbilder nicht entkommen.

Findet die WM wirklich statt? Vielleicht, vielleicht auch nicht, es ist eigentlich irrelevant. Sie findet genauso statt, oder nicht, wie der Golfkrieg stattgefunden hat (oder nicht). Sport, Politik, das Leben, das Sterben, nichts kann unter den Bedingungen, in denen wir leben, real sein. Das Fazit, das Jean Baudrillard (meiner Meinung nach ohnehin der Philosoph des 21. Jahrhunderts) vor 23 Jahren zog, ist aktueller und dramatischer denn je:

„Natürlich haben wir alle eine tiefe Sehnsucht nach dem Realen. Wir sind nicht einverstanden mit der reinen virtuellen Welt. Wir sehnen uns danach, durch diese Glaswand zu brechen. Aber das Protestieren ist auch nur eine Szene im Drehbuch der Medien. Selbst wenn wir uns vor dem Fernsehen ekeln, geraten wir tiefer und tiefer in dessen Bilderwelt. Das ist ein paradoxer, katastrophaler Prozess.“

Viel Spaß beim Finale.