Aus meinem Reisetagebuch (XII)

Eine Bildungsreise

Tag Vier, abends

Jetzt ist es Abend. Um fünf Uhr bin ich zurückgekehrt und habe den Abend in Nuevo Rocafuerte genossen. Zu diesen Orten, zu denen sich Touristen sonst nicht so oft verirren, muss man doch fahren, so abgedroschen sich es anhört. Hier, wo es noch nicht einmal Autos gibt (nur ein Wagen vom Gesundheitsministerium fuhr herum und versprühte aus rumpelnden, motorartigen Maschinen ein Insektizid, was Teil einer Aktion gegen Malaria sein soll, wie sie mir gestern erklärten), wo die Menschen nach getaner Arbeit an der Strandpromenade spazieren gehen und von Bänken auf den Fluss hinausschauen, wo die Kinder gemütlich auf Fahrrädern hin- und herfahren und Fußball spielen, und wo sich die Sonne gelbrötlich ins Baummeer versenkt, die gegenüberliegenden Ufer noch ein letztes Mal in ihr helles Licht tauchend, hier, wo man in der Großstadt schon für halb verrückt erklärt wird, wenn man überhaupt hinfährt, hier muss man sein.

Das Boot gen Yasuní legte um 8.30 ab, flussabwärts, in Richtung Peru. Nach drei Minuten kamen wir beim Militär vorbei, wo ein einsamer Soldat am Ufer unsere Daten aufnahm, und dann, nach fünf Minuten, bogen wir auf den Río Yasuní ein, den Grenzfluss. „Bienvenidos a la República del Ecuador“ stand auf einem Schild am gegenüberliegenden Ufer zu lesen, und nun kam es mir endgültig vor, als sei ich am Ende der Welt angelangt, auch wenn es ja nur eine beliebig durch den Urwald gezogene Linie ist.

Auf dem Yasuní, der mir im Vergleich zur inzwischen schon gewohnten Breite und Mächtigkeit des Río Napo geradezu winzig vorkam, obwohl auch er nicht gerade schmal ist, dauerte es noch zwei Minuten, und ich bemerkte, wie mein Gehirn nach und nach den ganzen Gedankenmüll, der sich bis eben noch dort angesammelt hatte, entfernte, um der uneingeschränkten Bewunderung der Natur Platz zu machen. Dass eine Landschaft „ein Gedicht“ sei, sagt sich ja leicht, aber was dies wirklich bedeutet, die Reinigung des Geistes bis hin zur vollen Hingabe an das Gegenüber, sei es Text, sei es Natur, dies wurde mir erst dort bewusst. Und wir waren ja noch nicht einmal im Nationalpark angekommen.

Diesen erreichten wir nach etwa fünfzehn Minuten Fahrt durch bereits herrlichste Landschaft, die mich nur eines wünschen ließ: Eines Tages noch einmal im Kanu zurückzukehren und die volle Schönheit dieser Welt aus dieser gluckernden und plätschernden Insel und nicht dem laut und rücksichtslos vorpreschenden Motorgefährt zu genießen. Am Beginn gab es zunächst ein Schild, das einen darauf hinwies, dass man ihn nun wirklich betreten würde, und dann eine Waldstation, an der wir unsere Daten auf ein Blatt Papier schreiben mussten und dann aus dem Boot ausstiegen, um zu Fuß weiterzugehen bis zur Jatuncocha-Lagune, wo die Argentinierinnen kampieren und ich immerhin zu Mittag essen würde. Wir zwängten uns in die vom Führer Fernando für uns mitgebrachten Gummistiefel – die mir eine ganze Reihe wunderbarer Blasen bescherten – und dann verschluckte uns der Wald.

In seiner Beschreibung der Kathedrale von Combray in der Suche nach der verlorenen Zeit schreibt Marcel Proust, dass ihm jener Ort immer als ein vierdimensionaler vorgekommen sei, in dem man nicht nur das Mittelschiff hinunter, seitlich ins Querschiff hinein, und zur Decke hinauf, sondern auch in die Zeit zurückschauen konnte, weil die Kirche, alt und verfallen wie sie war, auch ihre eigene Geschichte erzählte.

An diese Stelle – ich bin mir des erneuten pantheistischen Ausbruchs voll bewusst – musste ich viel denken, als wir durch den Dschungel streiften, weil mir auch dieser Wald um mich herum so vorkam: Man konnte nicht nur nach vorne schauen, wo der weitere Weg vor dichten Bäumen und Blättern mal unauffindlich schien, sich mal bis in weitere Ferne schon abzeichnete, zur Seite, wo das Holz schon auf Armlänge neben dem Weg so dicht war, dass ohne Machete gar kein Durchkommen gewesen wäre und man sich wohl nach zwei Minuten im dichten Grün verloren hätte, wäre man ohne Ortskundigen unterwegs gewesen, und nach oben, wo sich an manchen Stellen, wo ein Urwaldriese kürzlich umgestürzt war und eine Bresche geschlagen hatte, tatsächlich der Himmel, und sonst nur die senkrecht aufwärtsstrebenden Stämme und Lianen mit ihrem manchmal undurchdringlich erscheinenden Blätterdach sehen ließ; nicht nur diese drei Blickrichtungen standen mir offen, auch die Zeitlichkeit ließ sich an jeder Stelle beobachten, auch wenn die Zeitlichkeit eines Waldes ja eine ganz andere ist als die einer Kirche.

Mich faszinierte die grandiose Unterschiedlichkeit der Zeitskalen, die in diesem Ökosystem interagieren und für sein Funktionieren sorgen: Auf dem 200, 300 Jahre alten Ceibo- Riesenbaum mit 60 oder 80 Metern krabbeln Ameisen in langen Blattträgerstraßen herum, deren kognitiver Apparat vielleicht noch gerade für diese räumliche, aber sicher nicht für die zeitliche Dimension geschaffen ist, und doch – hat es sicher schon immer diese Ameisen auf diesem Baum gegeben, sodass er ihnen vielleicht gar nicht wie ein Lebewesen oder eine Pflanze vorkommt, sondern eher wie so etwas wie ein Planet, der einfach grundsätzlich da ist. (Wäre es nicht, dachte ich, im Falle, dass der Baum umfällt, für diese Ameisen so, wie wenn wir durch eine ungeahnte Kraft plötzlich von der Sonne getrennt frei im Weltraum herumschweben würden? Nur weil unser Wahrnehmungsapparat nicht dazu geschaffen ist, die anderen, auf einer uns völlig unzugänglichen Zeitskala ablaufenden Prozesse zu erfassen?)

Und es ist ja ohnehin ein Ökosystem, das sich nur aufgrund der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen überhaupt erhalten kann, dem Nebeneinander von Leben und Tod, von Verwesung und Wachstum, von Räuber und Beute, von Parasit und Wirt, von Materie und ihrer Verarbeitung, von Alter und Jugend.

Dass hier „die Zeit stehen geblieben“ sei, ist ja einfach zu sagen, aber es stimmt überhaupt nicht. In Städten kann die Zeit vielleicht „stehen bleiben“, wo man massenweise totes Material zu Gebäuden und Straßen anhäuft; hier lässt sich die Zeit so gut beobachten wie sonst wohl nirgends auf der Welt.

Aus meinem Reisetagebuch (XI)

Eine Bildungsreise

Tag Vier, morgens

Morgen in Nuevo Rocafuerte. Ich sitze auf einer Treppe, die in den Fluss hineinführt, und schaue aufs Wasser. Man hört das Wasser glucksen und die Vögel über dem Fluss krächzen und kreischen. Aus dem Dorf hinter mir tönt nur ein entferntes Radio und ein Hahn, der ab und zu schreit. Der Fluss zieht vorbei, mit beeindruckend schneller Strömung, und weil man ihm nicht richtig folgen kann, so schnell wie er mit allem Dreck und Laub und Treibholz gen Osten zieht, schweift mein Blick immer wieder zum gegenüberliegenden Ufer, das vielleicht 500, vielleicht 1000 Meter entfernt sich aus den braungrauen Fluten und dem silbrigen Morgennebel erhebt, dunkel, grün, verheißungsvoll.

Aus diesem Ufer, Kilometer und hunderte von Kilometern lang, bestand die Attraktion des gestrigen Tages. Wann immer man sich auf seiner Bank auf dem Schiff zum Ufer umdrehte, wann immer man den Blick hinauslenkte, zog es dort vorbei, mal fast auf Armlänge, mal fern auf der anderen Seite, ruhig uns, den gemeinsam mit dem Wasser Vorbeirasenden zusehend, als wollte es auf die Vergeblichkeit unserer Flucht aufmerksam machen. Wenn es eine Erwartung gab, die ich ganz schnell aufgeben musste, dann war es die, auf dem Schiff oder auf dem Fluss die Entfernung und den Urwald besser, „echter“, mehr „am eigenen Leib“ zu erfahren als in einem Bus. Hier, wo es keine Straßen mehr gibt, wie man sie kennt, wo der Fluss die Straße ist und das Boot somit der Bus, hier kann auch eine Bootsfahrt (zumal eine solche, in einem großen, beinahe würde man sagen, Schiff, war ebenso auch das was man sah, der Wald oder besser gesagt, seine äußere Grenze, sein Antlitz, nicht mehr als, wie es bei Christian Kracht heißen würde, „Ecuador, fein portioniert in bootsfenstergroße Ausschnitte“.

Und obwohl diese Aussicht verheißungsvoll war und blieb, wann immer man sich umschaute, war und bleib es doch eben dies – eine Verheißung, eine unerfüllte. Ich fühlte mich wie jener, der keine Eintrittskarte zum Fußballspiel erhalten hat und nun 90 Minuten lang um das Stadion läuft, stets den Blick auf die Fassade gerichtet, die doch eigentlich nur nach innen einladen soll, oder wie jener, der fremd durch eine kalte Stadt läuft und aus den Häuser- und Menschenfronten das ahnen muss, was doch das volle Leben der Menschen sein sollte, oder wie jener Liebhaber, der eine wunderschöne Person betrachtet, aber durch eine Scheibe, ohne in sie eindringen zu können, geistig oder körperlich, ohne sie hören, riechen oder sich bewegen zu sehen, seine Liebe in sich selbst verzehrend.

Man darf das auf keinen Fall missverstehen: Die Leute, die hierher fahren, auf der Suche nach einer „authentischen Dschungelerfahrung“, auf der Suche nach irgendwelchen angeblich seltenen Tieren oder Pflanzen (deren Seltenheit sich ja am besten dadurch bewiese, dass man sie nicht fände) und die dann, wenn sie sie gefunden haben (oder, besser gesagt, wenn ihnen jemand gesagt hat, dass sie sie jetzt gefunden haben) begeistert Photos machen und dann in aller Welt sie herumzeigen und erzählen, welches Glück sie hatten, dass ausgerechnet diese seltene Art sich ausgerechnet ihnen gezeigt habe, wofür sie dann hunderte Dollar ausgegeben haben; diese Leute finde ich noch immer so albern wie zuvor.

Doch die stetige Einladung dieses dichten Ufers in eine Welt, deren Existenz sie schon andeutete, ohne den Hauch eines Einblicks (oder Einhörens?) zu geben, dies machte unmissverständlich klar, dass ich jemanden würde finden müssen, der mir mehr zeigte als nur jenen Leporello an neben(!)einandergereihten Baumstämmen, Blättern und Gräsern. Und was dies anging, hatte ich wirklich mehr Glück als Verstand.

Auf dem Boot saßen neben mir vier Argentinierinnen, die sich erstaunlich lange gar nicht, und dann umso freundlicher mit mir unterhielten. Sie hatten schon von zu Hause einen Naturführer gebucht, mit dem sie am Montag (also heute) und Dienstag für eine Nacht in den Yasuní-Nationalpark hinausfahren würden. Ich erzählte ihnen, dass ich jemanden finden wollte, der mir morgen etwas zeigen würde, und sie sagten, ich solle doch einfach mitkommen und ihren Führer fragen, mit dem sie sich treffen würden. Der wüsste schon eine Möglichkeit, wenn es denn eine gäbe, zu meiner Yasuní-Fahrt zu kommen. Und so schloss ich mich ihnen an, bezog das selbe Hotel und spazierte dann mit ihnen durch den Ort.

Fernando (glaube ich), der Führer, traf uns auf der Straße, erkannte die Argentinierinnen, und als ich ihn fragte, was in meiner Sache zu tun sei, sagte er, ich solle einfach mit den anderen zum Hotel zurückgehen, dort würde man alles Weitere sehen. Dort erzählte er dann vieles, was er den vieren zeigen wollte: medizinische Bäume und Pflanzen, irgendwelche Tiere, deren Namen ich vergessen habe, „pesca deportiva“ (was ich schon so oft gehört habe, dass ich es vielleicht lieber nicht machen möchte). Aber er war freundlich, und er war so ehrlich und reflektiert, anschließend zu sagen: „Ich kann euch nicht versprechen, dass wir auch nur irgendetwas zu sehen bekommen, das gebietet die Aufrichtigkeit. Es kann sein, dass sich wunderbare Tiere zeigen, dass wir diese Pflanzen finden, aber es kann auch sein, dass all dies nicht so ist. Aber selbst dann – bleibt uns die Landschaft!“ Dass diese Landschaft es war, die ich suchte, und auf die „besonderen“ Tiere und Pflanzen nicht so viel Wert legte, wagte ich nicht zu sagen.

Mir bot er an, mich mitzunehmen und jemanden zu bestellen, der mich gegen Abend abholen und nach Nuevo Rocafuerte zurückbringen würde. Ich willigte ein, und fragte nach dem Preis. 70 Dollar, sagte er, allerdings müsste ich noch das Boot bezahlen, das mich zurückbringen würde. Ich erschrak und rechnete, wie viel ich aus Coca mitgebracht hatte. In meinem Zimmer zählte ich nach, wie viel ich hatte: es waren genau 108 Dollar. Ich ging zurück und schilderte ihm die Lage, und dann rechneten wir gemeinsam ein wenig herum, wie ich es anstellen könnte. Erst sagte er, neune, das würde nicht reichen für sich und das Boot zur Rückkehr und alles, dann schlug ich vor, ich könnte ich die Rückfahrt auch erst in Coca bezahlen, und er sagte ja, das könnte wohl möglich sein, und rechnete noch einmal. Schließlich kamen wir überein, dass er mir zehn Dollar erließ und versprach, mir jemanden für die Rückfahrt zu organisieren, der es für nicht ganz so viel Geld machen würde, sodass ich, am Ende einer langen Rechnung, derzufolge ich wohl morgen mit ungefähr null Dollar nach Coca zurückkehren werde, doch fahren kann, nachdem ich meinen Traum schon zerplatzen sah.

Dies verdanke ich den Argentinierinnen (denn ohne sie wäre das Ganze für mich alleine erst recht unbezahlbar gewesen), der Freundlichkeit dieses Yasuní-Führers und meinem nicht enden wollenden, ja geradezu unverschämt zu nennenden Glück.

Musik zum Sonntag (I)

Zum Beginn dieser neuen Reihe stelle ich ein meiner Ansicht nach großes Werk des 20. Jahrhunderts vor, ein Kompendium brillanter Ideen, ein Klanguniversum, eine unerschöpfliche Quelle der Kreativität, eine famose Innenschau in das Leben eines faszinierenden Komponisten, eine Zusammenfassung heute ganz so wie damals zukunftsweisender, visionärer Musik: Die 114 Songs von Charles Ives. Die gedruckte Ausgabe ist ein schwerer 260-Seiten-Hammer (die Noten findet man digital auch hier), aber es handelt sich keineswegs um ein monolithisches Werk, aus den Seiten weht einem die Vielfalt des ivesschen Denkens entgegen wie ein Sturm, der den Geist freibläst und einen zwingt, in eine neue, ungekannte Richtung zu schauen.

Die Sammlung eröffnet mit Lärm (s.o., Lied Nr. 1 „Majority“). Es wird wild auf dem Klavier herumgedonnert, der Pianist schmeißt Unterarme zu apokalyptischen Clustern auf die Tastatur. Das Urchaos, man kann auch an die Maschinen denken, an denen Arbeiter schuften und schwitzen, Krach; doch dann setzt der Sänger ein (man solle doch besser einen ganzen Männerchor aufbieten, schreibt Ives in der Partitur, ein Sänger allein könne gegen diesen Lärm unmöglich ankommen) und zähmt das Klavier, Takt für Takt, zwingt es in die Tonalität zurück, in leise Arpeggien, in den Traum. „God’s in His Heaven, All will be well with the World“, ist die Sentenz des Liedes, die infernalischen Barbareien vom Beginn sind in reines F-Dur überführt, die Welt ist bewohnbar gemacht, all will be well.

Und was dann kommt, ist in der Tat eine ganze Welt, eine Welt in Musik. Ives kennt natürlich die spätromantische Musiktradition, er beherrscht das Spektrum von romantisch-süßlicher Klangschwelgerei (z.B. in Lied Nr. 28) , amerikanischer Folkloristik (z.B. in Lied Nr. 45), Polyharmonik (z.B. in Lied Nr. 58), expressionistischen Ausbrüchen (z.B. in Lied Nr. 69) und weit darüber hinausweisende formalen Experimenten (z.B. in Lied Nr. 64). Doch bei ihm ist all das auf eine andere, eine eigene Ives-Ebene gehoben: Fast nie ist ein Lied einfach nur das, was es zu sein vorgibt, es gibt ironische Brechungen und Widersprüche, abrupte und überraschende Schlüsse oder ungewohnte Klänge und Rhythmen. Und wenn ein Lied doch einmal durchkomponiert ist, wie das oben verlinkte „On the Counter“ (Nr. 28), dann findet sich eine Notiz unter den Noten: „Though there is little danger of it, it is hoped that this song will not be taken seriously, or sung, at least, in public.“ Das ist Ives.

Einen musikalisch typischen Ives-Moment kann man zum Beispiel im Lied Nr. 50 („He is there“) erleben:

Ein fröhliches Lied, sollte man meinen, von einem uns heute ganz und gar fremden Siegesoptimismus angesichts des Ersten Weltkrieges durchdrungen, wie ihn wohl nur ein Amerikaner so empfinden konnte, aber das ist nicht das Thema. Es geht um Takt 11. „Was war das denn?“, fragt sich wohl jeder, der das Lied zum ersten Mal hört, was war da denn los. Ich weiß noch, dass ich mich sogar fragte, ob beim Abspielen vielleicht etwas durcheinandergekommen war, als diese merkwürdigen, selbst für eine Jazzparodie zu orientierungslos wirkenden Synkopen im Klavier ausbrachen und aber sofort wieder im normalen Liedfortschritt aufgefangen werden. Einen solchen Bewusstseinsriss habe ich beim Musikhören selten erlebt.

Ives war wahrscheinlich der humorvollste Komponist des Abendlandes seit Mozart, das wird nicht nur in diesem Lied deutlich. Es gibt so viele solcher Stellen, dass das Hören und Lesen der Partitur eine wirklich lustige Angelegenheit ist. Wenn er zum Beispiel in Lied Nr. 32 („The Side Show“) den Gang eines alten Ackergauls mit einem verstolperten „Walzertakt“ nachahmt:

Oder wenn er sich in Lied Nr. 41 („1.2.3“) über die Vorlieben der Amerikaner Gedanken macht, was Taktarten betrifft:

Oder wenn er in Lied Nr. 6 („The New River“) das Gelärme der modernen Freizeitindustrie am Flussufer karikiert, das die Flussgötter vertrieben hat:

Oder wenn er im zweiten Teil von Lied Nr. 54 („A Son of a Gambolier“) einen ganzen „Kazoo Chorus“ auflaufen lässt:

Oder wenn er einer Cowboygeschichte aus dem Wilden Westen in „Charlie Rutlage“ (Nr. 10) einen dramatischen Spannungsbogen verleiht:

Und so weiter. Es gibt auch zauberhafte, ganz ernst gemeinte Stücke, in denen ein charakteristischer Ton vorherrscht, ein undefinierbares Flirren im Zwischenraum zwischen Tonalität und Atonalität, eine schlafwandlerische Stimmung, als wanderte man durch Erinnerungen eines Fremden, alles riecht vertraut wie eine eigene Erinnerung, dabei weiß man gar nicht, wo man überhaupt ist, als träumte man…

Was will Ives mit alldem? Ich glaube, man muss ihn sich vorstellen als ein Kind, das sich aus der Ödnis der ihn umgebenden Welt (er war Versicherungsmakler von Beruf) ebenso wie der ihn umgebenden Musik flüchtet (er war deshalb Versicherungsmakler, heißt es, damit er nicht von der langweiligen und immergleichen Gebrauchsmusik leben musste, die er sonst zum Lebensunterhalt hätte produzieren müssen). Und er flüchtet in die Spielerei, in die Innovation, in die intellektuelle Herausforderung. Er ist gelangweilt von all den Menschen, die das immer Dagewesene wollen (und die er zum Beispiel in Lied Nr. 53 „The Alley“ porträtiert, in dem der Pianist laut Partitur aus Langeweile über seine Allerweltsbegleitung nebenher in einer Zeitung blättern soll), er ist auf der nie beendeten Suche nach dem neuen Klang, der neuen Idee, dem neuen Gedanken. Im Nachwort der 114 Songs schreibt er:

„Every normal man […] has, in some degree, creative insight (an unpopular statement) and an interest, desire and ability to express it (another unpopular statment). There are many, too many, who think they have none of it, and stop with the thought or before the thought. There are a few who think (and encourage others to think) that they and they only have this insight, interest, etc. … and that (as a kind of collateral security) they and they only know how to give true expressions to it, etc. But in every human soul there is a ray of celestial beauty (Plotinus admits that), and a spark of genius (nobody admits that).“

Sein Programm ist, in einem Wort, die Aufklärung. Der Kampf gegen die Dummheit und Bequemlichkeit und Selbstverliebtheit der Welt. Für das Neue, für Neugier, für die Kreativität, für das Genie, das in jedem von uns steckt.

 

P.S.: Diese Stelle aus dem Nachwort ist zu schön, um sie unzitiert zu lassen:

„Some of the songs in this book […] cannot be sung,—and if they could perhaps might prefer, if they had a say, to remain as they are,—that is, ‘in the leaf,’—and that they will remain in this peaceful state is more than presumable. An excuse […] for their existence […] is that a song has a few rights the same as other ordinary citizens. If it feels like walking along the left hand side of the street—passing the door of physiology or sitting in the curb, why not let it? If it feels like kicking over an ash can, a poet’s castle, or the prosodic law, will you stop it? Must it always be a political triad, a ‘breve gaudium’, a ribbon to match the voice? Should it not be free at times from the dominion of the thorax, the diaphragm, the ear and other points of interest? If it wants to beat around in the valley, to throw stones up the pyramids, or to sleep in the park, should it not have some immunity from a Nemesis, a Rameses, or a policeman? Should it not have a chance to sing to itself, if it can sing?—to enjoy itself, without making a bow, if it can’t make a bow?—to swim around in any ocean, if it can swim, without having to swallow ‘hook and bait’ or being sunk by an operatic greyhound? If it happens to feel like trying to fly where humans cannot fly,—to sing what cannot be sung—to walk in a cave, on all fours,—or to tighten up its girth in blind hope and faith, and try to scale mountains that are not—Who shall stop it?

In short, must a song
always be a song!“

 

Aus meinem Reisetagebuch (X)

Eine Bildungsreise

Tag Drei

Die Reise hatte direkt begonnen mit einer Unvorhergesehenheit, wie ich sie eher irgendwo im Dschungel bei einer Bootskooperative als am mir gut organisiert erscheinenden Terminal in Santo Domingo erwartet hätte: Mein Bus um 20.30 Uhr fuhr nicht. Stattdessen bot mir der Herr vom Terminal ein Boleto für 23 Uhr an. Ich seufzte und akzeptierte dann.

Der Bus um elf war voll – und vor allem: eng. In dieser Hinsicht überraschte mich das ecuadorianische Transportsystem, mit dem ich mich doch schon halbwegs vertraut wähnte, doch noch einmal: dieses Gefährt war wirklich in keiner Weise verschieden von den klapprigen Dingern, die in San Marcos vorbeizufahren pflegen, wurde aber eingesetzt auf einer Übernacht-Direktfahrt auf die andere Seite der Anden; ich konnte meine Beine kaum in dem wenigen Platz zwischen meinem und dem vor mir befindlichen Sitz unterbringen. (Erst später stellte ich fest, dass es halbwegs auszuhalten war, wenn ich den Sitz ganz zurückklappte, auf die allerletzte, immerhin bemerkenswert waagerechte Stufe.) Und so zwängte ich mich mit Todesverachtung in den Sitz, der für die nächsten zehn Stunden mein Zuhause sein würde. Die Nacht verbrachte ich in jenem Zustand großer Müdigkeit, in dem sich kein richtiger Schlaf einstellen will und man das Vergehen der Zeit abwartet; erst spät, als schon das Dunkel der Nacht sich ein wenig aufzulösen begann, schlief ich ein wenig.

Mich empfing, mit den Strahlen der Sonne, die mich aus dem Schlaf endgültig weckten – das Oriente! Doch es waren noch die allerletzten (oder allerersten) Ausläufer des Oriente, eigentlich sah alles aus wie zu Hause, hätten mich nicht die kontinuierlich mal unter-, mal oberirdisch, mal links, mal rechts neben der Straße verlaufende Pipeline (d.h. das Rohr, von dem ich allerdings kaum glauben kann, dass es die ganze Pipeline sein soll, so unscheinbar wirkt dieses Röhrchen von weniger als einem Meter Durchmesser) zusammen mit den gelegentlichen aus dem Fenster zu sehenden riesigen Erdöl-(Wasauchimmer-)Stationen daran erinnert, dass ich soeben die Anden überquert hatte.

Die Straße führte am Hang entlang, und sie lag wunderschön in der Landschaft. Weit unten, des Morgens wegen in Nebel gehüllt, lag zuerst der Río Coca, dann später der Rìo Aguarico; die Landschaft war noch sehr hügelig, und wenn man zurückschauen konnte, dann sah man die mächtigen Auffaltungen der Anden sich erheben und einmal sogar einen schneebedeckten Riesen, von dem ich annehme, dass es der Cayambe war und den ich zunächst für eine Wolkenansammlung hielt.

Lago Agrio passierten wir etwas außerhalb, doch selbst hier sah ich schon, was mich auf der ganzen Orientereise bisher am meisten überraschen sollte: Der Reichtum jener Städte. Nicht nur in Lago Agrio, auch in den kleineren Orten, die wir im Folgenden passierten, sah man endlose gepflasterte Bürgersteige, Parks mit Beeten und Kinderspielplätzen, wie ich sie nach allem, was ich bisher in Ecuador gesehen hatte, hier nicht mehr vermutet hätte, vertrauenswürdige, geradezu elegante Brücken und also – insgesamt – ein Ambiente, wie es einladender kaum hätte sein können. (Man muss das ja über Orte schreiben, denn von „Natur“ im eigentlichen Sinne war zwischen Palmen- und Bananenplantagen noch immer wenig zu sehen.)

Coca war nach dieser Reise dann die Krönung. Diese Stadt ist natürlich nicht architektonisch oder historisch interessant, wie es die Sierra-Städte aufgrund ihrer Altstadt selbstverständlich sein können. Doch von all jenen Orten, die diesen Mangel nun einmal haben – und von denen es viele gibt in Ecuador – ist (unter jenen, die ich bisher gesehen habe) Coca die schönste, sauberste und im Ganzen angenehmste. Bis in die Außenbereiche, die weiter vom am Flusskai befindlichen Zentrum entfernt lagen, waren die Straßen sauber und einladend. Es gibt einen wunderbaren Park in der Innenstadt, der zwar auch kein Park im europäischen Sinne ist, aber mit Springbrunnen, einem Spielplatz und ausreichend Bänken zum Verweilen einlädt.

Und der Kai, der Hafenbereich, kann noch nicht lange fertiggestellt sein, so modern und einladend sieht alles aus. Alles atmet schon ein wenig den Hauch – vielleicht sogar einen zu starken Hauch – deutsch-kleinstädtischer Neubaugebietssterilität, doch dies wird vollständig wettgemacht durch den Río Coca und das gegenüberliegende, urwaldartig herüberwinkende Flussufer, ja vermag sogar einen interessanten Kontrast zu jenem zu bilden.

Mit Sicherheit ist dies keine Stadt, in der ich lange leben wollte. Und mit den Revolución-Ciudadana-Schildern, die überall darauf hinweisen, dass das Erdöl jetzt endlich den comunidades zugute kommt, bekommt das Ganze für mich den Beigeschmack des „Ruhigstellens durch Investitionen“. Doch besser als zu jener Zeit, als noch aller Reichtum bestenfalls nach Quito oder nach sonst irgendwo in der Welt exportiert wurde, ist es sicher.

Jetzt schreibe ich in Nuevo Rocafuerte, dem Ziel meiner Träume, und es ist weniger aufregend als ich es mir vorgestellt hatte, wie auch die Bootsfahrt „langweiliger“ und weniger spannend war, als ich zuvor gedacht hatte. Morgen werde ich hoffentlich Zeit haben, über all das zu schreiben, was sich heute zugetragen hat.

Morgen um 8.30 Uhr werden wir in den Yasuní aufbrechen, nach einer langen Verkettung von Zufällen, die mir dies ermöglichten. Ich bin gespannt darauf, nachdem ich etwa zehn Stunden vom Boot aus nur das Gesicht des Dschungels ansehen konnte, nun endlich einzutreten, ihn zu sehen, zu fühlen, zu hören, zu riechen. Welch aufregende Aussicht.

Aus meinem Reisetagebuch (IX)

Eine Bildungsreise

Tag Zwei

Jetzt schreibe ich schon in Coca. Es ist drei Uhr nachmittags und den ganzen Tag brennt die Sonne so herab, dass man es nur im Schatten länger aushält. Jetzt habe ich endlich eine Bank am Flussufer gefunden, unter der mächtigen neuen Brücke, die den Río Napo überspannt, ein unheimlich unbequemer Platz, aber ruhig, und werde etwas schreiben.

Der Fluss in all seiner Mächtigkeit dümpelt vor mir herum, angetäut am Kai liegt ein „Flotel“ mit dem merkwürdigen Namen „La Misión“ neben einem Schiffsbagger. Fischer in ihren kleinen Kanus arbeiten dahinter mit ihren Netzen und Haken, und dahinter, am geschätzte einhundert Meter entfernt liegenden anderen Ufer wölbt sich der grüne Urwald über das Wasser, zumindest das, was man dafür halten würde, wüsste man nicht, dass direkt dahinter sich unerbittlich die Besiedlung fortsetzt.

Doch nichts von alldem mag jenes sehnsüchtig aufgeregte Gefühl in mir auszulösen, das sich einstellt, wenn ich den Blick nach links, flussabwärts, wende. Dort, wo sich auch noch der Río Coca in den Río Napo ergießt, dort wo die pittoresken Boote immer kleiner werden und schließlich kaum mehr auszumachen sind, dort wo der Strom sich schlängelnd im Dickicht verliert, sodass die grüne Uferlinie einen einheitlichen Strich zu bilden scheint, einen Abschluss des Flusses mitten im Wald, dort hat für mich die Anziehungskraft der Landschaft den Punkt überschritten, an dem ich nicht mehr zurückkann.

Morgen – stolzer Besitzer des Boletos bin ich bereits – fahre ich nach Nuevo Rocafuerte, in dieses Grün hinein, in das, was ich mir bisher nur allzu schemenhaft als die Unendlichkeit dieses Landes „Amazonien“ vorzustellen fähig bin. Morgen trete ich jene Reise an, von der ich meinem Gefühl nach schon seit jenem Tag geträumt habe, als ich in Deutschland über meiner Karte lag und von Ecuador nur dieses eine Bild hatte. Leute, denen ich davon erzählt habe oder die davon gehört haben, dass ich dorthin will, halten mich für verrückt („Was willst du denn da?“, fragte ein mir unbekannter Mann heute, als er mitbekam, dass ich in dem Schiffsbüro mein Ticket kaufte), aber ich weiß auch, dass ich jenes nicht kann, was man von einem Gringo erwartet, der sich hier in den Dschungel begibt: Mich in irgendeine „Lodge“ einzumieten für etwa viermal so viel Geld wie ich jetzt ausgebe, um dann mit einem „Guide“ durchs Dickicht zu ziehen, auf der Suche nach Tieren oder Pflanzen, die ich vorher nicht kenne, und hinterher nie wieder sehen werde, um dann abends zurückzukehren und mir Photos anzusehen. Ich weiß – oder, etwas ehrlicher, ich ahne – dass ich von einem solchen „Trip“ nicht reicher zurückkäme, und ich weiß – ahne, hoffe – dass es in Nuevo Rocafuerte anders sein wird.

Ich will – das ist vielleicht der eigentliche „Sinn“ des Ganzen – auf dieser Reise die Macht der Natur erleben, ihre Weite und Kraft, die alles Lächerliche, das wir Menschen glauben geschaffen zu haben, auf sein eigentliches, bescheidenes Maß zusammenschrumpfen lässt. Also eine Bildungsreise, in der Tat.

Dieses Tagebuch, immer wieder komme ich darauf zurück, ist schon sehr pantheistisch. Aber warum auch nicht? Vielleicht finde ich noch eine geheime Verbindung zwischen Pantheismus, Atheismus und Christentum. Oder vielleicht muss man auch gar nicht an Gott glauben, wenn man sich einfach mal ein wenig umschaut in der Welt.

Ein wenig der obigen Naturschwärmerei muss ich wieder zurücknehmen: Die Brücke hier über den Río Napo ist wirklich beeindruckend. Einige hundert Meter weiter wird zur Zeit die alte Brücke abgebaut, die auf vier noch zu sehenden Pfählen im Fluss ruhte. Die neue Brücke ist eine Hängekonstruktion, die ganz ohne Säulen im Fluss auskommt. Die zwei sicher vierzig, fünfzig Meter hohen Masten, die die beeindruckenden Seile tragen, stehen auf riesigen Betonfundamenten am Ufer.

Überhaupt ist die gesamte Brücke aus grauem Beton, und obwohl dieses Material selbst ja wirklich das Gegenteil von Schönheit ausstrahlt, ist es – aus welchem Grund auch immer mir das so vorkommt – wirklich das schönste Bauwerk aus grauem Beton, das ich in meinem Leben je gesehen habe.

Inzwischen ist es Abend, und ich sitze in einer Pizzeria. Am Nachmittag, als die Sonne bereits hinter den am Horizont aufsteigenden Wolken verschwunden war, machte ich einen Spaziergang über die Brücke und ließ mich von ihrer Mächtigkeit beeindrucken. Jetzt bin ich müde.

Aus meinem Reisetagebuch (VIII)

Eine Bildungsreise

Tag Eins

Ich sitze in Santo Domingo im Shoppingcenter, und um mich herum tobt sich der übelste Mittelschicht-Amerikanismus aus. Das Hollywood-Kino, Brownies, KFC, und grässliche Plastikstühle: Es sieht aus wie in Washington oder New York oder Hannover oder sonstwo, und es ekelt mich ein wenig, hier zu sein, aber gleichzeitig kann ich jenes Gefühl einer Mitfreiwilligen nicht völlig verleugnen, die sich in Quito in ein Einkaufszentrum flüchtete, „weil sie sich da so zu Hause fühlte“. Ich bin nur hier, weil es der einzige trockene, saubere Ort mit akzeptablem vegetarischem Essen ist, und ich nicht mit allzu leerem Magen die Nachtbusfahrt bestreiten will.

Den Nachmittag – um 14.30 Uhr kam ich an, und um 20.30 wird mein Bus abfahren – verbrachte ich damit, in der Stadt herumzuspazieren, die wirklich so hässlich ist wie ich immer dachte (auch wenn man, glaube ich, Ecuador wirklich nur verstehen kann, wenn man wenigstens einmal hier ein wenig hier herumspaziert ist), dann setzte ich mich in ein Internetcafé und kam schließlich hierher.

El Comercio ist wirklich bemerkenswert: Buchstäblich jedes Mal, wenn ich diese Zeitung kaufe, ist es mir, als sei dies die beste aller Ausgaben für den Moment, und als wäre es ein großer Zufall, dass sie ausgerechnet über das schreibe, was mich gerade interessiert – so eine Art tägliche Wochenzeitung. Diesmal ist es eine Tourismusanzeige der Stadt Coca, wo ich heute Nacht hinfahre; eine halbe, bunt gestaltete Seite, die mich über alles mögliche informiert und mir Sicherheit und „servicio al turista“ verspricht.

Die Vorfreude steigt, auch wenn Tourismusanzeigen alles mögliche versprechen und die Tatsache, dass auf zwei von drei Photos zur Illustration eine große Betonbrücke zu sehen ist, für den Rest der Stadt wenig Gutes verheißt. Morgen, wenn die Sonne wieder aufgeht, werde ich es mit eigenen Augen sehen.