Die Scheuerfrau

Sie sahen ein zwei Meter breites Stahlband, das weit ins Meer hinausreichte und ebenso endlos zu sein schien wie der Ozean selber. Es glich fast einer schmalen Gasse, die übers Meer führte, oder einem Bündel Mondstrahlen, das sich nachts im Wasser spiegelt.

Auf diesem Stahlband, nicht weit vom Strand entfernt, stand eine einsame Frau, hielt einen Borstenbesen und schrubbte.

„Was machen Sie denn da?“, fragte der Onkel.

„Ich scheure den Äquator“, gab die Frau zur Antwort.

„Was? Das ist der Äquator?“, rief Konrad und zeigte ungläubig auf das stählerne Band.

„Und wozu scheuern Sie denn das Ding?“, fragte das Pferd.

„Wir hatten drei Tage Monsun“, sagte die Scheuerfrau. „Es gab haushohe Wellen, und heute Morgen war der Äquator rostig. Und nun schrube ich den Rost weg. Denn wenn er sich festfrisst, könnte der Äquator platzen, und dann ginge der Globus in die Brüche!“

– Erich Kästner, Der 35. Mai

Advertisements

Ein Gedanke zu “Die Scheuerfrau

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s