Aus meinem Reisetagebuch (IX)

Eine Bildungsreise

Tag Zwei

Jetzt schreibe ich schon in Coca. Es ist drei Uhr nachmittags und den ganzen Tag brennt die Sonne so herab, dass man es nur im Schatten länger aushält. Jetzt habe ich endlich eine Bank am Flussufer gefunden, unter der mächtigen neuen Brücke, die den Río Napo überspannt, ein unheimlich unbequemer Platz, aber ruhig, und werde etwas schreiben.

Der Fluss in all seiner Mächtigkeit dümpelt vor mir herum, angetäut am Kai liegt ein „Flotel“ mit dem merkwürdigen Namen „La Misión“ neben einem Schiffsbagger. Fischer in ihren kleinen Kanus arbeiten dahinter mit ihren Netzen und Haken, und dahinter, am geschätzte einhundert Meter entfernt liegenden anderen Ufer wölbt sich der grüne Urwald über das Wasser, zumindest das, was man dafür halten würde, wüsste man nicht, dass direkt dahinter sich unerbittlich die Besiedlung fortsetzt.

Doch nichts von alldem mag jenes sehnsüchtig aufgeregte Gefühl in mir auszulösen, das sich einstellt, wenn ich den Blick nach links, flussabwärts, wende. Dort, wo sich auch noch der Río Coca in den Río Napo ergießt, dort wo die pittoresken Boote immer kleiner werden und schließlich kaum mehr auszumachen sind, dort wo der Strom sich schlängelnd im Dickicht verliert, sodass die grüne Uferlinie einen einheitlichen Strich zu bilden scheint, einen Abschluss des Flusses mitten im Wald, dort hat für mich die Anziehungskraft der Landschaft den Punkt überschritten, an dem ich nicht mehr zurückkann.

Morgen – stolzer Besitzer des Boletos bin ich bereits – fahre ich nach Nuevo Rocafuerte, in dieses Grün hinein, in das, was ich mir bisher nur allzu schemenhaft als die Unendlichkeit dieses Landes „Amazonien“ vorzustellen fähig bin. Morgen trete ich jene Reise an, von der ich meinem Gefühl nach schon seit jenem Tag geträumt habe, als ich in Deutschland über meiner Karte lag und von Ecuador nur dieses eine Bild hatte. Leute, denen ich davon erzählt habe oder die davon gehört haben, dass ich dorthin will, halten mich für verrückt („Was willst du denn da?“, fragte ein mir unbekannter Mann heute, als er mitbekam, dass ich in dem Schiffsbüro mein Ticket kaufte), aber ich weiß auch, dass ich jenes nicht kann, was man von einem Gringo erwartet, der sich hier in den Dschungel begibt: Mich in irgendeine „Lodge“ einzumieten für etwa viermal so viel Geld wie ich jetzt ausgebe, um dann mit einem „Guide“ durchs Dickicht zu ziehen, auf der Suche nach Tieren oder Pflanzen, die ich vorher nicht kenne, und hinterher nie wieder sehen werde, um dann abends zurückzukehren und mir Photos anzusehen. Ich weiß – oder, etwas ehrlicher, ich ahne – dass ich von einem solchen „Trip“ nicht reicher zurückkäme, und ich weiß – ahne, hoffe – dass es in Nuevo Rocafuerte anders sein wird.

Ich will – das ist vielleicht der eigentliche „Sinn“ des Ganzen – auf dieser Reise die Macht der Natur erleben, ihre Weite und Kraft, die alles Lächerliche, das wir Menschen glauben geschaffen zu haben, auf sein eigentliches, bescheidenes Maß zusammenschrumpfen lässt. Also eine Bildungsreise, in der Tat.

Dieses Tagebuch, immer wieder komme ich darauf zurück, ist schon sehr pantheistisch. Aber warum auch nicht? Vielleicht finde ich noch eine geheime Verbindung zwischen Pantheismus, Atheismus und Christentum. Oder vielleicht muss man auch gar nicht an Gott glauben, wenn man sich einfach mal ein wenig umschaut in der Welt.

Ein wenig der obigen Naturschwärmerei muss ich wieder zurücknehmen: Die Brücke hier über den Río Napo ist wirklich beeindruckend. Einige hundert Meter weiter wird zur Zeit die alte Brücke abgebaut, die auf vier noch zu sehenden Pfählen im Fluss ruhte. Die neue Brücke ist eine Hängekonstruktion, die ganz ohne Säulen im Fluss auskommt. Die zwei sicher vierzig, fünfzig Meter hohen Masten, die die beeindruckenden Seile tragen, stehen auf riesigen Betonfundamenten am Ufer.

Überhaupt ist die gesamte Brücke aus grauem Beton, und obwohl dieses Material selbst ja wirklich das Gegenteil von Schönheit ausstrahlt, ist es – aus welchem Grund auch immer mir das so vorkommt – wirklich das schönste Bauwerk aus grauem Beton, das ich in meinem Leben je gesehen habe.

Inzwischen ist es Abend, und ich sitze in einer Pizzeria. Am Nachmittag, als die Sonne bereits hinter den am Horizont aufsteigenden Wolken verschwunden war, machte ich einen Spaziergang über die Brücke und ließ mich von ihrer Mächtigkeit beeindrucken. Jetzt bin ich müde.

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