Aus meinem Reisetagebuch (X)

Eine Bildungsreise

Tag Drei

Die Reise hatte direkt begonnen mit einer Unvorhergesehenheit, wie ich sie eher irgendwo im Dschungel bei einer Bootskooperative als am mir gut organisiert erscheinenden Terminal in Santo Domingo erwartet hätte: Mein Bus um 20.30 Uhr fuhr nicht. Stattdessen bot mir der Herr vom Terminal ein Boleto für 23 Uhr an. Ich seufzte und akzeptierte dann.

Der Bus um elf war voll – und vor allem: eng. In dieser Hinsicht überraschte mich das ecuadorianische Transportsystem, mit dem ich mich doch schon halbwegs vertraut wähnte, doch noch einmal: dieses Gefährt war wirklich in keiner Weise verschieden von den klapprigen Dingern, die in San Marcos vorbeizufahren pflegen, wurde aber eingesetzt auf einer Übernacht-Direktfahrt auf die andere Seite der Anden; ich konnte meine Beine kaum in dem wenigen Platz zwischen meinem und dem vor mir befindlichen Sitz unterbringen. (Erst später stellte ich fest, dass es halbwegs auszuhalten war, wenn ich den Sitz ganz zurückklappte, auf die allerletzte, immerhin bemerkenswert waagerechte Stufe.) Und so zwängte ich mich mit Todesverachtung in den Sitz, der für die nächsten zehn Stunden mein Zuhause sein würde. Die Nacht verbrachte ich in jenem Zustand großer Müdigkeit, in dem sich kein richtiger Schlaf einstellen will und man das Vergehen der Zeit abwartet; erst spät, als schon das Dunkel der Nacht sich ein wenig aufzulösen begann, schlief ich ein wenig.

Mich empfing, mit den Strahlen der Sonne, die mich aus dem Schlaf endgültig weckten – das Oriente! Doch es waren noch die allerletzten (oder allerersten) Ausläufer des Oriente, eigentlich sah alles aus wie zu Hause, hätten mich nicht die kontinuierlich mal unter-, mal oberirdisch, mal links, mal rechts neben der Straße verlaufende Pipeline (d.h. das Rohr, von dem ich allerdings kaum glauben kann, dass es die ganze Pipeline sein soll, so unscheinbar wirkt dieses Röhrchen von weniger als einem Meter Durchmesser) zusammen mit den gelegentlichen aus dem Fenster zu sehenden riesigen Erdöl-(Wasauchimmer-)Stationen daran erinnert, dass ich soeben die Anden überquert hatte.

Die Straße führte am Hang entlang, und sie lag wunderschön in der Landschaft. Weit unten, des Morgens wegen in Nebel gehüllt, lag zuerst der Río Coca, dann später der Rìo Aguarico; die Landschaft war noch sehr hügelig, und wenn man zurückschauen konnte, dann sah man die mächtigen Auffaltungen der Anden sich erheben und einmal sogar einen schneebedeckten Riesen, von dem ich annehme, dass es der Cayambe war und den ich zunächst für eine Wolkenansammlung hielt.

Lago Agrio passierten wir etwas außerhalb, doch selbst hier sah ich schon, was mich auf der ganzen Orientereise bisher am meisten überraschen sollte: Der Reichtum jener Städte. Nicht nur in Lago Agrio, auch in den kleineren Orten, die wir im Folgenden passierten, sah man endlose gepflasterte Bürgersteige, Parks mit Beeten und Kinderspielplätzen, wie ich sie nach allem, was ich bisher in Ecuador gesehen hatte, hier nicht mehr vermutet hätte, vertrauenswürdige, geradezu elegante Brücken und also – insgesamt – ein Ambiente, wie es einladender kaum hätte sein können. (Man muss das ja über Orte schreiben, denn von „Natur“ im eigentlichen Sinne war zwischen Palmen- und Bananenplantagen noch immer wenig zu sehen.)

Coca war nach dieser Reise dann die Krönung. Diese Stadt ist natürlich nicht architektonisch oder historisch interessant, wie es die Sierra-Städte aufgrund ihrer Altstadt selbstverständlich sein können. Doch von all jenen Orten, die diesen Mangel nun einmal haben – und von denen es viele gibt in Ecuador – ist (unter jenen, die ich bisher gesehen habe) Coca die schönste, sauberste und im Ganzen angenehmste. Bis in die Außenbereiche, die weiter vom am Flusskai befindlichen Zentrum entfernt lagen, waren die Straßen sauber und einladend. Es gibt einen wunderbaren Park in der Innenstadt, der zwar auch kein Park im europäischen Sinne ist, aber mit Springbrunnen, einem Spielplatz und ausreichend Bänken zum Verweilen einlädt.

Und der Kai, der Hafenbereich, kann noch nicht lange fertiggestellt sein, so modern und einladend sieht alles aus. Alles atmet schon ein wenig den Hauch – vielleicht sogar einen zu starken Hauch – deutsch-kleinstädtischer Neubaugebietssterilität, doch dies wird vollständig wettgemacht durch den Río Coca und das gegenüberliegende, urwaldartig herüberwinkende Flussufer, ja vermag sogar einen interessanten Kontrast zu jenem zu bilden.

Mit Sicherheit ist dies keine Stadt, in der ich lange leben wollte. Und mit den Revolución-Ciudadana-Schildern, die überall darauf hinweisen, dass das Erdöl jetzt endlich den comunidades zugute kommt, bekommt das Ganze für mich den Beigeschmack des „Ruhigstellens durch Investitionen“. Doch besser als zu jener Zeit, als noch aller Reichtum bestenfalls nach Quito oder nach sonst irgendwo in der Welt exportiert wurde, ist es sicher.

Jetzt schreibe ich in Nuevo Rocafuerte, dem Ziel meiner Träume, und es ist weniger aufregend als ich es mir vorgestellt hatte, wie auch die Bootsfahrt „langweiliger“ und weniger spannend war, als ich zuvor gedacht hatte. Morgen werde ich hoffentlich Zeit haben, über all das zu schreiben, was sich heute zugetragen hat.

Morgen um 8.30 Uhr werden wir in den Yasuní aufbrechen, nach einer langen Verkettung von Zufällen, die mir dies ermöglichten. Ich bin gespannt darauf, nachdem ich etwa zehn Stunden vom Boot aus nur das Gesicht des Dschungels ansehen konnte, nun endlich einzutreten, ihn zu sehen, zu fühlen, zu hören, zu riechen. Welch aufregende Aussicht.

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