Musik zum Sonntag (I)

Zum Beginn dieser neuen Reihe stelle ich ein meiner Ansicht nach großes Werk des 20. Jahrhunderts vor, ein Kompendium brillanter Ideen, ein Klanguniversum, eine unerschöpfliche Quelle der Kreativität, eine famose Innenschau in das Leben eines faszinierenden Komponisten, eine Zusammenfassung heute ganz so wie damals zukunftsweisender, visionärer Musik: Die 114 Songs von Charles Ives. Die gedruckte Ausgabe ist ein schwerer 260-Seiten-Hammer (die Noten findet man digital auch hier), aber es handelt sich keineswegs um ein monolithisches Werk, aus den Seiten weht einem die Vielfalt des ivesschen Denkens entgegen wie ein Sturm, der den Geist freibläst und einen zwingt, in eine neue, ungekannte Richtung zu schauen.

Die Sammlung eröffnet mit Lärm (s.o., Lied Nr. 1 „Majority“). Es wird wild auf dem Klavier herumgedonnert, der Pianist schmeißt Unterarme zu apokalyptischen Clustern auf die Tastatur. Das Urchaos, man kann auch an die Maschinen denken, an denen Arbeiter schuften und schwitzen, Krach; doch dann setzt der Sänger ein (man solle doch besser einen ganzen Männerchor aufbieten, schreibt Ives in der Partitur, ein Sänger allein könne gegen diesen Lärm unmöglich ankommen) und zähmt das Klavier, Takt für Takt, zwingt es in die Tonalität zurück, in leise Arpeggien, in den Traum. „God’s in His Heaven, All will be well with the World“, ist die Sentenz des Liedes, die infernalischen Barbareien vom Beginn sind in reines F-Dur überführt, die Welt ist bewohnbar gemacht, all will be well.

Und was dann kommt, ist in der Tat eine ganze Welt, eine Welt in Musik. Ives kennt natürlich die spätromantische Musiktradition, er beherrscht das Spektrum von romantisch-süßlicher Klangschwelgerei (z.B. in Lied Nr. 28) , amerikanischer Folkloristik (z.B. in Lied Nr. 45), Polyharmonik (z.B. in Lied Nr. 58), expressionistischen Ausbrüchen (z.B. in Lied Nr. 69) und weit darüber hinausweisende formalen Experimenten (z.B. in Lied Nr. 64). Doch bei ihm ist all das auf eine andere, eine eigene Ives-Ebene gehoben: Fast nie ist ein Lied einfach nur das, was es zu sein vorgibt, es gibt ironische Brechungen und Widersprüche, abrupte und überraschende Schlüsse oder ungewohnte Klänge und Rhythmen. Und wenn ein Lied doch einmal durchkomponiert ist, wie das oben verlinkte „On the Counter“ (Nr. 28), dann findet sich eine Notiz unter den Noten: „Though there is little danger of it, it is hoped that this song will not be taken seriously, or sung, at least, in public.“ Das ist Ives.

Einen musikalisch typischen Ives-Moment kann man zum Beispiel im Lied Nr. 50 („He is there“) erleben:

Ein fröhliches Lied, sollte man meinen, von einem uns heute ganz und gar fremden Siegesoptimismus angesichts des Ersten Weltkrieges durchdrungen, wie ihn wohl nur ein Amerikaner so empfinden konnte, aber das ist nicht das Thema. Es geht um Takt 11. „Was war das denn?“, fragt sich wohl jeder, der das Lied zum ersten Mal hört, was war da denn los. Ich weiß noch, dass ich mich sogar fragte, ob beim Abspielen vielleicht etwas durcheinandergekommen war, als diese merkwürdigen, selbst für eine Jazzparodie zu orientierungslos wirkenden Synkopen im Klavier ausbrachen und aber sofort wieder im normalen Liedfortschritt aufgefangen werden. Einen solchen Bewusstseinsriss habe ich beim Musikhören selten erlebt.

Ives war wahrscheinlich der humorvollste Komponist des Abendlandes seit Mozart, das wird nicht nur in diesem Lied deutlich. Es gibt so viele solcher Stellen, dass das Hören und Lesen der Partitur eine wirklich lustige Angelegenheit ist. Wenn er zum Beispiel in Lied Nr. 32 („The Side Show“) den Gang eines alten Ackergauls mit einem verstolperten „Walzertakt“ nachahmt:

Oder wenn er sich in Lied Nr. 41 („1.2.3“) über die Vorlieben der Amerikaner Gedanken macht, was Taktarten betrifft:

Oder wenn er in Lied Nr. 6 („The New River“) das Gelärme der modernen Freizeitindustrie am Flussufer karikiert, das die Flussgötter vertrieben hat:

Oder wenn er im zweiten Teil von Lied Nr. 54 („A Son of a Gambolier“) einen ganzen „Kazoo Chorus“ auflaufen lässt:

Oder wenn er einer Cowboygeschichte aus dem Wilden Westen in „Charlie Rutlage“ (Nr. 10) einen dramatischen Spannungsbogen verleiht:

Und so weiter. Es gibt auch zauberhafte, ganz ernst gemeinte Stücke, in denen ein charakteristischer Ton vorherrscht, ein undefinierbares Flirren im Zwischenraum zwischen Tonalität und Atonalität, eine schlafwandlerische Stimmung, als wanderte man durch Erinnerungen eines Fremden, alles riecht vertraut wie eine eigene Erinnerung, dabei weiß man gar nicht, wo man überhaupt ist, als träumte man…

Was will Ives mit alldem? Ich glaube, man muss ihn sich vorstellen als ein Kind, das sich aus der Ödnis der ihn umgebenden Welt (er war Versicherungsmakler von Beruf) ebenso wie der ihn umgebenden Musik flüchtet (er war deshalb Versicherungsmakler, heißt es, damit er nicht von der langweiligen und immergleichen Gebrauchsmusik leben musste, die er sonst zum Lebensunterhalt hätte produzieren müssen). Und er flüchtet in die Spielerei, in die Innovation, in die intellektuelle Herausforderung. Er ist gelangweilt von all den Menschen, die das immer Dagewesene wollen (und die er zum Beispiel in Lied Nr. 53 „The Alley“ porträtiert, in dem der Pianist laut Partitur aus Langeweile über seine Allerweltsbegleitung nebenher in einer Zeitung blättern soll), er ist auf der nie beendeten Suche nach dem neuen Klang, der neuen Idee, dem neuen Gedanken. Im Nachwort der 114 Songs schreibt er:

„Every normal man […] has, in some degree, creative insight (an unpopular statement) and an interest, desire and ability to express it (another unpopular statment). There are many, too many, who think they have none of it, and stop with the thought or before the thought. There are a few who think (and encourage others to think) that they and they only have this insight, interest, etc. … and that (as a kind of collateral security) they and they only know how to give true expressions to it, etc. But in every human soul there is a ray of celestial beauty (Plotinus admits that), and a spark of genius (nobody admits that).“

Sein Programm ist, in einem Wort, die Aufklärung. Der Kampf gegen die Dummheit und Bequemlichkeit und Selbstverliebtheit der Welt. Für das Neue, für Neugier, für die Kreativität, für das Genie, das in jedem von uns steckt.

 

P.S.: Diese Stelle aus dem Nachwort ist zu schön, um sie unzitiert zu lassen:

„Some of the songs in this book […] cannot be sung,—and if they could perhaps might prefer, if they had a say, to remain as they are,—that is, ‘in the leaf,’—and that they will remain in this peaceful state is more than presumable. An excuse […] for their existence […] is that a song has a few rights the same as other ordinary citizens. If it feels like walking along the left hand side of the street—passing the door of physiology or sitting in the curb, why not let it? If it feels like kicking over an ash can, a poet’s castle, or the prosodic law, will you stop it? Must it always be a political triad, a ‘breve gaudium’, a ribbon to match the voice? Should it not be free at times from the dominion of the thorax, the diaphragm, the ear and other points of interest? If it wants to beat around in the valley, to throw stones up the pyramids, or to sleep in the park, should it not have some immunity from a Nemesis, a Rameses, or a policeman? Should it not have a chance to sing to itself, if it can sing?—to enjoy itself, without making a bow, if it can’t make a bow?—to swim around in any ocean, if it can swim, without having to swallow ‘hook and bait’ or being sunk by an operatic greyhound? If it happens to feel like trying to fly where humans cannot fly,—to sing what cannot be sung—to walk in a cave, on all fours,—or to tighten up its girth in blind hope and faith, and try to scale mountains that are not—Who shall stop it?

In short, must a song
always be a song!“

 

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Ein Gedanke zu “Musik zum Sonntag (I)

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