Aus meinem Reisetagebuch (XI)

Eine Bildungsreise

Tag Vier, morgens

Morgen in Nuevo Rocafuerte. Ich sitze auf einer Treppe, die in den Fluss hineinführt, und schaue aufs Wasser. Man hört das Wasser glucksen und die Vögel über dem Fluss krächzen und kreischen. Aus dem Dorf hinter mir tönt nur ein entferntes Radio und ein Hahn, der ab und zu schreit. Der Fluss zieht vorbei, mit beeindruckend schneller Strömung, und weil man ihm nicht richtig folgen kann, so schnell wie er mit allem Dreck und Laub und Treibholz gen Osten zieht, schweift mein Blick immer wieder zum gegenüberliegenden Ufer, das vielleicht 500, vielleicht 1000 Meter entfernt sich aus den braungrauen Fluten und dem silbrigen Morgennebel erhebt, dunkel, grün, verheißungsvoll.

Aus diesem Ufer, Kilometer und hunderte von Kilometern lang, bestand die Attraktion des gestrigen Tages. Wann immer man sich auf seiner Bank auf dem Schiff zum Ufer umdrehte, wann immer man den Blick hinauslenkte, zog es dort vorbei, mal fast auf Armlänge, mal fern auf der anderen Seite, ruhig uns, den gemeinsam mit dem Wasser Vorbeirasenden zusehend, als wollte es auf die Vergeblichkeit unserer Flucht aufmerksam machen. Wenn es eine Erwartung gab, die ich ganz schnell aufgeben musste, dann war es die, auf dem Schiff oder auf dem Fluss die Entfernung und den Urwald besser, „echter“, mehr „am eigenen Leib“ zu erfahren als in einem Bus. Hier, wo es keine Straßen mehr gibt, wie man sie kennt, wo der Fluss die Straße ist und das Boot somit der Bus, hier kann auch eine Bootsfahrt (zumal eine solche, in einem großen, beinahe würde man sagen, Schiff, war ebenso auch das was man sah, der Wald oder besser gesagt, seine äußere Grenze, sein Antlitz, nicht mehr als, wie es bei Christian Kracht heißen würde, „Ecuador, fein portioniert in bootsfenstergroße Ausschnitte“.

Und obwohl diese Aussicht verheißungsvoll war und blieb, wann immer man sich umschaute, war und bleib es doch eben dies – eine Verheißung, eine unerfüllte. Ich fühlte mich wie jener, der keine Eintrittskarte zum Fußballspiel erhalten hat und nun 90 Minuten lang um das Stadion läuft, stets den Blick auf die Fassade gerichtet, die doch eigentlich nur nach innen einladen soll, oder wie jener, der fremd durch eine kalte Stadt läuft und aus den Häuser- und Menschenfronten das ahnen muss, was doch das volle Leben der Menschen sein sollte, oder wie jener Liebhaber, der eine wunderschöne Person betrachtet, aber durch eine Scheibe, ohne in sie eindringen zu können, geistig oder körperlich, ohne sie hören, riechen oder sich bewegen zu sehen, seine Liebe in sich selbst verzehrend.

Man darf das auf keinen Fall missverstehen: Die Leute, die hierher fahren, auf der Suche nach einer „authentischen Dschungelerfahrung“, auf der Suche nach irgendwelchen angeblich seltenen Tieren oder Pflanzen (deren Seltenheit sich ja am besten dadurch bewiese, dass man sie nicht fände) und die dann, wenn sie sie gefunden haben (oder, besser gesagt, wenn ihnen jemand gesagt hat, dass sie sie jetzt gefunden haben) begeistert Photos machen und dann in aller Welt sie herumzeigen und erzählen, welches Glück sie hatten, dass ausgerechnet diese seltene Art sich ausgerechnet ihnen gezeigt habe, wofür sie dann hunderte Dollar ausgegeben haben; diese Leute finde ich noch immer so albern wie zuvor.

Doch die stetige Einladung dieses dichten Ufers in eine Welt, deren Existenz sie schon andeutete, ohne den Hauch eines Einblicks (oder Einhörens?) zu geben, dies machte unmissverständlich klar, dass ich jemanden würde finden müssen, der mir mehr zeigte als nur jenen Leporello an neben(!)einandergereihten Baumstämmen, Blättern und Gräsern. Und was dies anging, hatte ich wirklich mehr Glück als Verstand.

Auf dem Boot saßen neben mir vier Argentinierinnen, die sich erstaunlich lange gar nicht, und dann umso freundlicher mit mir unterhielten. Sie hatten schon von zu Hause einen Naturführer gebucht, mit dem sie am Montag (also heute) und Dienstag für eine Nacht in den Yasuní-Nationalpark hinausfahren würden. Ich erzählte ihnen, dass ich jemanden finden wollte, der mir morgen etwas zeigen würde, und sie sagten, ich solle doch einfach mitkommen und ihren Führer fragen, mit dem sie sich treffen würden. Der wüsste schon eine Möglichkeit, wenn es denn eine gäbe, zu meiner Yasuní-Fahrt zu kommen. Und so schloss ich mich ihnen an, bezog das selbe Hotel und spazierte dann mit ihnen durch den Ort.

Fernando (glaube ich), der Führer, traf uns auf der Straße, erkannte die Argentinierinnen, und als ich ihn fragte, was in meiner Sache zu tun sei, sagte er, ich solle einfach mit den anderen zum Hotel zurückgehen, dort würde man alles Weitere sehen. Dort erzählte er dann vieles, was er den vieren zeigen wollte: medizinische Bäume und Pflanzen, irgendwelche Tiere, deren Namen ich vergessen habe, „pesca deportiva“ (was ich schon so oft gehört habe, dass ich es vielleicht lieber nicht machen möchte). Aber er war freundlich, und er war so ehrlich und reflektiert, anschließend zu sagen: „Ich kann euch nicht versprechen, dass wir auch nur irgendetwas zu sehen bekommen, das gebietet die Aufrichtigkeit. Es kann sein, dass sich wunderbare Tiere zeigen, dass wir diese Pflanzen finden, aber es kann auch sein, dass all dies nicht so ist. Aber selbst dann – bleibt uns die Landschaft!“ Dass diese Landschaft es war, die ich suchte, und auf die „besonderen“ Tiere und Pflanzen nicht so viel Wert legte, wagte ich nicht zu sagen.

Mir bot er an, mich mitzunehmen und jemanden zu bestellen, der mich gegen Abend abholen und nach Nuevo Rocafuerte zurückbringen würde. Ich willigte ein, und fragte nach dem Preis. 70 Dollar, sagte er, allerdings müsste ich noch das Boot bezahlen, das mich zurückbringen würde. Ich erschrak und rechnete, wie viel ich aus Coca mitgebracht hatte. In meinem Zimmer zählte ich nach, wie viel ich hatte: es waren genau 108 Dollar. Ich ging zurück und schilderte ihm die Lage, und dann rechneten wir gemeinsam ein wenig herum, wie ich es anstellen könnte. Erst sagte er, neune, das würde nicht reichen für sich und das Boot zur Rückkehr und alles, dann schlug ich vor, ich könnte ich die Rückfahrt auch erst in Coca bezahlen, und er sagte ja, das könnte wohl möglich sein, und rechnete noch einmal. Schließlich kamen wir überein, dass er mir zehn Dollar erließ und versprach, mir jemanden für die Rückfahrt zu organisieren, der es für nicht ganz so viel Geld machen würde, sodass ich, am Ende einer langen Rechnung, derzufolge ich wohl morgen mit ungefähr null Dollar nach Coca zurückkehren werde, doch fahren kann, nachdem ich meinen Traum schon zerplatzen sah.

Dies verdanke ich den Argentinierinnen (denn ohne sie wäre das Ganze für mich alleine erst recht unbezahlbar gewesen), der Freundlichkeit dieses Yasuní-Führers und meinem nicht enden wollenden, ja geradezu unverschämt zu nennenden Glück.

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