Aus meinem Reisetagebuch (XII)

Eine Bildungsreise

Tag Vier, abends

Jetzt ist es Abend. Um fünf Uhr bin ich zurückgekehrt und habe den Abend in Nuevo Rocafuerte genossen. Zu diesen Orten, zu denen sich Touristen sonst nicht so oft verirren, muss man doch fahren, so abgedroschen sich es anhört. Hier, wo es noch nicht einmal Autos gibt (nur ein Wagen vom Gesundheitsministerium fuhr herum und versprühte aus rumpelnden, motorartigen Maschinen ein Insektizid, was Teil einer Aktion gegen Malaria sein soll, wie sie mir gestern erklärten), wo die Menschen nach getaner Arbeit an der Strandpromenade spazieren gehen und von Bänken auf den Fluss hinausschauen, wo die Kinder gemütlich auf Fahrrädern hin- und herfahren und Fußball spielen, und wo sich die Sonne gelbrötlich ins Baummeer versenkt, die gegenüberliegenden Ufer noch ein letztes Mal in ihr helles Licht tauchend, hier, wo man in der Großstadt schon für halb verrückt erklärt wird, wenn man überhaupt hinfährt, hier muss man sein.

Das Boot gen Yasuní legte um 8.30 ab, flussabwärts, in Richtung Peru. Nach drei Minuten kamen wir beim Militär vorbei, wo ein einsamer Soldat am Ufer unsere Daten aufnahm, und dann, nach fünf Minuten, bogen wir auf den Río Yasuní ein, den Grenzfluss. „Bienvenidos a la República del Ecuador“ stand auf einem Schild am gegenüberliegenden Ufer zu lesen, und nun kam es mir endgültig vor, als sei ich am Ende der Welt angelangt, auch wenn es ja nur eine beliebig durch den Urwald gezogene Linie ist.

Auf dem Yasuní, der mir im Vergleich zur inzwischen schon gewohnten Breite und Mächtigkeit des Río Napo geradezu winzig vorkam, obwohl auch er nicht gerade schmal ist, dauerte es noch zwei Minuten, und ich bemerkte, wie mein Gehirn nach und nach den ganzen Gedankenmüll, der sich bis eben noch dort angesammelt hatte, entfernte, um der uneingeschränkten Bewunderung der Natur Platz zu machen. Dass eine Landschaft „ein Gedicht“ sei, sagt sich ja leicht, aber was dies wirklich bedeutet, die Reinigung des Geistes bis hin zur vollen Hingabe an das Gegenüber, sei es Text, sei es Natur, dies wurde mir erst dort bewusst. Und wir waren ja noch nicht einmal im Nationalpark angekommen.

Diesen erreichten wir nach etwa fünfzehn Minuten Fahrt durch bereits herrlichste Landschaft, die mich nur eines wünschen ließ: Eines Tages noch einmal im Kanu zurückzukehren und die volle Schönheit dieser Welt aus dieser gluckernden und plätschernden Insel und nicht dem laut und rücksichtslos vorpreschenden Motorgefährt zu genießen. Am Beginn gab es zunächst ein Schild, das einen darauf hinwies, dass man ihn nun wirklich betreten würde, und dann eine Waldstation, an der wir unsere Daten auf ein Blatt Papier schreiben mussten und dann aus dem Boot ausstiegen, um zu Fuß weiterzugehen bis zur Jatuncocha-Lagune, wo die Argentinierinnen kampieren und ich immerhin zu Mittag essen würde. Wir zwängten uns in die vom Führer Fernando für uns mitgebrachten Gummistiefel – die mir eine ganze Reihe wunderbarer Blasen bescherten – und dann verschluckte uns der Wald.

In seiner Beschreibung der Kathedrale von Combray in der Suche nach der verlorenen Zeit schreibt Marcel Proust, dass ihm jener Ort immer als ein vierdimensionaler vorgekommen sei, in dem man nicht nur das Mittelschiff hinunter, seitlich ins Querschiff hinein, und zur Decke hinauf, sondern auch in die Zeit zurückschauen konnte, weil die Kirche, alt und verfallen wie sie war, auch ihre eigene Geschichte erzählte.

An diese Stelle – ich bin mir des erneuten pantheistischen Ausbruchs voll bewusst – musste ich viel denken, als wir durch den Dschungel streiften, weil mir auch dieser Wald um mich herum so vorkam: Man konnte nicht nur nach vorne schauen, wo der weitere Weg vor dichten Bäumen und Blättern mal unauffindlich schien, sich mal bis in weitere Ferne schon abzeichnete, zur Seite, wo das Holz schon auf Armlänge neben dem Weg so dicht war, dass ohne Machete gar kein Durchkommen gewesen wäre und man sich wohl nach zwei Minuten im dichten Grün verloren hätte, wäre man ohne Ortskundigen unterwegs gewesen, und nach oben, wo sich an manchen Stellen, wo ein Urwaldriese kürzlich umgestürzt war und eine Bresche geschlagen hatte, tatsächlich der Himmel, und sonst nur die senkrecht aufwärtsstrebenden Stämme und Lianen mit ihrem manchmal undurchdringlich erscheinenden Blätterdach sehen ließ; nicht nur diese drei Blickrichtungen standen mir offen, auch die Zeitlichkeit ließ sich an jeder Stelle beobachten, auch wenn die Zeitlichkeit eines Waldes ja eine ganz andere ist als die einer Kirche.

Mich faszinierte die grandiose Unterschiedlichkeit der Zeitskalen, die in diesem Ökosystem interagieren und für sein Funktionieren sorgen: Auf dem 200, 300 Jahre alten Ceibo- Riesenbaum mit 60 oder 80 Metern krabbeln Ameisen in langen Blattträgerstraßen herum, deren kognitiver Apparat vielleicht noch gerade für diese räumliche, aber sicher nicht für die zeitliche Dimension geschaffen ist, und doch – hat es sicher schon immer diese Ameisen auf diesem Baum gegeben, sodass er ihnen vielleicht gar nicht wie ein Lebewesen oder eine Pflanze vorkommt, sondern eher wie so etwas wie ein Planet, der einfach grundsätzlich da ist. (Wäre es nicht, dachte ich, im Falle, dass der Baum umfällt, für diese Ameisen so, wie wenn wir durch eine ungeahnte Kraft plötzlich von der Sonne getrennt frei im Weltraum herumschweben würden? Nur weil unser Wahrnehmungsapparat nicht dazu geschaffen ist, die anderen, auf einer uns völlig unzugänglichen Zeitskala ablaufenden Prozesse zu erfassen?)

Und es ist ja ohnehin ein Ökosystem, das sich nur aufgrund der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen überhaupt erhalten kann, dem Nebeneinander von Leben und Tod, von Verwesung und Wachstum, von Räuber und Beute, von Parasit und Wirt, von Materie und ihrer Verarbeitung, von Alter und Jugend.

Dass hier „die Zeit stehen geblieben“ sei, ist ja einfach zu sagen, aber es stimmt überhaupt nicht. In Städten kann die Zeit vielleicht „stehen bleiben“, wo man massenweise totes Material zu Gebäuden und Straßen anhäuft; hier lässt sich die Zeit so gut beobachten wie sonst wohl nirgends auf der Welt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s