Aus meinem Reisetagebuch (XIII)

Eine Bildungsreise

Tag Fünf

Ich bin wieder in Coca; und obwohl ich ja vorgestern erst hier losgefahren bin, hat sich meiner jenes melancholische Gefühl bemächtigt, wie ich es von langen, ausgedehnten Bergtouren kenne, die doch unweigerlich wieder im Tal, zwischen hupenden Autos und lärmenden Fernsehern enden müssen, oder von Flugreisen, wenn das unbeschränkte Gefühl der Leichtigkeit über der Welt der Erkenntnis weicht, dass am Ende doch ein Flughafen steht mit all seiner Irdischkeit und Hässlichkeit.

Jetzt möchte ich noch den Sonnenuntergang sehen, ein wenig essen und schlafen. Morgen wird es sicher besser sein.

Auf der Tour gestern begleiteten uns ein Parkwächter (der offenbar so eine Art Parkwächter-Chef oder -Ausbilder war) mit seiner Freundin, die denselben Weg aufzeichnen wollten, den wir auch gingen, sodass sie sich bald vor uns, bald hinter uns befanden, stets um uns herum. Praktischerweise fuhren auch sie am Nachmittag nach Nuevo Rocafuerte zurück und nahmen mich mit, sodass ich mir die zwanzig bis vierzig Dollar, die Fernando mir als Preis für diese Fahrt angekündigt hatte, sparte. Auf der Fahrt unterhielten wir uns ein wenig, und sie boten mir an, mit ihnen im Schnellboot nach Coca zurückzufahren, wofür ich ebenfalls nichts bezahlen müsse. Dazu konnte ich selbstverständlich nicht nein sagen, und so kam es, dass ich heute Vormittag, ebenfalls zusammen mit ihnen, noch einmal in den Yasuní-Park fahren konnte.

Der Río Yasuní hatte auch beim zweiten Mal nichts von seiner Eindrücklichkeit und Magie eingebüßt, und jetzt sah ich auch, weshalb: Dadurch, dass er bei Weitem nicht so breit war wie der Río Napo (vierzig Meter vielleicht) wirkten die geradezu senkrecht aufragenden Baumwände an den Ufern links und rechts umso beeindruckender; es war, als führe man in eine Schlucht, in einen Canyon hinein.

Heute waren hier fischende Flussdelfine unterwegs, die wir gestern nicht gesehen hatten, und die in unregelmäßigen, stets ruhig abzuwartenden Abständen aus dem Wasser lugten, Luft schnappten und wieder untertauchten. Es war durchaus interessant, aber nicht sehr spannend, denn die Delfine schauten kaum zehn Zentimeter aus dem Wasser, und dies stets nur in blitzschnellen Auftauchern, sodass man einiges Glück haben musste, um sie überhaupt mitzubekommen, da dies nur möglich war, wenn man im richtigen Moment auch in die richtige Richtung schaute, die nie vollständig vorauszuberechnen war.

Doch es dauerte nicht lange, bis ich Gelegenheit hatte, die Anatomie dieser Tiere aus der Nähe zu studieren, denn einige hundert Meter flussaufwärts trieb ein toter Delfin im Wasser. Wir fuhren hin, um zu sehen, was geschehen war, und ich hatte Gelegenheit, aus allernächster Nähe die Haut, die Augen und die Zähne dieses beeindruckenden Tieres zu bestaunen. Es waren keine Spuren von Gewalteinwirkung zu erkennen, und so ließen wir den Kadaver, an dem sich schon die Fische und Vögel zu schaffen machten, flussabwärts treiben und fuhren weiter, zur Jatuncocha-Lagune zurück, um die Daten einer dort kampierenden Touristengruppe aufzunehmen.

Die Lagune – warum auch immer mir das gestern nicht aufgefallen war – ist vielleicht der schönste Ort, den ich in Ecuador gesehen habe. Jetzt, im Licht des Morgens, unter dem hellblauen Tropenhimmel, lag sie so ruhig da wie in einem Bilderbuch. Die Uferpflanzen, die mal am Rand des Wassers, mal einfach ganz im See wuchsen, spiegelten sich in der Wasseroberfläche, und es war, als entfaltete sich erst durch diese Verdopplung ihre volle Schönheit.

Man kann dieses Gefühl von Erhabenheit und Verlorenheit zugleich, von unendlicher Freude und Melancholie, zusammen mit tiefem inneren Frieden, das sich meiner bemächtigte, als ich über die still vor mir liegende Wasseroberfläche glitt, kaum in angemessene Worte fassen. Es hielt lange nach, bis jetzt.

Diesmal fuhren wir noch weiter hinauf als gestern, dorthin, wo sich der See zwischen Wasserpflanzen und kleinen Inselchen in ein verwirrendes Geflecht durchdringlicher und undurchdringlicher Wasserwege auflöste. Hier war es, wo ich mir endgültig schwor, das nächste Mal im (motorlosen) Kanu in den Regenwald zurückzukehren. Während mir zwischen den weit über das Wasser hinausgreifenden Urwaldriesen am Ufer, den Schilffeldern und ins Wasser gefallenen und zuweilen bizarr herausragenden Bäumen hindurchglitten, umflogen uns Schmetterlinge aller erdenklichen Farben, wilde Papageien, Vögel aller Farben, Formen und Größen, und ich hoffte inständig, nicht zurückkehren zu müssen zur Station und zum Ort, aber natürlich wendeten wir dann doch bald um und glitten über den See zum Río Yasuní zurück. Noch immer völlig verzaubert, nahm ich Abschied vom Nationalpark.

(Man muss der Vollständigkeit halber hinzufügen, dass dieser bezaubernde Ausflug von einem motorisierten und ohrenbetäubend neben uns herdröhnenden Einbaum vierer Einheimischer begleitet wurde, die zum Fischen ausgefahren waren – was tatsächlich erlaubt ist, wenn auch nur mit herkömmlichen Angelruten, wie mir der Parkwächter Gabriel erklärte. Jedes Traumbild braucht doch seine heilsamen Zerstörungen.)

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