Musik zum Sonntag (IV)

 

Wenn der Uhrturm halb drei schlägt, fällt die Sonne ins Zimmer. Auf dem Fußboden ist der Schatten meines Tischchens ein Grammophonkoffer. Er spielt mir das Lied vom Seidelbast oder die plissiert getanzte Paloma. Ich hole das Kissen vom Sofa und tanze in meinen plumpen Nachmittag.
Es gibt auch andere Partner.
Ich habe auch schon mit der Teekanne getanzt.
Mit der Zuckerdose.
Mit der Keksschachtel.
Mit dem Telefon.
Mit dem Wecker.
Mit dem Aschenbecher.
Mit dem Hausschlüssel.
Mein kleinster Partner ist ein abgerissener Mantelknopf.
Ist nicht wahr.
Einmal lag unter dem weißen Resopaltischchen eine staubige Rosine. Da hab ich mit ihr getanzt. Dann habe ich sie gegessen.

Dann war eine Art Ferne in mir.

– Herta Müller, Atemschaukel

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