Musik zum Sonntag (X)

Es ist noch November, aber schon erster Advent, und damit Zeit, das beste (Vor-)Weihnachtslied der Welt wieder zu hören.

Hier in einer aufregenden Aufnahme aus dem bunten Instrumentenzoo der Lautten Compagney Berlin. Es spielen mit: eine fagottartige Riesenblockflöte, die üblichen Gamben und Gitarren mit viel zu vielen Saiten und ein Tamburin, das wie ein silberner Vollmond über allem schwebt. Es singt: die wunderbare Dorothee Mields.

#historischeaufführungspraxisfuckyeah

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Musik zum Sonntag (IX)

Auf dem Hof, in dem ich in Ecuador lebte, gab es einen großen Lautsprecher auf dem Balkon, mit dem alle Familienmitglieder während der täglichen Arbeit um das Haus herum Musik hören konnten. Ich selbst hatte einige Titel auf einem USB-Stick gespeichert, die ich manchmal beim Arbeiten mit Kopfhörern anhörte.

Eines Tages lag ich faulenzend in der Hängematte und hörte plötzlich eine mir sehr bekannte Melodie von oben herabschallen. Mein Gastbruder hatte oben offenbar meinen USB-Stick gefunden und beschallte nun die ganze Umgebung mit diesem Lied. Ich lächelte, sah aus dem Fenster hinaus, schaukelte in der Hängematte hin und her – und plötzlich sah alles da draußen aus wie in einem Film, mit goldener Melancholie überzogen. Wie in Zeitlupe sah ich die Vögelchen hin- und herhopsen, den Wind die Blätter vor dem blauen Himmel sanft streicheln, die Menschen wie Elfen vor dem Fenster entlanggehen, als sei all das, was jetzt geschähe, genau der Film, zu dem diese Melodie komponiert worden war.

Es war ein wenig als entglitte ich der Realität; mich umfing tiefer Frieden und all das, was ich sah, ich sah es wie auf einer inneren Leinwand, fern, mit mir nicht mehr verbunden. Wie als sänge die Elbin Arwen zu mir, und nicht zum Helden Aragorn, den sie mit ihrer Stimme eigentlich zu sich entrückt und dem Tod entreißt, als sei ich der Gefallene, als wollte sie mit mir sprechen.

Wie könnte Filmmusik noch großartiger sein als diese, die schon das Alltägliche zum Film und zur Kunst erhebt? Probier es einmal aus, werter Leser. Stell dich ans Fenster und sieh hinab, auf die Welt vor dir, auf die Menschen und Tiere, die dort vorbeihuschen, wie du sie schon hundertmal gelangweilt betrachtet hast.

Und dann hörst du diese Musik, am besten so laut wie möglich. Sieh noch immer hinaus. Und?

Oh, P.S.: Man sollte sich übrigens die gesamte Filmmusiksymphonie zu Herr der Ringe nicht entgehen lassen. Sie ist Tolkien um so viel näher als alle Filme. Der perfekte Soundtrack zum Leseabend auf dem Sofa, für mich ein Gipfelwerk der Programmmusik überhaupt, und man findet sie in voller Länge unter folgendem Link: http://www.youtube.com/watch?v=mfFQuhWaA_k

Musik zum Sonntag (VIII)

Diesen Sonntag stelle ich keinen wirren, nerdigen Komponisten, kein zeitgenössisch-quäkiges Herumgesinge, sondern solideste Mainstream-Romantik in den Mittelpunkt dieses Kolümnchens. Ein Werk, das an jeder Straßenecke aufgeführt und eingespielt wird, das auch der unbewanderte Laie „irgendwie“ kennt, und das doch diese Aufmerksamkeit mit jeder Note wert ist: Felix Mendelssohn-Bartholdys Violinkonzert in e-moll.

Schon der Beginn des 1845 uraufgeführten Konzerts, der geheimnisvoll wabernde Molldreiklang in den Streichern, untermalt von den entfernten Schlägen der Pauke, entführt uns in eine ferne Welt; als erwachte man in dunklem Wald, in der Dämmerung, um sich schauend, lauschend, verwirrt, Sicherheit suchend – und dann: dieses Thema.

Wie ein Sirenengesang windet sich die Melodie der Violine in ihrer Dreiklangsumkehrung nach unten und nach oben, als wollte sie ihrem Ausgangston, dem vermaledeiten h, entkommen, an dem sie festzukleben scheint, doch es hält sie, sie entflieht ihm nicht. Der erste Ausbruchsversuch zum hohen e misslingt, der dringliche Tritonus zum dis schafft nicht mehr als einen Wimpernschlag banger Ungewissheit, dann muss der Gesang von Neuem ansetzen, erneut um sich selbser kreisen, bis er sich in letzter, kraftvoller Anstrengung emporzureißen versucht und dann in die erste Vorkadenz entschwindet.

Dieser erste Satz ist für mich ein großes Epos, die Geschichte einer getriebenen Kreatur, die ihrer Seelenpein zu entkommen versucht und zusehends in die Verzweiflung hinabstürzt, eine irre Hatz.

Als nach einer langen Jagd durch immer panischer werdende Achtelkaskaden die Heldin ein wenig Ruhe findet und über drei Oktaven den e-moll-Dreiklang auf die leere G-Saite hinabsteigen darf, so erweist sich die Ruhe des zweiten (Dur-Themas) sehr bald schon wieder als trügerisch; nach einer fast mozarthaften, unschuldigen Kadenz erwacht das alte Thema in einer unheilvollen Dur-Variante, die von Mozart kaum weiter entfernt sein könnte, und die Verzweiflung ist größer als je zuvor, bald schon schreit die Geige herzzereißend um Hilfe, gegen dräuendes Tutti-Grollen des Orchesters.

Doch das Unwetter zieht sich noch einmal zurück, nach und nach kämpft sich unsere Heldin frei und erreicht einen Rückzugsraum, in dem sie sich sammeln und ihr Schicksal beweinen kann. In der anschließenden Kadenz ficht sie den Kampf mit sich selbst aus, irrt chromatisch suchend und flirrend über das Griffbrett und kommt schließlich zum allerersten Mal zu sich selbst, kommt zur Ruhe. In den Arpeggien, die zum Ausgang erklingen, liegt eine so große Weltentrücktheit, ja Seligkeit, dass der folgende zarte Pianissimo(!)-Tuttieinsatz von einmaliger sphärischer Schönheit ist. Wir hören einen der großen Momente der Musikgeschichte.

Doch die Seligkeit ist nicht von langer Dauer. Zwar schafft es die Heldin, die bösen Geister noch ein letztes Mal zurückzudrängen und in einen friedlichen E-Dur-Teil zu überführen, doch das Unheil ist unausweichlich: Mit den markerschütternden Fanfarenstößen der Blechbläser am Übergang zum Moll-Teil kündigt sich die finale Verdammnis an, die Geige wird vom mitleidlos fortschreitenden Orchester in einen letzten, verzweifelten, aber ebenso aussichtslosen Kampf getrieben, den sie schließlich verliert: Nach einer ewigen Flucht durch immer wahnwitzigere, immer schnellere, immer zerrissenere Achtelketten stürzt sie sich endlich mit einem letzten e-moll-Aufschrei in die Tiefe. Ende. Dunkelheit.

Nach dieser Vorgeschichte ist der zweite Satz ein überweltlich schöner Klagegesang, eine Apotheose. Und der dritte Satz schließlich entlässt den Theaterzuschauer tanzend in die Welt zurück, pfeifend und singend, wie in einem guten Fantasyfilm. Die Welt hat ihren Frieden wiedergefunden, das Leben geht weiter.

Ich kannte das Werk bereits einige Zeit, bevor es mich mit dieser erzählerischen Wucht ergriff, und vielleicht magst ja auch du, lieber Leser, auch wenn du die Musik schon kennst, diese Geschichte zum Anlass nehmen, es noch einmal anzuhören und dich aufs Neue berühren zu lassen. Du bist herzlich eingeladen.