Musik zum Sonntag (VIII)

Diesen Sonntag stelle ich keinen wirren, nerdigen Komponisten, kein zeitgenössisch-quäkiges Herumgesinge, sondern solideste Mainstream-Romantik in den Mittelpunkt dieses Kolümnchens. Ein Werk, das an jeder Straßenecke aufgeführt und eingespielt wird, das auch der unbewanderte Laie „irgendwie“ kennt, und das doch diese Aufmerksamkeit mit jeder Note wert ist: Felix Mendelssohn-Bartholdys Violinkonzert in e-moll.

Schon der Beginn des 1845 uraufgeführten Konzerts, der geheimnisvoll wabernde Molldreiklang in den Streichern, untermalt von den entfernten Schlägen der Pauke, entführt uns in eine ferne Welt; als erwachte man in dunklem Wald, in der Dämmerung, um sich schauend, lauschend, verwirrt, Sicherheit suchend – und dann: dieses Thema.

Wie ein Sirenengesang windet sich die Melodie der Violine in ihrer Dreiklangsumkehrung nach unten und nach oben, als wollte sie ihrem Ausgangston, dem vermaledeiten h, entkommen, an dem sie festzukleben scheint, doch es hält sie, sie entflieht ihm nicht. Der erste Ausbruchsversuch zum hohen e misslingt, der dringliche Tritonus zum dis schafft nicht mehr als einen Wimpernschlag banger Ungewissheit, dann muss der Gesang von Neuem ansetzen, erneut um sich selbser kreisen, bis er sich in letzter, kraftvoller Anstrengung emporzureißen versucht und dann in die erste Vorkadenz entschwindet.

Dieser erste Satz ist für mich ein großes Epos, die Geschichte einer getriebenen Kreatur, die ihrer Seelenpein zu entkommen versucht und zusehends in die Verzweiflung hinabstürzt, eine irre Hatz.

Als nach einer langen Jagd durch immer panischer werdende Achtelkaskaden die Heldin ein wenig Ruhe findet und über drei Oktaven den e-moll-Dreiklang auf die leere G-Saite hinabsteigen darf, so erweist sich die Ruhe des zweiten (Dur-Themas) sehr bald schon wieder als trügerisch; nach einer fast mozarthaften, unschuldigen Kadenz erwacht das alte Thema in einer unheilvollen Dur-Variante, die von Mozart kaum weiter entfernt sein könnte, und die Verzweiflung ist größer als je zuvor, bald schon schreit die Geige herzzereißend um Hilfe, gegen dräuendes Tutti-Grollen des Orchesters.

Doch das Unwetter zieht sich noch einmal zurück, nach und nach kämpft sich unsere Heldin frei und erreicht einen Rückzugsraum, in dem sie sich sammeln und ihr Schicksal beweinen kann. In der anschließenden Kadenz ficht sie den Kampf mit sich selbst aus, irrt chromatisch suchend und flirrend über das Griffbrett und kommt schließlich zum allerersten Mal zu sich selbst, kommt zur Ruhe. In den Arpeggien, die zum Ausgang erklingen, liegt eine so große Weltentrücktheit, ja Seligkeit, dass der folgende zarte Pianissimo(!)-Tuttieinsatz von einmaliger sphärischer Schönheit ist. Wir hören einen der großen Momente der Musikgeschichte.

Doch die Seligkeit ist nicht von langer Dauer. Zwar schafft es die Heldin, die bösen Geister noch ein letztes Mal zurückzudrängen und in einen friedlichen E-Dur-Teil zu überführen, doch das Unheil ist unausweichlich: Mit den markerschütternden Fanfarenstößen der Blechbläser am Übergang zum Moll-Teil kündigt sich die finale Verdammnis an, die Geige wird vom mitleidlos fortschreitenden Orchester in einen letzten, verzweifelten, aber ebenso aussichtslosen Kampf getrieben, den sie schließlich verliert: Nach einer ewigen Flucht durch immer wahnwitzigere, immer schnellere, immer zerrissenere Achtelketten stürzt sie sich endlich mit einem letzten e-moll-Aufschrei in die Tiefe. Ende. Dunkelheit.

Nach dieser Vorgeschichte ist der zweite Satz ein überweltlich schöner Klagegesang, eine Apotheose. Und der dritte Satz schließlich entlässt den Theaterzuschauer tanzend in die Welt zurück, pfeifend und singend, wie in einem guten Fantasyfilm. Die Welt hat ihren Frieden wiedergefunden, das Leben geht weiter.

Ich kannte das Werk bereits einige Zeit, bevor es mich mit dieser erzählerischen Wucht ergriff, und vielleicht magst ja auch du, lieber Leser, auch wenn du die Musik schon kennst, diese Geschichte zum Anlass nehmen, es noch einmal anzuhören und dich aufs Neue berühren zu lassen. Du bist herzlich eingeladen.

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