Musik zum Sonntag (XIV)

Zum Wintereinbruch in Deutschland sollte man dieses impressionistische Porträt fallenden Schnees von Claude Debussy anhören, gleich ob man selbigem durch die warme Fensterscheibe zusehen kann oder ihn nur mit geschlossenen Augen erträumt.

Die Schönheit eines Schleiers fallenden Schnees an einem Wintertag, verweht und aufgewirbelt in böigem Wind, kann man hier auch im letzteren Fall vor sich sehen. Die scheinbare Klarheit der Welt tönt zuweilen in reinen Glockentönen durch das Gestöber hindurch, löst sich dann aber wieder auf, verbirgt sich hinter dem Tanz der Flocken.

Die Objekte verschwinden aus der Welt, man hört nur noch Farben, Klänge und – sich selbst?

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Weihnachtskind

Lieber Gabriel,

unten im Wohnzimmer räumen die Fernsehteams jetzt unsere Mö­bel und den großen Weihnachtsbaum an ihren Platz zurück, die letzten Reporter sind gerade hinausgepoltert, und zum ersten Mal, zwei Stun­den vor dem Heiligen Abend, zwei Stunden vor deinem achtzehnten Geburtstag, kehrt weihnachtliche Ruhe ins Haus ein, zum ersten Mal seit Langem.

(Jetzt ist gerade die Haustür zugeklappt. Stille.)

Ich habe Dir schon seit langer Zeit versprochen, Deine Lebensge­schichte aufzuschreiben und Dir vorzulesen, und nun, da Ruhe einge­kehrt ist, kann ich mich endlich ganz Dir widmen und meine Erinne­rungen in Worte fassen.

Erinnerst Du Dich eigentlich? Ich habe viel darüber nachgedacht, und natürlich weißt es nur Du selbst. Vielleicht liegt die Vergangenheit vor Dir viel klarer als vor uns herumlaufenden, sprechenden, unauf­merksamen Menschen und ich langweile Dich mit dem Zeugnis ei­nes Geistes, dessen Lückenhaftigkeit Dir unverständlich ist. Oder viel­leicht verstehst Du gar nicht, was Vergangenheit eigentlich ist, weil Du Dein Leben nur im Präsens lebst.

Ich glaube, es ist so: Unsere Vergangenheit wohnt in Erinnerun­gen, sie kann nicht ohne sie sein. Unsere Erinnerungen können nur in Geschichten wohnen, und ohne sie nicht sein. Und Geschichten woh­nen in Worten. Deshalb schenke ich Dir, der Du Worte zum Er­zählen nicht hast, meine Worte zur Weihnacht.

I

Dass ich vor Deiner Geburt viereinhalb Jahre ohne Dich verbracht haben soll, ist mir heute ein so fremder Gedanke, als sei auch mein Ich erst mit Deiner Geburt in die Welt getreten, als habest erst Du mich zum Leben erweckt. Der frühste Tag, der aus dem Dunkel meines Ver­gessens ragt, ist jener Weihnachtstag vor achtzehn Jahren, an dem Du das Licht der Welt erblicktest.

Ich war schon alt genug in jenem Jahr, um das Weihnachtsfest an­gemessen wichtig zu nehmen, aber zugleich zu jung und mit der Cho­reographie des Heiligen Abends zu wenig vertraut, um die Besonder­heit zu erkennen, die es bedeutete, dass ich ihn dieses Mal ohne Mama und Papa und stattdessen mit Oma Martha feiern sollte.

Ich werde ja bald ein Brüderchen bekommen, hatte Papa mir hun­dertfach erklärt, und deshalb müssten Mama und er im Kranken­haus sein, aber das war für mich nur eine schwache Begründung. Ich fragte mich, warum das Brüderchen nicht einfach wie ein ganz nor­males Weihnachtsgeschenk vom Christkind in Glitzerpapier einge­wickelt und unter dem Baum abgelegt werden konnte, aber ich fragte mich ohne­hin, woher das Christkind überhaupt die vielen Geschenke und das vie­le Glitzerpapier bekam und wie es immer so genau wusste, was die Menschen sich wünschten und wie es sie dann auch noch alle in ihren Häusern fand; und da mir so vieles rätselhaft war, nahm ich dieses neue Rätsel in die Reihe der Geheimnisse auf, die Weihnachten seit je­her umwaberten. Ich hoffte nur inständig, das Christkind würde mich hier bei Oma Martha auch finden und meine Geschenke bei all der Aufregung um das Brüderchen nicht vergessen haben.

Die Bescherung kam – und ich war nicht vergessen worden. Ich durfte einige herrliche Geschenke auswickeln, unter anderem Friedrich, die Plüscheule, die Du ja sehr gut kennst, weil sie genauso alt ist wie Du. Oma Martha und ich spielten den ganzen Nachmittag mit ihr, bis es plötzlich klingelte und wie der Knecht Ruprecht Papa in der Tür stand.

Er schenkte Friedrich kaum Beachtung, sondern redete erst drau­ßen mit Oma, dann kam er herein und sagte zu mir: „Komm, nimm deine Eule mit, wir besuchen dein Brüderchen.“ Ich weiß noch genau, wie seine Stimme klang. Erst viel später lernte ich, dass freudig und aufgeregt, nicht langsam und ernst sprechen sollte, wer gerade Vater geworden ist.

Du warst am Morgen des gleichen Tages geboren worden – viel später habe ich natürlich die ganze Geschichte erfahren – und hattest große unweihnachtliche Unruhe im Krankenhaus gestiftet, denn Du warst tot. Das zumindest glaubten alle, als Du so stumm und unbeweg­lich wie ein altes Wollknäuel auf unsere Welt plumpstest. „Es tut mir leid“, waren die einzigen Worte des Arztes gewesen, dann hatten sich Mama und Papa schluchzend über dich geworfen, einander und Dei­nen winzigen, noch schmierigen Körper umarmend.

Nach einiger Zeit der Verzweiflung bemerkten sie aber das Seltsa­me: Deine Augen hatten den Glanz des Lebens und man sah, dass sie – obgleich nicht umherhuschend, sondern gerade nach außen gerichtet – die Welt aufmerksam beobachteten. Außerdem war und blieb Dein Körper warm und Dein Herz pochte darin.

Er lebt, hatte Mama hoffnungsvoll gesagt, als sie dies bemerkt hat­te.

Nun ja, hatte der Arzt da gesagt, Leben, darunter verstehe ja jeder etwas anderes.

Er lebt, hatte Mama wiederholt, und daraufhin warst Du an die blinkende und piepsende Maschine angeschlossen worden, die Dich fortan leben lassen sollte. Bald hatte man allerdings festgestellt, dass auch Deine Verdauung nicht arbeitete und die künstliche Ernährung mithin sinnlos war, und so hatte man Dich wieder von der Maschine abgestöpselt, mit dem Sakrament der Taufe unter die Lebendigen ge­holt und Dein baldiges Ableben erwartet.

Du aber bliebst. Dein Herz hörte nicht auf zu schlagen, Deine Au­gen schlossen sich nicht, Du bliebst wach. Ein Wunder war gesche­hen. Als mein Vater, Oma Martha und ich zu Deinem Bettchen ka­men, stand vor der Tür schon der erste Zeitungsreporter und inter­viewte einen Arzt.

In den Tagen nach Deiner Geburt, als Du einfach nicht sterben wolltest, obwohl Du keine Nahrung zu dir nahmst, Dich nicht beweg­test und nie schliefst, war es, als stünde die ganze Welt um Dein Bett­chen herum. Es gab einen großen Trubel um Dich. Später erst verstand ich, dass das, was geschah, nur das ganz normale Programm war, das für solche Aufsehen erregenden Fälle in der Welt vorgesehen ist. Lasst uns eine Erklärung dafür finden, sagten die Wissenschaftler rasch. Lasst uns ein neues Gesetz machen, sagten die Politiker vorschnell. Lasst uns noch morgen eine Schlagzeile drucken, sagten die Journalisten hastig. Lasst uns Gott dafür danken, sagten die Geistlichen eilfertig.

Nur ich, ich sagte nichts. Mir tatst Du leid, mein kleines, hilfloses, geliebtes Brüderchen, unter all diesen mächtigen, erwachsenen Men­schen.

II

Als Du sechs Jahre alt warst und zur Schule gehen solltest, nahm die Welt ein zweites Mal Notiz von unserer kleinen Familie, und „die Welt“, das hieß in diesem Fall meine Schulleiterin. Die saß eines Tages plötzlich in unserem Wohnzimmer und trank Kaffee mit Mama und Papa. Ich musste dabeisitzen und gabelte so unbeteiligt wie möglich in meinem Stück Kuchen herum, denn es war mir unendlich peinlich, dass die Schulleiterin einfach so in unserem Haus herumsaß und Kaffee trank, als sei sie Tante Greta oder Oma Martha.

Ob sie den Jungen wirklich zur Schule schicken wollten, fragte sie unvermittelt meine Eltern.

Natürlich, sagte meine Mutter prompt, warum denn nicht? Gabriel sei jetzt sechseinviertel und es werde ja wohl höchste Zeit.

Nun ja, sagte die Schulleiterin, sie sehe das ein, aber der Junge sei ja eben – sie machte eine kleine Pause, in der ich mich fragte, warum sie immer „der Junge“ sagte, als habest Du keinen Namen – nun ja, schwerbehindert, und es sei fraglich, ob er an ihrer Schule gut aufgeho­ben sei unter all den, nun ja, normalen Kindern.

Gabriel sei vielleicht körperlich behindert, sagte Papa, aber man habe keine Gründe, anzunehmen, dass seine geistigen Fähigkeiten in irgendeiner Weise eingeschränkt seien. Vielleicht sei er hochintelli­gent.

Nun ja, sagte die Schulleiterin, aber, wie solle sie sagen, wenn sie richtig informiert sei – ich fragte mich, wer sie eigentlich „informiert“ habe – spreche er gar nicht.

Das sei korrekt, sagte Mama, lasse aber keine Rückschlüsse auf sei­ne kognitiven Fähigkeiten zu. Das würden auch Psychologen nicht ab­streiten.

Ob sie denn sicher seien, dass der Junge der Sprache mächtig sei, wollte die Schulleiterin wissen. („Der Sprache mächtig“ – ich hielt das für eine dämliche Formulierung.)

Sie habe keinen Grund, es zu bezweifeln, antwortete Mama, Gabri­el lebe schließlich hier mit uns und seitdem er zwei sei, lese sie ihm täglich jeden Abend eine halbe Stunde vor, weshalb er mit der wichtigs­ten Kinderliteratur bereits aufs Beste vertraut sei.

Aber ob er sie denn überhaupt hören könne, fragte die Schulleite­rin.

Aber natürlich, sagte Mama, er habe doch Ohren wie jedermann.

Gut, sagte die Schulleiterin, man komme an der Stelle vielleicht nicht weiter. (Ich glaubte, sie hatte recht.) Es leuchte ihr aber noch im­mer nicht ein, warum ein Junge, der aus wundersamen Gründen nicht zu essen brauche, seit seiner Geburt im Rollstuhl sitze, sich nicht bewe­ge und nicht kommunizieren könne, zur Schule gehen soll­te. Da er auch offensichtlich nie in seinem Leben in der Lage sein würde, die er­forderlichen Lernstandskontrollen abzuleisten, stelle sich für sie auch die Sinnfrage. („Erforderlich“ – wofür nur, fragte ich mich.) Sie sollten auch ihre Situation berücksichtigen, ihr fehlten oh­nehin die Lehrkräfte, und eine besondere Förderung für Lernbehin­derte sei weder vorgese­hen noch unter den gegebenen Umständen zu leisten.

Ob Gabriel lernbehindert sei oder nicht, darüber habe sie sich wohl kein Urteil zu erlauben, sagte Papa schnell. Mama und er stün­den auf dem Standpunkt, dass jeder Mensch das Recht auf Bildung habe, unabhängig von seiner Eignung für das kapitalistische System der Leis­tungsausbeutung. Im Übrigen sehe er auch im Falle seines Sohnes kei­nen Bedarf für gesonderte Förderung; die Teilnahme am Unterricht je­doch könne man ihm ja wohl nicht verweigern.

Nun ja, von dieser Seite habe sie das Problem noch nicht betrach­tet, sagte die Schulleiterin. („Das Problem“ sagte sie, und ich verstand mal wieder nicht, wovon sie überhaupt sprach.) Sie denke, irgendeine Lösung werde sich dann schon finden lassen, sie werde meine Eltern dann rechtzeitig informieren.

Dann lächelte sie zu mir herüber und fragte, wie es mir denn so gehe in der 5b. Ich lief rot an, murmelte irgendetwas und war froh, dass mein Stück Kuchen nur noch sehr klein war. Mit dem letzten Bis­sen in Mund stand ich auf, rannte die Treppe herauf und warf mich neben Dich auf das Bett, um durchzuatmen.

III

Von da an fuhren wir jeden Tag gemeinsam im Auto zur Schule, ich schob Deinen Rollstuhl in Deinen Klassenraum und holte Dich mittags wieder ab. In den Pausen holte ich Dich ab und schob Dich über den Schulhof, in den siebten Stunden, wenn Du schon Schluss hattest, saßt Du neben mir im Unterricht. Ein Jahr lang ging das so.

Dann kam ich in die siebte Klasse und auf die neue Schule. Jetzt wurdest Du von Papa zur Schule geschoben, und ich fuhr mit dem Fahrrad in die Stadt. Ich spielte Tennis und hatte neue Freunde und sang im Schulchor und lief an langen Sommertagen draußen herum, bis die Sonne unterging.

Da wurdest Du mir fremd. Früher war ich oft in Dein Zimmer ge­kommen, hatte neben Dir gesessen und gelesen, oder Hörspiele ge­hört oder Spiele gespielt. Ich hatte nie andere Geschwister gekannt und wusste nicht, wie es war, wenn die auch sprachen und herumlie­fen und redeten und am Tisch aßen. Wenn ich das Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielbrett auf dem Bett zwischen uns aufgebaut und für Dich gewürfelt und Deine Steine für Dich gesetzt hatte, dann war das für mich das Normalste der Welt gewesen. Wenn ich Dir aus meinen Lieblingsbü­chern vorgelesen und mit Dir über die Abenteuer geredet hatte, die die Helden in ihnen erlebten, dann hatte ich gewusst, was Du sagtest, auch wenn Dich niemand anders hörte, denn Du warst ja mein Bruder und ich verstand Dich.

Jetzt kam ich nicht mehr in Dein Zimmer. Ich wollte die Welt er­obern, und Du wolltest nichts. Du warst ein langweiliger Bruder, der herumsaß und nichts tat. Wenn wir am Essenstisch saßen, vermied ich Deinen Blick. Wenn es mir schlecht ging, kam ich nicht mehr in Dein Zimmer, sondern rief meine beste Freundin an. Wenn es mir gut ging, hörte ich in meinem Zimmer laut Musik. Statt „Mensch är­gere dich nicht“ spielte ich Computer. Wenn mal wieder irgend so ein Zeitungs­fuzzi kam und über „das Leben mit dem Wunderkind“ schreiben woll­te, schloss ich mich in mein Zimmer ein und hasste Dich. Wenn Freunde zu mir kamen, schloss ich Deine Tür und verleugnete Dich.

Als ich meinen ersten Freund hatte, wurde alles noch schlimmer. Er konnte Dich nie leiden, seit dem Tag, an dem ich ihm sagte, dass „da noch was sei“, und von da an vermieden wir es, bei uns zu sein. Du warst immer da, auch wenn Du nur, wie immer, in Deinem Zimmer saßt und nichts tatest. Wir konnten uns in meinem Haus nichts sagen, uns nicht küssen, nicht lieben, ohne dass Du da warst und alles hörtest, manchmal glaubte ich sogar: sahst. Du warst wie ein Geist, der das Haus und mich bewachte und dem ich nicht entkam.

Irgendwann verließ mich mein Freund, und für mich warst Du der Schuldige. Als ich in mein Kissen heulte, hörtest Du noch immer zu. Als ich meine Wut auf Dich einsam in die Welt schrie, hörtest Du alle Flüche, alle Beleidigungen. Ich trat und hämmerte gegen die Wand, die unsere Zimmer trennte, ich weigerte mich, mit Dir an einem Tisch zu sitzen oder in einem Raum mit Dir zu sein.

Mama und Papa waren für mich Verbündete von Dir, nicht aus objektiven Gründen, sondern nur weil sie nicht aufhörten, Dich zu lie­ben. Kein sprechender, herumlaufender Bruder der Welt ist wohl je von seinen Geschwistern so gehasst worden wie Du von mir. Eine Teenagerseele wie meine, die die Welt verstehen will, indem sie eine lange Reise zu sich selbst unternimmt, kann wohl nichts noch mehr verstören als jemand, der schon immer bei sich war, und nicht reisen muss.

Ich glaube, in Wirklichkeit hatte ich Angst vor Dir.

IV

Die Zeit verging, Du bliebst, und irgendwann war auch meine Wut erloschen. In Filmen gibt es ja immer große, tränenreiche Es-tut-mir-leid-Szenen, in Wirklichkeit vergisst man, wie das eigentlich war, wahrscheinlich weil man sich zu sehr für sich selbst schämt. Woran ich mich aber erinnere, ist die Überraschung, mit der ich vor ein paar Jah­ren feststellte, wie gern ich Dich hatte.

Inzwischen hatte mich die ganze Welt enttäuscht. Freunde waren gekommen und gegangen, Beziehungen hatten sich in Luft aufgelöst, ich sah, wie Mama und Papa alt wurden und einander nicht mehr lieb­ten, und mitten in der zwölften Klasse schmiss ich auch noch die Schu­le. Meine Noten waren nicht schlecht, aber ich sah keinen Sinn mehr darin, unwichtige Dinge für ein unwichtiges Leben zu lernen. Die Menschen um mich herum entdeckten auf einmal ihren Ehrgeiz, lach­ten nicht mehr, lernten lange Listen auswendig und bereiteten sich auf ihr erfolgreiches Leben als Manager und Akademiker vor, aber ich lief nachts durch die Straßen, rauchte, las, und schrieb Gedichte, die ich seitdem nie wieder angesehen habe.

Ich hörte, wie die Leute von Vernunft sprachen, von Zukunft, von Erfolg, von Plänen, von Arbeit, von Wissen, vom Erwachsenwerden, von Verantwortung, von Liebe. Aber ich verstand nicht, was sie sagten, denn für mich waren da nur kranke, leere, einsame Seelen, die einan­der nicht sahen.

Die Welt des Tages, die die Schule repräsentierte, die Welt der Ar­beit, in der strebsame Alleswisser ziellos vor sich hin konkurrierten, sie war nicht mehr meine. Meine Freunde lebten des Nachts. Auf einsa­men Straßen entstiegen sie meiner Phantasie, sie tanzten mit mir unter Straßenlaternen, sie umflogen mich, wenn ich auf dem Fahrrad stram­pelte, um vor mir selbst zu fliehen, sie wärmten mich, wenn ich im Morgengrauen in einem Park einschlief.

Eines Nachts, als ich nach langer Irrfahrt nach Hause kam, sah ich Licht in Deinem Zimmer und trat deshalb ein, um es auszuschal­ten, bevor ich mich schlafen legte. Nie werde ich das Lächeln vergessen, das auf Deinen Lippen lag, als Du mich zum ersten Mal seit so Langem die Tür öffnen und hineinhuschen sahst. Ich habe mich seither oft gefragt, ob Du Deinen Mund wirklich bewegen kannst, oder ob ich nur in Dei­nem Gesicht meine eigenen unterschiedlichen Stim­mungen ablese. Nur Du weißt das, und Du wirst es für Dich behal­ten.

Als ich an diesem Abend Dein Lächeln sah, durchfuhr mich ein neuartiges Gefühl, als sei mir heißes Blut direkt ins Herz injiziert wor­den und breite sich nun pochend in mir aus: Mir war plötzlich die Vor­stellung, einen Bruder zu haben, der alles von mir wusste, aber nichts verriet, der immer da war und mich nicht verließ, der nichts tat, aber immer zuhörte, diese Vorstellung, die ich ein paar Jahre zu­vor für die Hölle auf Erden gehalten hatte, das größte nur denkbare Glück.

Seit diesem Abend verbrachte ich viel Zeit mit Dir. Ich las Dir wie­der vor, wie früher, ich lag neben Dir auf dem Boden in Deinem Zim­mer. Ganze Tage und Wochen verbrachte ich so bei Dir, mit Dir spre­chend, denkend, träumend. Wenn ich Dich umarmte, minuten­lang, war ich glücklich, und ich spürte, dass auch Du es warst.

Die Menschen da draußen umarmen sich ja nicht mehr, sagte ich eines Tages zu Dir, noch ehe ich darüber nachdenken konnte. (Weißt Du noch? Ich habe es nicht vergessen.) Sie reden aufeinander ein, sie reden alle, aber niemand hört zu. Wenn wir alle nicht mehr sprechen würden, so wie Du, wären wir dann nicht alle glückliche Menschen?

V

Inzwischen habe ich verstanden, dass ich nicht Du bin. Ich schlafe in der Nacht, ich wache morgens auf und fahre zur Arbeit, wie eine vernünftige Erwachsene. Ich spreche von der Zukunft, von Verantwor­tung und Liebe und alldem, wie alle es tun, ich habe Freunde.

Aber noch immer finde ich nur bei Dir, was ich unter den Men­schen da draußen nie angetroffen habe: Eine aufrichtige Seele.

Inzwischen verbringen ja auch Mama und Papa wieder mehr Zeit mit Dir als früher. Ich glaube, das liegt daran, dass Du ein großer Trös­ter bist, ein Heiler. Dein Zimmer verlässt man als ein anderer Mensch, Du bist wie ein Spiegel, der einem das Innere der Seele zeigt. Ich glau­be, Papa redet viel mit Dir, Mama liest Dir ja noch immer vor, wie je­den Abend.

Ich selber höre Dir gerne zu. Inmitten all des Geplappers der Welt ist es das größte Glück, neben Dir zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen und aus Deiner Stille zu lernen. Es ist mir dann, als erfülle die geheimnisvolle unerschöpfliche Energiequelle, die Dein Herz seit jetzt achtzehn Jahren am Schlagen hält, und deren Wesen noch immer nie­mand ergründet hat, den ganzen Raum, und mich.

Ich habe mich nie um Glauben und Religion und all das geschert, aber wenn der Pfarrer in der Kirche sagt, zu Weihnachten habe Gott sich der Welt in einem kleinen, hilflosen Kind offenbart, dann weiß ich genau, was er meint.

Alles Gute zum Geburtstag, Gabriel.

Und frohe Weihnachten.

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Musik zum Sonntag (XIII)

„Zinnsterne!“, seufzte der König und seine Augen leuchteten. „Die gab’s bei uns früher auch immer! Jedes Kind einen ganzen Teller für sich! Ach, und so ein hübsches kleines Bäumchen! Mit richtigen Kerzen aus Bienenwachs. Ritter Rost, für dieses himmlische Weihnachtsfest bekommen Sie die Note Eins. Mit Sondersternchen.“ […]

„Und das Essen?“, fragte das Burgfräulein Bö leise und sah besorgt zu Bleifuß hinüber, der mit Tränen der Rührung in den Augen den Weihnachtsbaum anstarrte. „Ich meine, wir müssen doch noch irgendetwas anderes essen als Kekse. und ich koche heute jedenfalls nichts mehr.“

„Schon bestellt“, grinste Koks, „und zwar bei Paolos Pizza-Blitz. Ausnahmsweise…“

 
Und wem dieser Serviervorschlag gefallen hat, der wird vielleicht auch an den folgenden drei Weihnachtsrezepten aus dem Hause Rost Freude finden.

Gekaufte Plätzchen sind besonders einfach zu machen: man nehme einen Beutel voller Geldstücke, gehe damit zum nächsten Kaufladen und wähle Plätzchen nach Neigung und Geschmack. Achtung: Das Geld muss unbedingt im Kaufladen bleiben (siehe auch geklaute Plätzchen). Wieder zu Hause, vorsichtig die Verpackung öffnen und die Plätzchen herausnehmen – schon fertig. […]

Geklaute Plätzchen gehen ganz ähnlich wie gekaufte Plätzchen, nur mit dem Unterschied, dass man im Kaufladen statt des Beutels voller Goldstücke eine Pistole vorzeigen muss. Allerdings sind geklaute Plätzchen viel ungesünder, weil man nach deren Genuss ins Gefängnis kommt, wo einem die tägliche Bewegung fehlt. Daher ist von diesem Rezept unbedingt abzuraten.

Geschenkte Plätzchen. Ein schottisches Rezept, das auf derselben Grundlage wie gekaufte Plätzchen und geklaute Plätzchen beruht, allerdings auch den Gedanken des ewigen Kreislaufs mit einbezieht. Geschenkte Plätzchen erhält man meist in kleinen knisternden Tütchen, die man so lange weiter verschenken muss, bis man sie wiederbekommt (was drei bis vier Jahre dauern kann). Es gehört zum guten Ton, allgemein zu behaupten, dass geschenkte Plätzchen am allerleckersten schmecken – selbst, wenn sie alt und pappig oder aus freudlos vor sich hin bröselndem Vollkornteig sind.

– Jörg Hilbert und Felix Janosa, Ritter Rost feiert Weihnachten

Musik zum Sonntag (XI)

Das englische „O du fröhliche“ heißt „Veni veni Emmanuel“, oder, in der englischen Übersetzung, „O come, o come Emmanuel“. Es wird hier in ungefähr jedem Adventsgottesdienst gesungen. Beim jauchzenden „Gaude“/„Rejoice“ im Refrain kann man mindestens genau so gut zur Orgel schmettern wie bei „Freue, freue dich, o Christenheit“, aber ich finde, es hat deutlich mehr Kultur.

(Die sechs Männer in der Aufnahme sind Studenten in Cambridge und haben sich kürzlich zu einem A-cappella-Ensemble zusammengetan; eine Idee, die vor fast 50 Jahren ja schon einmal ganz gut funktioniert hat…)