Musik zum Sonntag (XVII)

Der wunderbare Murray Perahia ist zur Zeit in Cambridge, als Gastprofessor. Am vergangenen Donnerstag besuchte ich ein öffentliches Interview mit ihm über Chopin, das der Musikprofessor John Rink, ebenfalls ein Chopin-Experte, führte. Abgesehen von Perahias eigenem göttlichen Klavierspiel, das wir in den Genuss kamen, anhören zu dürfen, wurde uns auch die folgende (relativ unbekannte) Aufnahme des (relativ bekannten) Es-Dur-Nocturnes op. 9, Nr. 2 vorgespielt und analysiert:

Der Interpret Raoul Koczalski (1885-1948) war ein „Enkelschüler“ Chopins, da er bei Karol Mikuli Klavierspielen lernte, der wiederum Schüler Chopins gewesen war. Wie authentisch sich Chopins Weise, Chopin zu spielen, über die Jahre erhalten hat, ist selbstverständlich nicht genau zu ermitteln, aber die Leichtigkeit und die improvisatorische Freiheit, mit der Chopin selbst dem Vernehmen nach seine eigenen Werke behandelte, ist mir in dieser Interpretation so deutlich geworden wie in keiner zuvor. Dieser, das habe ich am Donnerstag gelernt, versah die Ausgaben seiner Klavierstücke oft nachträglich mit handschriftlichen Varianten und Verzierungen, die aber selber nur flüchtige Verschriftlichungen improvisierter Einfälle waren, die sich im Moment des Spielens ergaben, nicht auf dem Papier. Chopin Chopin spielen zu hören muss ein großes Vergnügen gewesen sein, vielleicht war er der erste wirkliche Jazzpianist?

Wie es auch gewesen sein mag, die Verspieltheit und die atemberaubenden Arabesken waren es nicht allein, die mich überzeugten, heute diese Aufnahme auszuwählen. Es war der Takt 25, im Video bei 3:00 zu hören. Diese plötzliche Moll-Subdominante ist in vielen Interpretationen ein Einbruch des Dramatischen, zumindest aber Traurigen in dieses sonst so ausgeglichene, ja fast träumerische Nocturne. Koczalski aber spielt zuerst As-Dur (!) und wechselt erst auf der zweiten Zählzeit ins Moll. Was damit entsteht, ist eine musikalische Verzögerung von so bitterer, melancholischer Süße, wie ich sie selten gespürt habe, als reiße die Realität für eine Sekunde entzwei und gäbe eine dahinter liegende, tiefere Wahrheit frei. Ein großer, beeindruckender, anrührender Moment.

 

Musik zum Sonntag (XVI)

Paris, 1737:

Tristes apprêts, pâles flambeaux,
Jour, plus affreux que les ténèbres,
Astres lugubres des tombeaux,
Non, je ne verrai plus que vos clartés funèbres.

Toi, qui vois mon cœur éperdu,
Père du jour, ô soleil, ô mon père !
Je ne veux plus d’un bien, que Castor a perdu,
Et je renonce à ta lumière.

Tristes apprêts, pâles flambeaux,
Jour, plus affreux que les ténèbres,
Astres lugubres des tombeaux,
Non, je ne verrai plus que vos clartés funèbres.

 

 

 

Klatsch und Bratsch goes ask.fm

Nach langer Zeit bin ich meinem ersten sozialen Netzwerk beigetreten. Nicht eigentlich aus sozialen Gründen, sondern weil mich diese Internetseite fasziniert wie lange keine mehr. Von nun an bin ich Mitglied bei ask.fm.

Ask ist eines der am schnellsten wachsenden sozialen Netzwerke der Welt, hat schon 180 Millionen Nutzer und verzeichnet angeblich 200.000 Neuanmeldungen pro Tag. Jede dieser Nutzerinnen hat eine Seite, auf der andere Menschen (vor allem auch Nichtangemeldete) ihr Fragen stellen können. Diese Fragen können anonym gestellt werden, aber sie werden erst veröffentlicht, wenn sie beantwortet sind, was dem Gefragten ganz freisteht. So entsteht ein langer Fragebogen auf der Seite jedes Benutzers. Außerdem kann man mit einem Account anderen Nutzern folgen und so ihre Antworten stets aktuell lesen und liken. Das ist alles, mehr gibt es nicht.

Nahzu alle Nutzer von Ask sind jünger als 25, die meisten jünger als 20. Wer sich als unbedarfte Beobachterin in den Tiefen der ask-Welt verliert, der findet sich wie in ein bizarres Q&A-Festival versetzt, eine Mischung aus Poesiealbum, Kummerkasten, Freundebuch und Wahrheit-oder-Pflicht-Abend im Zeltlager. Die meisten Fragen und Antworten drehen sich um die großen Themen des Teenagerdaseins: Liebe und Freundschaft, Streit und Veröhnung, Lästerei und die permanente Vergewisserungmanie des verunsicherten pubertären Selbst. Es wird oft, nicht immer, sehr schnell redundant und langweilig.

Was ist dann das Faszinierende an dieser Seite? Ask.fm setzt die technische Struktur des Internets so direkt auf die Benutzerebene um wie keine andere mir bekannte Plattform. Der Nutzer ist ein Server, der im wahrsten Sinne des Wortes die Anfragen bearbeitet, die von fremder Seite auf ihn einprasseln. Das Protokoll des Servers ist http, das der Nutzer die menschliche Sprache, das ist der einzige Unterschied.

Während Facebook für die Illusion eines heterarchischen Netzwerks der Gleichen stand, ist die Benutzerin bei Ask Zentrum ihres eigenen kleinen Universums. Sie entscheidet, welche Fragen sie bearbeitet, welche nicht, was stehen bleibt, was gelöscht wird, was erlaubt ist und was nicht. Die Frager sind anonym.

Selbst von einem Netzwerk zu sprechen ist im Grunde nur Ausdruck sprachlicher Hilflosigkeit. Bei ask.fm ist das ganze Gefüge der Kommunikation in Asymmetrie gebracht worden: Erstens gibt es keine Perspektive, aus der sich die verschiedenen Fäden als Netz sichtbar würden; es gibt nur die Innensicht des Nutzers und seiner Antworten auf (größtenteils anonyme) Fragen. Zweitens gibt es, um in der Metaphernsprache zu bleiben, gar keine Fäden mehr, die von A nach B und von B nach A verlaufen. Es stehen sich nicht gleichberechtigte Kommunikationspartner auf Augenhöhe gegenüber, sondern viele Menschen im Raum kommunizieren vor sich hin.

Facebook verlieh dem Einzelnen Bedeutung, weil er ihn auf eine Stufe mit den anderen hob, ask verleiht ihm Bedeutung, weil es ihn den anderen entzieht und zum Zentrum der eigenen Welt macht. Facebook (und ebenso Twitter) ist azentrisch, man wird nie einen Mittelpunkt finden, weil die Verweise und Links immer hinauszeigen. Ask ist Hyperzentrisch, weil jede einzelne Seite so aussieht, als sei sie der Mittelpunkt aller Kommunikationen.

Mich fasziniert Ask, weil es den Sprechakt unserer Zeit so exakt einfängt. Das Sprechen (besser sollte man sagen: Schreiben) auf Ask dient nur selten dem Übertragen von Informationen von einem A zu einem definierten B. Schreiben auf Ask ist die Zelebrierung des Ichs, keine Kom-munikation sondern einfach Reden um des Redens willen. „Unterhaltet mich“, ist wahrscheinlich die am häufigsten benutzte Floskel, mit der zum Fragen auf Ask aufgefordert wird, und damit ist eigentlich alles gesagt. Ich werde unterhalten, und ich unterhalte. Das wir gibt es nicht mehr.

Deshalb sind die besten Momente auf Ask die, in denen gekonnt aneinander vorbei gesprochen wird, so ähnlich wie in Moritz von Uslars Interviews, wo die Fragen ebenfalls nicht dem Gewinnen von Informationen dienen, sondern der Aufrechterhaltung des Redens, dem Herbeirufen von Wahrhaftigkeit oder kurz, der Unterhaltung

Ist das beklagens- oder verurteilenswert? Nein. Die Millionen von Jugendlichen, die sich auf Ask tummeln, leiden nicht unter degeneriertem Kommunikationsverhalten, sie haben sich in der Welt des 21. Jahrhunderts eingerichtet, in der die sprachliche Repräsentation der Dinge sich als Illusion herausgestellt hat. Sprechen kann unter Bedingungen der Moderne nur noch ein Sich-Äußern sein, kein Bezeichnen, es verrät alles über den Sprecher und nichts über den Gegenstand; für diese postmoderne Erfahrung, die sich der Generation Internet so eingebrannt hat wie keiner vor ihr, ist Ask die ideale Plattform.

Das sagt viel über unser Reden aus, nichts über unser Handeln. Es gibt einen unermesslichen Unterschied zwischen Egozentrik im Sprechakt und Egozentrik im Handeln. Über letztere ist gar nichts gesagt, aber erstere deckt Ask so schonungslos auf wie kein anderes Medium.

Also los, lieber Leser: Unterhalte mich! Es ist so einfach. Hier geht’s los: http://www.ask.fm/klabratsch

 

Tu es Charlie

Später erst verstand ich, dass das, was geschah, nur das ganz normale Programm war, das für solche Aufsehen erregenden Fälle in der Welt vorgesehen ist. Lasst uns eine Erklärung dafür finden, sagten die Wissenschaftler rasch. Lasst uns ein neues Gesetz machen, sagten die Politiker vorschnell. Lasst uns noch morgen eine Schlagzeile drucken, sagten die Journalisten hastig. Lasst uns zu Gott beten, sagten die Geistlichen eilfertig.

Nur ich, ich sagte nichts. Mir tatst Du leid, mein kleines, hilfloses, geliebtes Brüderchen, unter all diesen mächtigen, erwachsenen Men­schen.

Musik zum Sonntag (XV)

In einer Zeit der Vergötterung des Lebens, in der es Häresie gleichkommt, dem Tod mit Gleichgültigkeit oder gar Freude entgegenzusehen, sollte man so oft wie möglich den nun folgenden Choral anhören.

Die barocke Todessehnsucht, die ihm entströmt, ist mit Kategorien moderner Psychologie nicht zu fassen. Die Menschen, die dies singen, sind nicht suizidgefährdet, sondern leben in der Gewissheit des zukünftigen Lebens, von der die Illusion irdischen Wohlbefindens ein bloßer Schatten ist.

Knuts Nystedts geniale Verarbeitung des bachschen Chorals macht das memento mori endgültig zu verzweifelten, herzzereißenden veni mors. Der Tod, als ewiger innerer Friede, bildet hier die ersehnte Dur-Auflösung nach der schier unerträglichen Leidenszeit des dissonanten Lebens, der Chorsatz gerät zu einem Sinnbild für das Leben, und für die Kunst, die das Hiesige überdauert.

Nicht Trost im Angesicht des Todes zu benötigen, sondern auf den Tod als großen Tröster der Menschenseele zu hoffen: das, glaube ich, ist wahre Seligkeit.