Musik zum Sonntag (XV)

In einer Zeit der Vergötterung des Lebens, in der es Häresie gleichkommt, dem Tod mit Gleichgültigkeit oder gar Freude entgegenzusehen, sollte man so oft wie möglich den nun folgenden Choral anhören.

Die barocke Todessehnsucht, die ihm entströmt, ist mit Kategorien moderner Psychologie nicht zu fassen. Die Menschen, die dies singen, sind nicht suizidgefährdet, sondern leben in der Gewissheit des zukünftigen Lebens, von der die Illusion irdischen Wohlbefindens ein bloßer Schatten ist.

Knuts Nystedts geniale Verarbeitung des bachschen Chorals macht das memento mori endgültig zu verzweifelten, herzzereißenden veni mors. Der Tod, als ewiger innerer Friede, bildet hier die ersehnte Dur-Auflösung nach der schier unerträglichen Leidenszeit des dissonanten Lebens, der Chorsatz gerät zu einem Sinnbild für das Leben, und für die Kunst, die das Hiesige überdauert.

Nicht Trost im Angesicht des Todes zu benötigen, sondern auf den Tod als großen Tröster der Menschenseele zu hoffen: das, glaube ich, ist wahre Seligkeit.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s