Klatsch und Bratsch goes ask.fm

Nach langer Zeit bin ich meinem ersten sozialen Netzwerk beigetreten. Nicht eigentlich aus sozialen Gründen, sondern weil mich diese Internetseite fasziniert wie lange keine mehr. Von nun an bin ich Mitglied bei ask.fm.

Ask ist eines der am schnellsten wachsenden sozialen Netzwerke der Welt, hat schon 180 Millionen Nutzer und verzeichnet angeblich 200.000 Neuanmeldungen pro Tag. Jede dieser Nutzerinnen hat eine Seite, auf der andere Menschen (vor allem auch Nichtangemeldete) ihr Fragen stellen können. Diese Fragen können anonym gestellt werden, aber sie werden erst veröffentlicht, wenn sie beantwortet sind, was dem Gefragten ganz freisteht. So entsteht ein langer Fragebogen auf der Seite jedes Benutzers. Außerdem kann man mit einem Account anderen Nutzern folgen und so ihre Antworten stets aktuell lesen und liken. Das ist alles, mehr gibt es nicht.

Nahzu alle Nutzer von Ask sind jünger als 25, die meisten jünger als 20. Wer sich als unbedarfte Beobachterin in den Tiefen der ask-Welt verliert, der findet sich wie in ein bizarres Q&A-Festival versetzt, eine Mischung aus Poesiealbum, Kummerkasten, Freundebuch und Wahrheit-oder-Pflicht-Abend im Zeltlager. Die meisten Fragen und Antworten drehen sich um die großen Themen des Teenagerdaseins: Liebe und Freundschaft, Streit und Veröhnung, Lästerei und die permanente Vergewisserungmanie des verunsicherten pubertären Selbst. Es wird oft, nicht immer, sehr schnell redundant und langweilig.

Was ist dann das Faszinierende an dieser Seite? Ask.fm setzt die technische Struktur des Internets so direkt auf die Benutzerebene um wie keine andere mir bekannte Plattform. Der Nutzer ist ein Server, der im wahrsten Sinne des Wortes die Anfragen bearbeitet, die von fremder Seite auf ihn einprasseln. Das Protokoll des Servers ist http, das der Nutzer die menschliche Sprache, das ist der einzige Unterschied.

Während Facebook für die Illusion eines heterarchischen Netzwerks der Gleichen stand, ist die Benutzerin bei Ask Zentrum ihres eigenen kleinen Universums. Sie entscheidet, welche Fragen sie bearbeitet, welche nicht, was stehen bleibt, was gelöscht wird, was erlaubt ist und was nicht. Die Frager sind anonym.

Selbst von einem Netzwerk zu sprechen ist im Grunde nur Ausdruck sprachlicher Hilflosigkeit. Bei ask.fm ist das ganze Gefüge der Kommunikation in Asymmetrie gebracht worden: Erstens gibt es keine Perspektive, aus der sich die verschiedenen Fäden als Netz sichtbar würden; es gibt nur die Innensicht des Nutzers und seiner Antworten auf (größtenteils anonyme) Fragen. Zweitens gibt es, um in der Metaphernsprache zu bleiben, gar keine Fäden mehr, die von A nach B und von B nach A verlaufen. Es stehen sich nicht gleichberechtigte Kommunikationspartner auf Augenhöhe gegenüber, sondern viele Menschen im Raum kommunizieren vor sich hin.

Facebook verlieh dem Einzelnen Bedeutung, weil er ihn auf eine Stufe mit den anderen hob, ask verleiht ihm Bedeutung, weil es ihn den anderen entzieht und zum Zentrum der eigenen Welt macht. Facebook (und ebenso Twitter) ist azentrisch, man wird nie einen Mittelpunkt finden, weil die Verweise und Links immer hinauszeigen. Ask ist Hyperzentrisch, weil jede einzelne Seite so aussieht, als sei sie der Mittelpunkt aller Kommunikationen.

Mich fasziniert Ask, weil es den Sprechakt unserer Zeit so exakt einfängt. Das Sprechen (besser sollte man sagen: Schreiben) auf Ask dient nur selten dem Übertragen von Informationen von einem A zu einem definierten B. Schreiben auf Ask ist die Zelebrierung des Ichs, keine Kom-munikation sondern einfach Reden um des Redens willen. „Unterhaltet mich“, ist wahrscheinlich die am häufigsten benutzte Floskel, mit der zum Fragen auf Ask aufgefordert wird, und damit ist eigentlich alles gesagt. Ich werde unterhalten, und ich unterhalte. Das wir gibt es nicht mehr.

Deshalb sind die besten Momente auf Ask die, in denen gekonnt aneinander vorbei gesprochen wird, so ähnlich wie in Moritz von Uslars Interviews, wo die Fragen ebenfalls nicht dem Gewinnen von Informationen dienen, sondern der Aufrechterhaltung des Redens, dem Herbeirufen von Wahrhaftigkeit oder kurz, der Unterhaltung

Ist das beklagens- oder verurteilenswert? Nein. Die Millionen von Jugendlichen, die sich auf Ask tummeln, leiden nicht unter degeneriertem Kommunikationsverhalten, sie haben sich in der Welt des 21. Jahrhunderts eingerichtet, in der die sprachliche Repräsentation der Dinge sich als Illusion herausgestellt hat. Sprechen kann unter Bedingungen der Moderne nur noch ein Sich-Äußern sein, kein Bezeichnen, es verrät alles über den Sprecher und nichts über den Gegenstand; für diese postmoderne Erfahrung, die sich der Generation Internet so eingebrannt hat wie keiner vor ihr, ist Ask die ideale Plattform.

Das sagt viel über unser Reden aus, nichts über unser Handeln. Es gibt einen unermesslichen Unterschied zwischen Egozentrik im Sprechakt und Egozentrik im Handeln. Über letztere ist gar nichts gesagt, aber erstere deckt Ask so schonungslos auf wie kein anderes Medium.

Also los, lieber Leser: Unterhalte mich! Es ist so einfach. Hier geht’s los: http://www.ask.fm/klabratsch

 

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