Musik zum Sonntag (XXII)

Mach Dich klein,
Wachse in Dich selbst zurück
Verkrieche Dich im Gras,
Und hör den Blumen zu.

Streck Dich zum Fenster,
Schau hinaus,
Sieh die Schatten,
Wunder der Welt.

Vergiss Dein Wissen,
Vergiss was Du kannst,
Lausche dem Klang,
Und nicht dem Sinn der Dinge.

Mach Dich klein.
Noch kleiner.
Siehst Du jetzt?

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Musik zum Sonntag (XXI)

Am 17. Februar 2012, vor fast genau drei Jahren, trat Christian Wulff von seinem Amt als Bundespräsident zurück, und im Medientrubel dieses aufgeregten Tages trat selbstverständlich auch die Bundeskanzlerin Angela Merkel vor die Presse, um ihre Interpretation des Geschehenen in die Welt zu sprechen:

Und? Betroffen?

Man muss Sprache wohl, so wie hier geschehen, in Musik übersetzen, um ihren wahren Gehalt zu enthüllen, und zu sehen: Sie ist leer. Es gibt kein Ich hinter der Sprache, es gibt eigentlich keinen Inhalt, es ist, zeichentheoretisch gesprochen, ein Sprechakt ohne signifiée, und eigentlich auch ohne signifiant, denn dieses Umhersagen ist ja bloße Inszenierung für die Medien, bloße Perpetuierung des Kommunikationsprozesses, pure Repräsentation ohne irgendetwas Repräsentiertes.

Ich habe ja an anderer Stelle schon über dieses Phänomen der sinn-losen Kommunikation geschrieben, aber sehr allgemein. Hier werden, wie mit einem Seziermesser, die Sätze selbst auseinandergebrochen, bis nichts mehr übrig bleibt. Versuchen Sie einmal, einem Wort zuzuhören, das unsere Kanzlerin da sagt, und sich vorzustellen, was es bedeutet. „Respekt“, „tiefes Bedauern“, „wichtige Impulse“ usw., ist es nicht lächerlich? Die Schnatterhaftigkeit der Musik, die immer dann in seltsamen und unverständlichen Pausen abbricht, wenn eigentlich der Höhepunkt einer Phrase erreicht werden sollte, spiegelt dieses Gerede perfekt wider.

Nun ist die Unaufgeregtheit von Angela Merkel ja schon hundertmal beschrieben und beklagt worden. Ich aber glaube, sie ist überhaupt keine besondere Erscheinung, sondern Epitom unserer Zeit, in der es eben keinen Weg mehr zur Welt, zum Signifikat gibt, zur sogenannten Realität. Die „Relevanz“ von Äußerungen wird ja nur noch im Verhältnis zu anderen Äußerungen gemessen, Bilder beziehen sich auf andere Bilder, und Realität dient einzig der Produktion von medial vermittelten Ab-bildern.

Es gibt keine Politik, es gibt nur Bilder von Politik, es gibt kein Inhalte mehr, nur perpetuiertes Referenzieren, und es gibt keine Angela Merkel, nur Bilder von ihr. Wie gut, dass immerhin diese noch – wie im obigen Video – mit den Mitteln der Kunst dekonstruiert werden können.

Musik zum Sonntag (XX)

Der Bach-Motette „Komm, Jesu komm“, finde ich, ist eines der – im wahrsten Sinne des Wortes – bewegendsten Chorwerke, die es gibt. Wie uns Bach schon mit den ersten drei Tönen, der kleinen und darauf der sehnlichen übermäßigen Sekunde in den Sopränen, in einen langen, geradezu körperlich erfahrbaren, nicht verstummenden Hilfeschrei stößt, der minutenlang nach Auf- und Erlösung sucht und diese erst im freudigen, in aller Ausführlichkeit verzierten „komm, komm, ich will mich dir ergeben“ findet, sowie in der schier ewigen Fuge „Du bist der rechte Weg“.

Der zentrale Begriff in der Motette ist für mich „Wahrheit“. Das ist ja nun eigentlich ein schlüpfriges Konzept, denn wann immer man glaubt, Wahrheit gefunden zu haben, wird irgendjemand um die Ecke kommen und widersprechen. Aber die Wahrheit, von der Bach erzählt, ist wohl ganz anderer Natur, außerhalb der Logik, und wenn mitten im Getümmel der verschiedenen Stimmen der Tenor die Wahrheit in die Welt hinausstrahlt, klar und leuchtend, dann ist es mir immer, als werde Wahrheit auf einer von menschlicher Logik weit entfernten Ebene erfahrbar.

Wahrheit, so lehrt uns Bach, ist nicht das Ziel und Ende menschlichen Daseins, Wahrheit ist ein Weg, und auf ihn führt uns nur – die Kunst.

Musik zum Sonntag (XIX)

„Land der Öde, Land der Nebel“ – das ist die Überschrift dieses Satzes aus der 1. Symphonie von Tschaikowsky, und das ist auch Cambridge im sogenannten „Winter“. Da träumt man sich doch gerne in die russische Weite, schwelgt mit den Celli in Sehnsucht, lauscht mit den Flöten den entfernten Vögeln, wiegt sich mit den Bratschen hin und her, reitet mit den Hörnern ins flimmernde Blau der Ferne…