Musik zum Sonntag (XX)

Der Bach-Motette „Komm, Jesu komm“, finde ich, ist eines der – im wahrsten Sinne des Wortes – bewegendsten Chorwerke, die es gibt. Wie uns Bach schon mit den ersten drei Tönen, der kleinen und darauf der sehnlichen übermäßigen Sekunde in den Sopränen, in einen langen, geradezu körperlich erfahrbaren, nicht verstummenden Hilfeschrei stößt, der minutenlang nach Auf- und Erlösung sucht und diese erst im freudigen, in aller Ausführlichkeit verzierten „komm, komm, ich will mich dir ergeben“ findet, sowie in der schier ewigen Fuge „Du bist der rechte Weg“.

Der zentrale Begriff in der Motette ist für mich „Wahrheit“. Das ist ja nun eigentlich ein schlüpfriges Konzept, denn wann immer man glaubt, Wahrheit gefunden zu haben, wird irgendjemand um die Ecke kommen und widersprechen. Aber die Wahrheit, von der Bach erzählt, ist wohl ganz anderer Natur, außerhalb der Logik, und wenn mitten im Getümmel der verschiedenen Stimmen der Tenor die Wahrheit in die Welt hinausstrahlt, klar und leuchtend, dann ist es mir immer, als werde Wahrheit auf einer von menschlicher Logik weit entfernten Ebene erfahrbar.

Wahrheit, so lehrt uns Bach, ist nicht das Ziel und Ende menschlichen Daseins, Wahrheit ist ein Weg, und auf ihn führt uns nur – die Kunst.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s