Musik zum Sonntag (XXIV)

Bach-Interpretationen, 2

Selbstverständlich kann eine Interpretation auch die Form einer Bearbeitung oder Neuinstrumentierung erhalten. Unter all den nachträglichen Aneignungen Bachscher Werke, die ich kenne, finde ich diese Klaviertranskription der Violinsonate BWV 1001 unübertroffen.

Sergio Fiorentino war ein italienischer Pianist, der von 1927 bis 1998 hauptsächlich in Neapel lebte, und erst relativ spät zu Ruhm gelangte. In dieser Bearbeitung schafft er es, wie ich finde meisterhaft, ein Werk zu schaffen, durch das Bach ebenso wie Fiorentino gleichwertig hervorscheinen. Der Bachsche Kosmos, die Strenge der barocken Kontrapunktik bleibt erhalten (im famosen Presto!), ebenso der leichte und transparente Klang der Violine, der Bach vorschwebte. Nichts bei Fiorentino klebt oder baut Schwulst auf, alles schwebt geradezu, gerade so wie bei Bach.

Aber es ist eben keine Mimikry, kein Versteckspiel in alten Formen, und das ist das geniale an seiner Interpretation. Wie er beispielsweise die Fuga im zweiten Teil durch fast durchgehende Sechzehntelketten in ein unablässiges Uhrwerk verwandelt, aus dem das Fugenthema hindurchscheint (zuweilen gar, wo Bach es nicht notiert hat!), oder wie er die Siciliana im Gewand einer chopinschen Berceuse daherkommen lässt, das könnte von reiner barocker Satztechnik kaum weiter entfernt sein, und ist gerade deshalb großartig.

Was diese Interpretation so großartig macht? Fiorentino weiß, dass der Barock vorbei ist. Er weiß aber auch, dass er lebt. Und beides lässt er uns hören.

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