Musik zum Sonntag (XXV)

Bach-Interpretationen, 3

Noch einmal soll es heute um die Violinsonaten und -partiten gehen, nämlich um den wohl bekanntesten Satz hieraus, die Ciaccona aus der zweiten Partita d-moll. Man könnte ganze Bücher über die Interpretationsgeschichte dieses einzigen Werks schreiben, ich möchte aber eine weniger  bekannte Interpretation vorstellen, die ich aus gewissermaßen technischen Gründen für bemerkenswert halte. Sie stammt aus dem Jahr 1953 und es spielt der ungarische Geiger Emil Telmányi.

Der Unterschied zu im Grunde allen anderen Einspielungen dürfte unmittelbar klar werden: Mehrstimmigkeit! Echte Akkorde, fast wie von einem Streichquartett gespielt, drei und vier Töne zur gleichen Zeit!

Der Bogen, der dies ermöglichte, war an prominentester Stelle von Albert Schweitzer vorgestellt worden: Er ist viel weiter gewölbt selbst als herkömmliche Barockbögen, wie sie in der Historischen Aufführungspraxis zum Einsatz kommen, zuweilen bis zu 10 Zentimeter tief. Die Bogenhaare sind lose gespannt, sodass sie sich über die Seiten legen und alle vier zugleich streichen können. Damit aber andererseits Ein- und Zweistimmigkeit nicht an mangelnder Spannung scheitert, hat der Interpret mittels eines Hebels am Bogenfrosch die Möglichkeit, die Bogenspannung zu variieren.

Was soll das alles nun? Albert Schweitzer selbst war noch der Ansicht, Bach habe seine Werke für genau so ein Instrument konzipiert, und im Sinne der historischen Korrektheit müsse die moderne Interpretation zu dieser Bauart zurückkommen. Die „unerfreulichen Geräusche“, die beim Arpeggieren und Brechen der mehrstimmigen Akkorde mit dem geraden Bogen entstanden, waren für ihn eine Abirrung der modernen Spielpraxis, der Rundbogen der eigentliche Bogen für die Bachsche Musik.

Diese These ist von der Musikforschung inzwischen widerlegt worden: Es gab zwar Rundbögen von der Art, wie Telmányi sie benutzt hat, aber lange vor Bach und schon damals nur vereinzelt. Bach selbst hingegen schrieb mit höchster Wahrscheinlichkeit für einen gespannten Bogen, der nur zweistimmiges Spiel ermöglichte.

Unter Bedingungen des modernen Historizitätswahns, in dem das immer genauere Erforschen des Damaligen die Aneignung des Heutigen zu ersetzen scheint, war damit für den Rundbogen kein Platz mehr im Mainstream der Geigeninterpretation. Aber wenn man nur die Werke, ihren aufgeschriebenen Text und ihren Klang berücksichtigt, dann haben Schweitzers Argumente meiner Ansicht nach nichts an Kraft verloren.

Natürlich ist Telmányis Aufnahme oben schrecklich. Dauervibrato und spätromantische Klanggebung entsprechen Hörgewohnheiten des Jahres 2015 kaum noch. Aber dies ist ganz sicher nicht die Schuld des Bogens, man wird aus den 50er Jahren kaum noch Aufnahmen finden, die heutzutage ohne Weiteres als modern durchgehen würden.

Man stelle sich doch nur einmal vor, alle heutigen Geiger spielten mit ähnlicher Kunstfertigkeit auf dem Rundbogen, wie sie bei Telmányi wohl in Ansätzen, aber ganz sicher nicht in Vollendung hörbar wird! Vierstimmige Passagen in prächtigster, reinster Mehrstimmigkeit, und, was mit herkömmlichen Bögen nur begrenzt möglich ist, sogar in dynamischen Schattierungen! Fülle, die aber gleichwohl der Grazilität des bachschen Werkes nichts rauben müsste! Es könnte sich uns ein ganz neues Klanguniversum eröffnen, und es würde dem Meister Bach nur höhere Vollendung, ganz sicherlich keine Gewalt angetan.

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