Musik zum Sonntag (XXVI)

Bach-Interpretationen, 4

Die heutige Interpretation eines Bachschen Werkes, die letzte dieser kleinen Reihe, stammt von dem österreichischen Komponisten Anton Webern (1883-1945). Es handelt sich um eine Bearbeitung des Ricercare a 6 aus dem Musikalischen Opfer.

Diese sechsstimmige Fuge, eine der beeindrucksten Schöpfungen der spätbarocken Kontrapunktik, war ursprünglich für ein Tasteninstrument, also Cembalo, komponiert worden. Selbstverständlich gibt es auch Einspielungen dieses Werkes von Cembalisten. Es ist aber unüberhörbar, dass der motivische und kontrapunktische Reichtum dieses sechsstimmigen Stückes auf keinem Tasteninstrument zu voller Geltung kommen können.

Webern nun, seinerseits der vielleicht größte Meister musikalischer Gestik, der je existiert hat, ein Komponist, der es in seinen eigenen, minimalistischen Werken zur Vollendung eines Stils gebracht hat, der den gesamten Ausdrucksgehalt der (romantischen) musikalischen Phrase in wenigen Tönen zur Entfaltung bringen konnte, verwandelt diese Fuge in ein großes musikalisches Gemälde.

Seine Instrumentationstechnik ist analytisch in mehrfachem Sinne: Er zerlegt die Motive und Phrasen in kleinste Teile, lässt einzelne Instrumente manchmal nur einzelne Töne spielen und legt so die Nuklearbestandteile der Bachschen Thematik offen. Doch es ist nicht destruktiv: denn unter Weberns Händen setzen sich die Einzelteile Bachs zu etwas Neuem zusammen. Webern stiftet neuen Sinn inmitten der Bachschen Tonwelt (denn Töne lässt er an ihrem Platz, hinzugefügt ist überhaupt nichts).

Seine Fuge ist ein großes Spiel motivischer Gestik, ein Mit- und Nebeneinander der Kommunikation, ein wenig vielleicht wie auf einem Gemälde von Oskar Schlemmer, auf dem die Menschen irgendwie kommunizieren, miteinander agieren, aber dennoch distanziert bleiben, in sich selbst, ohne Weg nach außen.

Nehmen Sie doch Teil, wenn Sie zuhören, lieber Leser, und sehen Sie den Figuren dabei zu, wie sie sich einander zu- und wieder voneinander abwenden, wie sie zu sprechen versuchen und wieder abbrechen, wie sie aufeinander zeigen, einander ansehen, und am Ende doch alleine und einsam bleiben. Und hören Sie, wie sich aus alldem Nebeneinanderher eine größere, geradezu streng geometrische Ordnung ergibt, wie sich das (Nicht-)Kommunizieren der Einzelnen in den Zusammenhang des Ganzen fügt.

Welch große Kunst. Herzlichen Glückwunsch zum 330. Geburtstag, Herr Bach.

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Ein Gedanke zu “Musik zum Sonntag (XXVI)

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