Musik zum Sonntag (XXXI)

Geplant hatte ich, an diesem Sonntag das neue Album „Supermoon“ von Sophie Hunger zu besprechen, das am Freitag erschienen ist. Da sich aber die Auslieferung hier in Großbritannien noch ein wenig verzögert, mache ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, schon einmal ein wenig neugierig auf diese Künstlerin, und oute mich als begeisterten Fan.

Sophie Hunger ist Sängerin, Komponistin, Schweizerin, Weltbürgerin, Pianistin, Gitarristin, Multitalent. Sie macht Mitdenk-Musik  irgendwo im bedauernswert vernachlässigten Niemandsland zwischen Pop und Jazz. Sie schreibt wunderbar verrätselte und poetische Texte auf Englisch, Deutsch und Schwyzerdütsch. Und sie ist eine Interview-Virtuosin, die mit subsersiven Antworten atemlose Stille, neckisches Kichern und verwirrte Mienen zugleich zu schaffen vermag.

Aber vor allem: Die Musik. Als ich neulich eine längere Zeit etwas Langweiliges zu tun hatte, habe ich versucht, die folgende Liveaufnahme ihrer Band vom Berliner Greenville-Festival 2013 nebenbei anzuhören. Es hat nicht funktioniert, weil mich die Aura, oder sollte ich sagen, der Zauber dieser so sperrigen Musik derart in Bann zog, dass ich nicht anders konnte, als dazusitzen und zuzuhören. Versuchen Sie es selbst, lieber Leser, und lassen Sie sich einfangen. (Meine persönlichen Highlights sind „Das Neue“ mit der Live-Klavierimprovisation und „1983“, ab 24:15 im Video. Letzteres Lied wartet ab 32:18 mit einer der kompliziertesten Mitgrölzeilen auf, die ich je gehört habe…)

P.S.: Wenn ich Sie jetzt schon zu einem Fan von Sophie Hunger bekehrt habe (und auch vermutlich nur dann), werden Sie wohl auch Gefallen an dieser sechs Jahre alten Dokumentation über die Künstlerin finden, die ich für sehr gelungen halte.

Auf ans Licht

Hier in Cambridge hat das berüchtigte Ostertrimester hat begonnen; die Prüfungen stehen bevor und gewissermaßen antizyklisch zum vernünftigen Rest der Welt, der auf die Parks und auf die Wiesen flieht, strömen wir in die Studierzimmer und Bibliotheken, der geistigen statt der visuellen Erleuchtung entgegen.

Heute strömte also auch ich in unsere Unibibliothek, als plötzlich ein Alarm losging und mir ein Gegenstrom desorientierter, verwirrt ins Licht blinzelnder Akademiker das Fortkommen verhinderte. Die Bibliothekare, die normalerweise große Autorität durch die mächtigen Tresen erhalten, hinter denen sie sitzen und von denen sie Respekt heischend herabsehen, hatten nun neongelbe Warnwesten übergestreift und lenkten uns wie kleine Aushilfspolizisten ins Freie, was wirklich albern aussah und ihrer Autorität ein wenig Abbruch tat.

Es gab aber auch kein Entwischen, und so sammelte sich Augenblicke später eine Menge teils aufgeregt schnatternder, teils ungerührt weiter in ihre Bücher hineingrübelnder Studenten auf dem Vorplatz. Ich setzte mich auf eine kleine Wiese an einen Baum und beobachtete das Treiben.

Ein paar der Mitarbeiter hatten sich vor dem Eingang mit einem kleinen Erste-Hilfe-Köfferchen aufgebaut und schauten wichtig in die Runde. Offenbar warteten sie auf keuchende, der Lungenvergiftung nahe Kundschaft, die sich mit letzter Kraft aus dem qualmenden, dem Einsturz nahen Gebäude ihnen entgegenschleppen würde; leider war nur überhaupt kein Feuer ausgebrochen und somit auch kein der Ersten Hilfe Bedürftiger zu erwarten. Im Gegenteil: In der warmen Aprilsonne, unter dem strahlend blauen Himmel boten die Menschen einen so gesunden und lebendigen Anblick, dass man sich fragte, warum der Erste-Hilfe-Stand nicht permanent in der Stickigkeit des Lesesaals aufgebaut war.

In der Tat, dachte ich so bei mir, müssen wir wohl dieses Vorkommnis als eine Nachricht interpretieren: Die Bibliothek hatte uns gewarnt. Nun, da sie alle Nutzer wie aus der Tiefe ihres Magens hinaus ins Freie gekotzt hatte, war sie, dort drinnen, mit sich allein. Die Millionen von Büchern konnten nun unter sich sein. Das Wissen der Welt hatte sich der lebendigen Menschen endlich entledigt, die es tagtäglich den Büchern entrissen, mit ihren Nachfragen und Konsultationen belästigten und die alte enzyklopädische Ordnung permanent durcheinander brachten. Es musste friedliche, endgültige Ruhe dort drinnen herrschen, die Ruhe der Ewigkeit. Ich konnte diese altehrwürdige Bibliothek mit einem Mal sehr gut verstehen.

Doch dann sah ich wieder nach draußen, sah diejenigen vor mir, die für all das verantwortlich waren, und musste lachen. Diese wichtigen Leute, die eben noch über ihren schicken Computern, schweren Büchern und komplizierten Notizen gebrütet hatten, hockten nun auf den Stufen zwischen Fahrradständern und Müllcontainern, lagen im Gras der angrenzenden Grünstreifen oder wanderten zwischen den Parkplätzen umher. Es herrschte eine Stimmung, als sei eine Gruppe Bildungsreisender auf dem Weg zu den griechischen Ruinen in Mallorca gestrandet und versuche nun, sich zurecht zu finden, indem sie unbeholfen die Selbstverständlichkeiten der Sonnenbader und Taugenichtse nachahmte.

Und es fiel mir Goethe ein, als säße er neben mir, zeigte hinunter und spräche:

Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

Doch dann war der Spuk auch schon vorbei, das hohle, finstere Tor wurde endlich wieder geöffnet, die Mitarbeiter nahmen ihre Warnwesten ab und wir drängelten uns hastig in Richtung Lesesaal zurück. Die Arbeit konnte schließlich nicht warten.

#Afrika

Interessant an diesem Afrika-Diskurs ist ja, dass er nur in ganz bestimmten Zusammenhängen funktioniert. Sagt jemand: „Ich mache bald Urlaub in Afrika“, dann ist das viel zu ungenau; „Ja, wo denn genau?“, will man sofort nachfragen. Sagt hingegen jemand: „Ich bin als Flüchtling aus Afrika gekommen“, dann geht es so durch.

Wir wissen ja schon, was gemeint ist.