Auf ans Licht

Hier in Cambridge hat das berüchtigte Ostertrimester hat begonnen; die Prüfungen stehen bevor und gewissermaßen antizyklisch zum vernünftigen Rest der Welt, der auf die Parks und auf die Wiesen flieht, strömen wir in die Studierzimmer und Bibliotheken, der geistigen statt der visuellen Erleuchtung entgegen.

Heute strömte also auch ich in unsere Unibibliothek, als plötzlich ein Alarm losging und mir ein Gegenstrom desorientierter, verwirrt ins Licht blinzelnder Akademiker das Fortkommen verhinderte. Die Bibliothekare, die normalerweise große Autorität durch die mächtigen Tresen erhalten, hinter denen sie sitzen und von denen sie Respekt heischend herabsehen, hatten nun neongelbe Warnwesten übergestreift und lenkten uns wie kleine Aushilfspolizisten ins Freie, was wirklich albern aussah und ihrer Autorität ein wenig Abbruch tat.

Es gab aber auch kein Entwischen, und so sammelte sich Augenblicke später eine Menge teils aufgeregt schnatternder, teils ungerührt weiter in ihre Bücher hineingrübelnder Studenten auf dem Vorplatz. Ich setzte mich auf eine kleine Wiese an einen Baum und beobachtete das Treiben.

Ein paar der Mitarbeiter hatten sich vor dem Eingang mit einem kleinen Erste-Hilfe-Köfferchen aufgebaut und schauten wichtig in die Runde. Offenbar warteten sie auf keuchende, der Lungenvergiftung nahe Kundschaft, die sich mit letzter Kraft aus dem qualmenden, dem Einsturz nahen Gebäude ihnen entgegenschleppen würde; leider war nur überhaupt kein Feuer ausgebrochen und somit auch kein der Ersten Hilfe Bedürftiger zu erwarten. Im Gegenteil: In der warmen Aprilsonne, unter dem strahlend blauen Himmel boten die Menschen einen so gesunden und lebendigen Anblick, dass man sich fragte, warum der Erste-Hilfe-Stand nicht permanent in der Stickigkeit des Lesesaals aufgebaut war.

In der Tat, dachte ich so bei mir, müssen wir wohl dieses Vorkommnis als eine Nachricht interpretieren: Die Bibliothek hatte uns gewarnt. Nun, da sie alle Nutzer wie aus der Tiefe ihres Magens hinaus ins Freie gekotzt hatte, war sie, dort drinnen, mit sich allein. Die Millionen von Büchern konnten nun unter sich sein. Das Wissen der Welt hatte sich der lebendigen Menschen endlich entledigt, die es tagtäglich den Büchern entrissen, mit ihren Nachfragen und Konsultationen belästigten und die alte enzyklopädische Ordnung permanent durcheinander brachten. Es musste friedliche, endgültige Ruhe dort drinnen herrschen, die Ruhe der Ewigkeit. Ich konnte diese altehrwürdige Bibliothek mit einem Mal sehr gut verstehen.

Doch dann sah ich wieder nach draußen, sah diejenigen vor mir, die für all das verantwortlich waren, und musste lachen. Diese wichtigen Leute, die eben noch über ihren schicken Computern, schweren Büchern und komplizierten Notizen gebrütet hatten, hockten nun auf den Stufen zwischen Fahrradständern und Müllcontainern, lagen im Gras der angrenzenden Grünstreifen oder wanderten zwischen den Parkplätzen umher. Es herrschte eine Stimmung, als sei eine Gruppe Bildungsreisender auf dem Weg zu den griechischen Ruinen in Mallorca gestrandet und versuche nun, sich zurecht zu finden, indem sie unbeholfen die Selbstverständlichkeiten der Sonnenbader und Taugenichtse nachahmte.

Und es fiel mir Goethe ein, als säße er neben mir, zeigte hinunter und spräche:

Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

Doch dann war der Spuk auch schon vorbei, das hohle, finstere Tor wurde endlich wieder geöffnet, die Mitarbeiter nahmen ihre Warnwesten ab und wir drängelten uns hastig in Richtung Lesesaal zurück. Die Arbeit konnte schließlich nicht warten.

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