Musik zum Sonntag (XXXV)

Zum heutigen Sonntag ein Lied, das sich bei mir als erstaunlich beharrlicher Dauerohrwurm eingepflanzt hat und entsprechend in Dauerschleife zur Zeit meinen Alltag begleitet. Meiner bescheidenen Meinung nach einer der schönsten und schwärmerischsten Metal-Songs der Welt, sehr wert ganz gehört zu werden.

(Sollte das Video in Deutschland nicht abrufbar sein, findet man hier eine Liveversion.)

Musik zum Sonntag (XXXIV)

„Das Charakteristische des Klavieranschlages ist bei hoch gehobenem Finger der elastische Schlag auf die Taste, dagegen beim Orgelspiele bei minder hochgehaltenem Finger der elastische Druck desselben auf die Taste, der aber, obwohl weich, doch rasch und mit Bestimmtheit erfolgen muss. Alles Stossen, Schlagen und Poltern ist beim Orgelspiele zu meiden.

Beim Verlassen der Taste soll der Spieler die Finger bestimmt und zu rechter Zeit abheben, aber nicht hastig in die Höhe schnellen; er soll vielmehr, wenigstens beim ruhigen, langsamen Spiele, die Tasten solange unter den Fingern fühlen, bis erstere ihren Höhepunkt wieder erreicht haben.“

Als Hommage an Gustav Adolf Merkel, der mich mit diesem Zitat aus seiner Orgelschule in die Erotik des Orgelspiels eingeführt hat, hier seine Choralbearbeitung von „Wer nur den lieben Gott lässt walten“.  Sicherlich kein geniales Meisterwerk romantischer Kompositionskunst, aber schön anzuhören, wie sich der Organist (mit Hilfe von zwei! Registranten) Variation um Variation dem Höhepunkt entgegentastet und -strampelt. Viel Spaß beim Schauen:

Musik zum Sonntag (XXXIII)

Zum (deutschen) Muttertag (über die erstaunliche internationale Vielfalt dieses Gedenktages kann man sich hier informieren) eine kleine Studie über Mütter und Töchter, und darüber, wie nah innigste Liebe, tiefer Hass und subtile Gewalt beieinander liegen. Eine der interessantesten Szenen der Zauberflöte, gesungen von Dorothea Röschmann und den pueri ex machina vom zweitbesten Knabenchor der Welt.

Musik zum Sonntag (XXXII)

Also, nun der Mond. Für ihr neues, viertes Album, hat Sophie Hunger einen Raumfahreranzug angezogen und ist hinaus in den Weltraum geflogen. Sie ist dort oben gelandet, ist aus ihrer Kapsel geklettert und ist in die unendliche Freiheit des luftleeren Raumes hinausgestiegen. Von dort hat sie sich umgesehen und auf diese kleine Welt zurückgesehen.

Supermoon, der Titelsong, ist eine Hymne des Mondes an die Erde. Er erinnert uns daran, dass er nicht das ferne, fremde Wesen ist, als das er uns oft erscheint, sondern dass er ein Teil von uns ist, „empty but never alone“. Was soll also, fragt uns Hunger von dort oben, die Träumerei, das Anhimmeln, wenn wir doch beim Hinaus- und Hineinsehen immer nur uns selber ansehen.

Der wissenschaftliche Blick auf die Dinge ist ein tragendes Motiv des Albums. „Ich erhoffe mir natürlich,“ hat Sophie Hunger neulich in einem hörenswerten Interview gesagt, „dass man dann eben das Rätsel löst über die Informatik. Also dass selbst diese Kleinheiten, oder das, was man so gerne ‚Gefühle‘ nennt, dass man das irgendwann zurückführen kann auf neurologische Prozesse oder biologische Prozesse.“ Aus diesem Zitat spricht schon die ganze Inbrunst, mit der zum Beispiel in Love Is Not The Answer gegen kitschige Gefühlsduselei angesungen wird.

Das transhumanistische Ideal der völligen Entkernung des Menschen, der Verschmelzung mit der Maschine ist eine der großen Hintergrundfolien dieser Musik. The Age of Lavender handelt vom menschlichen Körper, dessen Verletzlichkeit medizinisch untersucht wird, und in Du bist die ganze Welt heißt es: „Ich bin so aufgeklärt / Ich zähl die Stunden, ich zähle die Sekunden / Ich bin ein Messgerät.“ Auch die Musik wirkt hier zuweilen technisch und distanziert, als mäße man mit ihr nur die Zeit.

Doch da ist mehr. „Supermoon“ ist eben nicht nur ein astronomisch berechenbares Phänomen, sondern auch ein Anklang an den „Superman“, der sich, wie in Superman Woman, als „physical contradiction“ den Kräften der Physik entgegenstellt. Dort, wo man die Enden der Welt, die Enden der Allerklärbarkeit erfährt, so wie die erschöpfte Queen Drifter nach tausenden Kilometern sinn- und zielloser Reise, da braucht es keine Erklärung und keine Gründe mehr, es bleibt nur das Bewusstsein des Selbst, das alleine ist und bleibt, nur im Hier und im Jetzt.

Am Ende (der erweiterten Edition des Albums) zoomt Sophie Hunger wieder in die Weite des Universums heraus. Die Spezies Mensch in Person des Lyrischen Ichs endet nach tausenden von Jahren hier und jetzt, an diesem Abend, alleine am Tresen irgendeiner Bar. Alles ist vorüber, nichts hat mehr Bedeutung („hat irgendjemand jemals was verdient?“, fragt sie sich), und es gibt nur noch das Weltall, das uns alle umfängt.

Man ist beim Hören oft an Friedrich Nietzsches berühmtes Incipit von Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne erinnert:

„In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der »Weltgeschichte«: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mussten sterben.“

Vom Mond aus, wo die Größe und Kleinheit dieser menschlichen Welt zugleich in Betracht gerät, kann es gar keine Bedeutung menschlichen Handelns und Leidens mehr geben, Individualität wird zur großen Illusion einer kleinen, unbedeutenden Spezies. Was immer wir tun, selbst Kinder zu haben, oder auf der Autobahn totgefahren zu werden, „am Radio läuft nichts“, die Probleme unseres Lebens interessieren nicht, und es ist „nur der Untergang in Sicht“.

In Weltmeister (ebenfalls nur in der erweiterten Version zu hören) heißt es „Sieben Milliarden Weltmeister / Stehen alleine an der Bar / Und bestellen sieben Milliarden Mal / Einen Kir Royal Spezial / Mit Schnaps, der exklusiv für sie / Nur jetzt in diesem Moment / 7 Milliarden Mal verbrennt.“ Wir sind alle Weltmeister unserer kleinen, eingegrenzten Welt, wir sind alle individuell und es deshalb gerade nicht, und „alles, alles, alles ist zu spät“.

Gibt es gar keinen Sinn mehr in dieser wissenschaftlich durchschauten, in der Individualität der Masse versinkenden Welt, wenn selbst die Liebe scheitert (wie im Chanson d’Hélène)? Doch, Sophie Hunger hat Sinn gefunden.

Bemerkenswert viele Lieder handeln vom Sterben. Das weitaus persönlichste, anrührendste Lied Heicho auf Schwyzerdütsch besingt die Heimat als letzte Ruhestätte. Wo immer sie das Leben auch hin verschlägt, verspricht die Sängerin ihrer Mutter, zum Sterben kommt sie sicher heim.

Die optimistische Verknüpfung des Todes, der letzten Ruhe, mit dem Heimweh, der Sehnsucht nach der Ruhe des Zuhauses, ist auch im beeindruckenden Epilog Universum präsent. Das Lyrische Ich, mit dem Schierlingsbecher („Brom im Wasserglas“) bereits in der Hand, besingt ein letztes Mal die ewige Ruhe, den Gleichmut und die Geborgenheit des Alls: „Ich heb mein Glas und salutier dir, Universum. Dir ist ganz egal, ob und wer ich bin. Du bist ungerecht und deshalb voller Hoffnung. Ich lass mich fallen und warte auf den Wind.“

Supermoon ist beim Label Two Gentlemen erschienen. Weitere Informationen auch hier.