Musik zum Sonntag (XL)

Zum zweiten Mal seit meiner Eloge auf Sophie Hunger oute ich mich in dieser Woche als Fan und werfe alle kulturkritische Distanz über den Bord, der den Klatsch und Bratsch dieser Seite vom Rest der Welt trennt, auf dass sie sich dort einniste und gedeihe. Heute feiere ich Anton Webern.

Webern, so viel Googelei nehme ich Ihnen ab, liebe Leser, stammte aus österreichischem Adel (geboren wurde er 1883 als von Webern) und studierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Wien Musikwissenschaft. Als einer der ersten Schüler Arnold Schönbergs gehörte er von Beginn an zur Neuen Wiener Schule; an seinem Werk lässt sich die musikalische Entwicklung jener Zeit von spätromantischer Harmonik über freie Atonalität zur Zwölftontechnik geradezu beispielhaft verfolgen. Im September 1945 starb er den vielleicht tragischsten Tod der Musikgeschichte, als er während einer Razzia von einem amerikanischen Soldaten versehentlich erschossen wurde.

Was ist nun so großartig an seiner Musik? Zur Erläuterung seien seine 6 Bagatellen für Streichquartett op. 9 aus dem Jahr 1913 vorgestellt, chronologisch gesprochen ein Frühwerk, musikalisch aber aus der vollen Blütezeit von Weberns kompositorischem Schaffen.

Wenn Sie nur flüchtig hingehört haben, liebe Leser, dann haben Sie vielleicht gar nichts mitbekommen. Ein überraschtes „Huch, schon vorbei?“ ist wohl die Reaktion eines jeden, der zum ersten Mal Webern hört. Doch geben Sie ihm eine zweite, dritte und vierte Chance, es wird sich lohnen. Denn das Faszinierende an dieser Musik ist, dass sie sich bei jedem einzelnen Hören neu erschließt und reicher wird.

Webern ist der lyrischste Komponist, den ich kenne, seine Werke sind keine Geschichten, sondern Gedichte. Lyrik ist ja auch Hingabe an die Sprache: Im Gegensatz zur Prosa, die nur als ein Mittel über sie verfügt, stellt die Lyrik die Sprache infrage, sie zieht jedes einzelne Wort in Zweifel und verleiht ihm Wichtigkeit. Ebenso ist bei Webern nichts zufällig oder instrumentell, alles ist Bedeutung, alles hängt mit allem zusammen und in jeder Phrase, jedem Crescendo und jedem noch so winzigen Zupfer steckt Inhalt. Ein Blick in seine Notentexte gleicht optisch schon einem Gedicht, oder vielleicht exakt durchkomponierter abstrakter Malerei, so detailreich und präzise sind die Vortragsbezeichnungen in den Notentext gewebt.

Und dennoch ist Weberns Musik nie technisch oder abstrakt, sie ist auch überhaupt nicht starr. Aus der rhythmischen, dynamischen und artikulatorischen Genauigkeit ergibt sich erst Bewegung. In einem früheren Beitrag habe ich Webern schon als „vielleicht größten Meister musikalischer Gestik, der je existiert hat“, bezeichnet; und diese Gestik lässt sich auch in den Bagatellen op. 9 hören. Die vier Musiker richten sich auf und übergeben einander Zeichen, sie sinken in sich zusammen, sie schlagen auf den Tisch oder gehen aus dem Raum. Sie stellen einander Fragen und beantoworten sie, und das alles innerhalb weniger Töne.

Die imaginative Kraft, die diese Ministücke von manchmal kaum 30 Sekunden Dauer entfalten können, wenn man sich ganz auf sie einlässt, ist enorm. Ich finde, allein in den 6 Bagatellen steckt das ganze große Spektrum menschlicher Empfindungen: Innigkeit, Zorn, Nervosität, Trauer, Ratlosigkeit, Melancholie, Glückseligkeit. Wofür Wagner noch Festspielhäuser bauen und Menschenmassen beschäftigen musste, das kann man mit Webern in 4 Minuten Aufführungsdauer erleben.

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Musik zum Sonntag (XXXIX)

– Sie … singen?
– Ja.
– Interessant, wie machen Sie das?
– Nun, es ist so einfach wie Fliegen. Man macht einen Schritt, dann einen zweiten, und bald hebt man ab, breitet die Flügel aus und gleitet in die Höhe.
– Interessant! Und das funktioniert nur mit der Stimme?
– Ja.
– Aber wird man nicht sehr einsam dabei?
– Nein. Ich fliege. In mir.

 

Fighting Levelling since 1209

„Cambridge and Oxford enjoy a prestige which is not shared by any other universities and approached perhaps only by Harvard, Yale, and Princeton. This is due partly to their antiquity, but that attribute is shared by a great many universities from Uppsala to Coimbra; it is not due to their standard of learning, which is higher in many other universities. It is due very largely to their expensiveness, for despite scholarships and state-aid, Cambridge and Oxford still remain the home of privilege, where the man of moderate means has endless advantages over the man with no private means at all. […] The two universities do not live only on the fact of  privilege, nor do they exist only for those who are privileged by birth or income. But they do exist very largely on and for those, and are among the few places now left in a world of Levelling, where inequality is given proper recognition.“

– John Steegmann, Cambridge: As it was and as it is to-day, 1940

Musik zum Sonntag (XXXVII)

Wie fühlt sich das an: Krieg? Man kann es sich ja nicht einfach so vorstellen, wie man es sich vorstellt, ein Fußballspiel anzuschauen, oder eine Wanderung am Fluss zu machen; der Krieg ist nun einmal das Gegenteil des „einfach so“. Generationen sind an der Unfähigkeit zerbrochen, über die Kluft der Kriegserfahrung hinwegzukommen, weil sie die Teilnehmer an die Grenze des Erzählbaren, ja an die Grenze der Sprache  führte. Wenn es aber kein Sprechen als Vermittler gibt, wie soll man dann verstehen?

In der Aufnahme, die ich diese Woche schon zum Beginn des Wochenendes vorstelle, habe ich so tief in die Kriegserfahrung hineingeblickt wie vielleicht noch nie in meinem Leben. Das Lesen über Krieg, oder das Anschauen von Filmen, ja sogar das Lesen von Romanen ist ja immer doch vermitteltes Erfahren, man sitzt da und lässt sich etwas erzählen, dann steht man auf und nimmt noch einen Schluck Wasser und isst einen Joghurt. Aber Musik ist unvermittelt, sie hat ja gewissermaßen kein beruhigendes Äußeres, keine Oberfläche und keine Materialität, sie existiert nur im Kopf und da wirkt sie.

Diese Aufnahme von Ludwig van Beethovens Coriolan-Ouvertüre entstand im Juni 1943 in Berlin. Deutschland war in der letzten Phase des Krieges angelangt, Stalingrad war verloren worden, Millionen bereits tot, Goebbels hatte den „totalen Krieg“ ausgerufen und unter den fortgesetzten und immer heftigeren Luftangriffen konnte niemand mehr seines Lebens sicher sein. Doch die Berliner Philharmoniker gaben unter der Leitung ihres Chefdirigenten Wilhelm Furtwängler weiterhin Konzerte, unter anderem jenes Ende Juni 1943, das sich der Nachwelt in einem Mitschnitt erhalten hat.

Ich habe die Coriolan-Ouvertüre selber gespielt und in einigen Aufnahmen gehört, von denen ich fast immer begeistert war, weil ich das Werk so großartig finde. Doch als ich diese Furtwängler-Interpretation zum ersten Mal hörte, erschrak ich förmlich; es war mir sofort, als sähe ich – klar wie nie zuvor – in einen Tunnel der Zeit zurück, der direkt ins Berlin des Jahres 1943 führte.

Coriolan, der Held, den Beethoven mit dieser Ouvertüre porträtierte, war ein Patrizier in der Frühzeit der römischen Republik, der sich der Sage nach aus Erbitterung über die eigene politische Erfolglosigkeit mit dem verfeindeten Stamm der Volsker zusammentat und mit ihnen gen Rom zog. Als  aber einige römischen Frauen unter Anführung seiner eigenen Frau und seiner Mutter ihm flehend entgegenzogen, ließ er sich bewegen, vom Angriff abzusehen. Das wiederum erzürnte seine neuen Verbündeten, und sie ermordeten ihn.

Die Zerrissenheit dieses Feldherren, der zwischen zur Schau gestellter Tapferkeit und menschlicher Bewegtheit in die Tiefe unvermeidlichen Schicksals hinabgezogen wird, übersetzt Furtwängler hier in eine große Seelenbeschreibung des vom Krieg verwüsteten Individuums. Sein Coriolan ist nicht diabolisch oder unentschlossen, wie in vielen – wunderbaren – Interpretationen dieses Werkes. Er ist getrieben. Nichts ist berechnet in dieser Musik, alles stürzt vornüber ins nächste Crescendo, ins nächste Accelerando, in den nächsten Ausbruch.

Die endlosen Achtelketten in den Celli und Bratschen im Mittelteil haben bei Furtwängler nichts tänzerisches, nichts verschmitztes mehr, alles Hintersinnige ist offengelegt; stattdessen hört man ein einsames Individuum, dem der Boden unter den Füßen schwindet, das ohne Sicherheit einer schwankenden Welt ausgesetzt ist. Die Coda, das verzweifelte Flehen der Frauen, die sich dem Feldherren entgegenwerfen, ist aus diesem Wahnsinn heraus so süß, so außerweltlich und so irreal wie sich nur ein vom Krieg Gepeinigter den Frieden vorstellen kann. Doch es soll nicht sein, die Wellen schlagen über Coriolan (und uns) zusammen, und was bleibt, ist der ersterbende Klagegesang des verlorenen Individuums, ein mitreißendes Verschwinden ins sinnlose Nichts der Geschichte.

Wem all meine historische Kontextualisiererei zu weit geht, der höre einmal diese Aufnahme des gleichen Dirigenten  mit den Wiener Philharmonikern aus dem Jahr 1947 an. Was 1943 ungestüm und mitreißend war, ist hier bedacht und geglättet; was zitterte, schwingt; was drängte, hat hier klassische Formung. Dieser Eindruck vermittelt sich sicherlich nicht nur dem voreingenommenen Hörer.

Und wen das nicht überzeugt: Der Musikpapst der Süddeutschen Zeitung, Joachim Kaiser, hat in diesem Videobeitrag gesagt, er falle beim Anhören der Furtwängleraufnahmen aus Kriegszeiten „vor Bewunderung und Erschrecken um“.

Es tobt nun glücklicherweise kein Krieg, und umfallen sollen Sie auch nicht, liebe Leser, aber der Coriolan ist trotzdem ein ungeheuerliches Stück, das sich eigentlich nur live gespielt wirklich vermittelt, so unmittelbar bricht ihm die Tragödie aus allen Poren. Da ich vor einem internetlosen Wanderwochenende diese Kolumne nun ohnehin nach vorne verschoben habe, sei so viel Werbung erlaubt: Wer es hören möchte und im Großraum Wunstorf wohnt, der besuche an diesem Sonntag das geliebte Wunstorfer Musikschulorchester in seinem außerordentlichen Frühjahrskonzert. Es wird sich sicher lohnen.

Cambridges Zeremonien

Verehrte Leser, heute Mittag ward mir die Ehre zuteil, an einem besonderen, nur einmal jährlich sich zutragenden Ereignis teilzunehmen, dem an der Universität Cambridge allerhöchste Bedeutung beigemessen wird. Mit folgendem Bildmaterial gebe ich Ihnen gerne einen kleinen Einblick: http://www.corpus.cam.ac.uk/news/corpus-ducklings

(Ein kleines Suchspiel, auf einem der Fotos ist nämlich sogar meine Wenigkeit zu erkennen, wenn auch nur in unwichtiger Position im Hintergrund.)