Musik zum Sonntag (XXXVII)

Wie fühlt sich das an: Krieg? Man kann es sich ja nicht einfach so vorstellen, wie man es sich vorstellt, ein Fußballspiel anzuschauen, oder eine Wanderung am Fluss zu machen; der Krieg ist nun einmal das Gegenteil des „einfach so“. Generationen sind an der Unfähigkeit zerbrochen, über die Kluft der Kriegserfahrung hinwegzukommen, weil sie die Teilnehmer an die Grenze des Erzählbaren, ja an die Grenze der Sprache  führte. Wenn es aber kein Sprechen als Vermittler gibt, wie soll man dann verstehen?

In der Aufnahme, die ich diese Woche schon zum Beginn des Wochenendes vorstelle, habe ich so tief in die Kriegserfahrung hineingeblickt wie vielleicht noch nie in meinem Leben. Das Lesen über Krieg, oder das Anschauen von Filmen, ja sogar das Lesen von Romanen ist ja immer doch vermitteltes Erfahren, man sitzt da und lässt sich etwas erzählen, dann steht man auf und nimmt noch einen Schluck Wasser und isst einen Joghurt. Aber Musik ist unvermittelt, sie hat ja gewissermaßen kein beruhigendes Äußeres, keine Oberfläche und keine Materialität, sie existiert nur im Kopf und da wirkt sie.

Diese Aufnahme von Ludwig van Beethovens Coriolan-Ouvertüre entstand im Juni 1943 in Berlin. Deutschland war in der letzten Phase des Krieges angelangt, Stalingrad war verloren worden, Millionen bereits tot, Goebbels hatte den „totalen Krieg“ ausgerufen und unter den fortgesetzten und immer heftigeren Luftangriffen konnte niemand mehr seines Lebens sicher sein. Doch die Berliner Philharmoniker gaben unter der Leitung ihres Chefdirigenten Wilhelm Furtwängler weiterhin Konzerte, unter anderem jenes Ende Juni 1943, das sich der Nachwelt in einem Mitschnitt erhalten hat.

Ich habe die Coriolan-Ouvertüre selber gespielt und in einigen Aufnahmen gehört, von denen ich fast immer begeistert war, weil ich das Werk so großartig finde. Doch als ich diese Furtwängler-Interpretation zum ersten Mal hörte, erschrak ich förmlich; es war mir sofort, als sähe ich – klar wie nie zuvor – in einen Tunnel der Zeit zurück, der direkt ins Berlin des Jahres 1943 führte.

Coriolan, der Held, den Beethoven mit dieser Ouvertüre porträtierte, war ein Patrizier in der Frühzeit der römischen Republik, der sich der Sage nach aus Erbitterung über die eigene politische Erfolglosigkeit mit dem verfeindeten Stamm der Volsker zusammentat und mit ihnen gen Rom zog. Als  aber einige römischen Frauen unter Anführung seiner eigenen Frau und seiner Mutter ihm flehend entgegenzogen, ließ er sich bewegen, vom Angriff abzusehen. Das wiederum erzürnte seine neuen Verbündeten, und sie ermordeten ihn.

Die Zerrissenheit dieses Feldherren, der zwischen zur Schau gestellter Tapferkeit und menschlicher Bewegtheit in die Tiefe unvermeidlichen Schicksals hinabgezogen wird, übersetzt Furtwängler hier in eine große Seelenbeschreibung des vom Krieg verwüsteten Individuums. Sein Coriolan ist nicht diabolisch oder unentschlossen, wie in vielen – wunderbaren – Interpretationen dieses Werkes. Er ist getrieben. Nichts ist berechnet in dieser Musik, alles stürzt vornüber ins nächste Crescendo, ins nächste Accelerando, in den nächsten Ausbruch.

Die endlosen Achtelketten in den Celli und Bratschen im Mittelteil haben bei Furtwängler nichts tänzerisches, nichts verschmitztes mehr, alles Hintersinnige ist offengelegt; stattdessen hört man ein einsames Individuum, dem der Boden unter den Füßen schwindet, das ohne Sicherheit einer schwankenden Welt ausgesetzt ist. Die Coda, das verzweifelte Flehen der Frauen, die sich dem Feldherren entgegenwerfen, ist aus diesem Wahnsinn heraus so süß, so außerweltlich und so irreal wie sich nur ein vom Krieg Gepeinigter den Frieden vorstellen kann. Doch es soll nicht sein, die Wellen schlagen über Coriolan (und uns) zusammen, und was bleibt, ist der ersterbende Klagegesang des verlorenen Individuums, ein mitreißendes Verschwinden ins sinnlose Nichts der Geschichte.

Wem all meine historische Kontextualisiererei zu weit geht, der höre einmal diese Aufnahme des gleichen Dirigenten  mit den Wiener Philharmonikern aus dem Jahr 1947 an. Was 1943 ungestüm und mitreißend war, ist hier bedacht und geglättet; was zitterte, schwingt; was drängte, hat hier klassische Formung. Dieser Eindruck vermittelt sich sicherlich nicht nur dem voreingenommenen Hörer.

Und wen das nicht überzeugt: Der Musikpapst der Süddeutschen Zeitung, Joachim Kaiser, hat in diesem Videobeitrag gesagt, er falle beim Anhören der Furtwängleraufnahmen aus Kriegszeiten „vor Bewunderung und Erschrecken um“.

Es tobt nun glücklicherweise kein Krieg, und umfallen sollen Sie auch nicht, liebe Leser, aber der Coriolan ist trotzdem ein ungeheuerliches Stück, das sich eigentlich nur live gespielt wirklich vermittelt, so unmittelbar bricht ihm die Tragödie aus allen Poren. Da ich vor einem internetlosen Wanderwochenende diese Kolumne nun ohnehin nach vorne verschoben habe, sei so viel Werbung erlaubt: Wer es hören möchte und im Großraum Wunstorf wohnt, der besuche an diesem Sonntag das geliebte Wunstorfer Musikschulorchester in seinem außerordentlichen Frühjahrskonzert. Es wird sich sicher lohnen.

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