Musik zum Sonntag (XLIV)

Dass unoriginellerweise Johann Sebastian Bach ein sehr hell leuchtender Stern am Firmament meines Musikgeschmacks ist, haben aufmerksame Leser dieser allwochenendlichen Bespaßung ja schon gelernt. Diese Woche allerdings stelle ich ein Mitglied seiner weitverzweigten Familie vor: den kaum bekannten Bachsohn P.D.Q. Bach (*1.4.1742).

Weder mit Talent noch mit außerordentlichem Fleiß begabt, wurde der Junge vom schon etwas greisen Vater zeitlebens vernachlässigt und schlug erst spät eine wenigversprechende Musikerkarriere ein, deren hervorstechendes Merkmal außerordentliche Begabungslosigkeit gewesen zu sein scheint. Dieser Mangel hielt P.D.Q. Bach aber nicht davon ab, ein beachtliches Œuvre zu hinterlassen, das weitestgehend aus zusammenkopierten Versatzstücken anderer Komponisten bestand. Hätten Zeitgenossen seine umfangreiche Produktion auch nur zur Kenntnis genommen, wären ihm schwere Plagiatsvorwürfe wohl nicht erspart geblieben, so aber konnte er, zum Unglück der Musikgeschichte, weiter komponieren und innovative, wenngleich von nachfolgenden Generationen gänzlich unbeachtet gelassene Genres in die Welt setzen wie Pervertimento, Schleptett oder Serenackte.

Diese Aufzeichnung der Sonate für vierhändige Bratsche und Cembalo kann wahrscheinlich nur einen unzureichenden Eindruck vom Dilettantismus P.D.Q. Bachs eigener Aufführungen vermitteln:

Noch erfolgloser als im Komponistenberuf war der letzte Bachsohn nur als Instrumentenerfinder. Seine Kreationen wie Fasaune (die das Schlechteste von Posaune und Fagott vereint), Doppelrohrblattzug-Notenständer oder Lasso d’Amore sind berechtigterweise allesamt vergessen und von anderen Komponisten nie verwendete Kuriosa der Musikgeschichte geblieben.

Einen Eindruck von der beachtlich geistlosen Kompositionstechnik P.D.Q. Bachs können Sie sich im folgenden Werk machen, das offenbar ausschließlich aus zusammengefügten Phrasen anderer Komponisten besteht. Man wird wohl dem Musikhistoriker Peter Schickele zustimmen müssen, der diese umstrittene Figur überhaupt erst in die Musikgeschichtsschreibung eingefügt hat, wenn er schreibt:

„P.D.Q. Bach war ein Mann, der den Gang der Musik nicht um ein Jota veränderte, ein Mann, der die Lehre von der Originalität durch Unfähigkeit endgültig definierte, ein Mann, der über das gewaltigste Hindernis triumphierte, vor dem je ein Komponist gestanden hat: das absolute und völlige Fehlen von Begabung.“

 

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Musik zum Sonntag (XLIII)

Verdaustig war’s, und glaße Wieben
rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
und die gabben Schweisel frieben.

„Hab acht vorm Zipferlak, mein Kind!
Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr.
Vorm Fliegelflagel sieh dich vor,
dem mampfen Schnatterrind.“

Er zückt‘ sein scharfgebifftes Schwert,
den Feind zu futzen ohne Saum,
und lehnt‘ sich an den Dudelbaum
und stand da lang in sich gekehrt.

In sich gekeimt, so stand er hier,
da kam verschnoff der Zipferlak
mit Flammenlefze angewackt
und gurgt‘ in seiner Gier.

Mit Eins! und Zwei! und bis auf’s Bein!
Die biffe Klinge ritscheropf!
Trennt‘ er vom Hals den toten Kopf,
und wichernd sprengt‘ er heim.

„Vom Zipferlak hast uns befreit?
Komm an mein Herz, aromer Sohn!
Oh, blumer Tag! Oh, schlusse Fron!“
So kröpfte er vor Freud‘.

Verdaustig war’s, und glaße Wieben
rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
und die gabben Schweisel frieben.

– Lewis Carroll, Übersetzung Christian Enzensberger

 

Ein literarischer Kommentar zur politischen Lage

Ich würde ihnen von Deutschland erzählen, von dem großen Land im Norden, von der großen Maschine, die sich selbst baut, da unten im Flachland. Und von den Menschen würde ich erzählen, von den Auserwählten, die im Inneren der Maschine leben, die gute Autos fahren müssen und gute Drogen nehmen und guten Alkohol trinken und gute Musik hören müssen, während um sie herum alle dasselbe tun, nur eben ein ganz klein bißchen schlechter. Und daß die Auserwählten nur durch den Glauben weiterleben können, sie würden es ein bißchen besser tun, ein bißchen härter, ein bißchen stilvoller.
Von den Deutschen würde ich erzählen, von den Nationalsozialisten mit ihren sauber ausrasierten Nacken, von den Raketen-Konstrukteuren, die Füllfederhalter in der Brusttasche ihrer weißen Kittel stecken haben, fein aufgereiht. Ich würde erzählen von den Selektierern an der Rampe, von den Geschäftsleuten mit ihren schlechtsitzenden Anzügen, von den Gewerkschaftern, die immer SPD wählen, als ob wirklich etwas davon abhinge, und von den Autonomen, mit ihren Volxküchen und ihrer Abneigung gegen Trinkgeld.
Ich würde auch erzählen von den Männern, die nach Thailand fliegen, weil sie so gerne mächtig und geliebt wären, und von den Frauen, die nach Jamaica fliegen, weil sie ebenfalls mächtig und geliebt sein wollen. Von den Kellnern würde ich erzählen, von den Studenten, den Taxifahrern, den Nazis, den Rentnern, den Schwulen, den Bausparvertrags-Abschließern, von den Werbern, den DJs, den Ecstasy-Dealern, den Obdachlosen, den Fußballspielern und den Rechtsanwälten.
Das wäre aber alles eigentlich auch etwas, das der Vergangenheit angehören würde, dieses Erzählen da oben an dem Bergsee. Vielleicht brauchte ich das alles nicht zu erzählen, weil es die große Maschine ja nicht mehr geben würde. Sie wäre unwichtig, und da ich sie nicht mehr beachte, würde es sie nicht mehr geben, und die Kinder würden nie wissen, daß es Deutschland jemals gegeben hat, und sie wären frei, auf ihre Art.

– Christian Kracht, Faserland

Spiegel der versagenden Gegenwart

Ich höre den Mädchen zu, wie sie sich über ihre AStA-Bewerbung unterhalten und über die Demonstrationen in Dresden, und dass man da doch was machen müsste. Ich verstecke mein Gesicht in den Händen, bin gerührt darüber, dass es Leute gibt, die sich über solche Dinge noch Gedanken machen und nicht den ganzen Tag Geschäftstermine oder Komplexe haben. Diese Mädchen sind Engel. Sie sind hinreißend. Sie sind gute Menschen, solche, die nicht wissen, dass man auf Fotos nur schräg nach unten gucken muss, um schön auszusehen, Mädchen, die Zeitungen lesen, und nicht nur im Bordbistro vor ihr Smartphone halten. Diese Mädchen sind zu beneiden, sie sind zu vergöttern, und nie, niemals sollte
man ihr Bier umstoßen. Sie sind die Rädchen im System, die sich für den Sand halten und sie ahnen nicht, wie wichtig sie sind. Sie sind es, die die Illusion aufrecht erhalten, dass es Dinge wirklich gibt, Schuldenschnitte, Bildungssysteme, sie können Probleme benennen, sie wissen das, und ich weiß wenig, sehr wenig, ich weiß, dass man die Spracheinstellung von Facebook auf Pirate umstellen kann.

Endlich, endlich, es gibt wieder gute Texte, die von irgendetwas triefen. Bitte lesen Sie alles von Ronja von Rönne. Danke schön.

http://files2.orf.at/vietnam2/files/bachmannpreis/201525/ronja_von_rnne_welt_am_sonntag_365295.pdf

www.sudelheft.de

Musik zum Sonntag (XLI)

Der Sommer ist endgültig da, und mit ihm jene lauen Nächte, in denen die warme Luft zu vibrieren scheint und man nur ins dunkle Nichts hineinzusingen braucht, um das Firmament selbst zum Resonanzkörper der eigenen Stimme zu machen und mit der Welt zu schwingen, gänzlich, innerlich. Ich finde, es gibt nichts Melancholischeres und zugleich Schöneres als ein Lied in warmer Sommernacht.

Wenn Sie sich nichts selbst ins Leere hineinzusingen wagen (ich empfehle es sehr, es macht erst glücklich und dann süchtig), dann lässt sich jenes Sommergefühl auch mit diesem alten schwedischen Volkslied herbeizaubern, dessen einzig gültige Aufnahme vor zwanzig Jahren der schwedischen The Real Group gelungen ist (was man hier herunterladen oder hier streamen kann, die Aufnahme ist um einiges empfehlenswerter als die Youtube-Liveversion). Schließen Sie die Augen und atmen Sie den Sommer ein.