Musik zum Sonntag (XLIX)

Das Adagio übertrifft alles, was sich auch noch die glühendste Vorstellungskraft an Zärtlichkeit und reiner Wollust erträumen könnte. […] Es entzieht sich der Analyse. Es ist von der Form her so rein, der Ausdruck der Melodie so engelsgleich und von so unwiderstehlicher Zartheit, dass die außergewöhnliche Kunstfertigkeit der Komposition ganz verborgen bleibt. Man ist ergriffen, gleich mit den ersten Takten, von einer Emotion, die zum Ende hin durch ihre Intensität erdrückend wird; und nur bei den Giganten der Poesie können wir einen Vergleich zu dieser überwältigenden Schöpfung des Giganten der Musik finden. In der Tat, nichts ähnelt so sehr dem Eindruck, der durch dieses Adagio hervorgerufen wird wie der, den man erhält, wenn man die berührende Episode der Francesca di Rimini in der Divina Commedia liest, deren Vortrag Vergil nicht anhören kann, ohne schluchzend zu heulen und das Dante im letzten Vers hinabfallen lässt, wie ein toter Körper fällt. Dieses Stück scheint vom Erzengel Michael dahingeseufzt worden zu sein, an einem Tag, an dem er, ergriffen von einer melancholischen Anwandlung, die Welt anschaute, aufrecht über der Schwelle des Empyreums. 

– Hector Berlioz

Musik zum Sonntag (XLVIII)

Musique Parisienne (4)

Nun, Paris, wer bist du, worin wirst du wirklich? Zwischen Dolce&Gabbana-Shops und McDonald’s Filialen, zwischen unsportlichen Joggern in hässlichen Anzügen und dicken Touristen mit noch dickeren Kameras, zwischen Businessleuten in verspiegelten Aufzügen und schwatzenden Tagesmüttern mit Vierfachkinderwägen, zwischen den Cafés, die die Klischees von Paris bis in so kleine Details reproduzieren, dass es einem unheimlich wird und man den Fuß auf der Schwelle wendet, zwischen Notre Dame und Sainte Clotilde, zwischen Römerstadion und Fußballarena, zwischen Parks und Parkhäusern, zwischen Zier- und Bürotürmen, zwischen Musen und Museen, zwischen Frankreich und Europa – wo bist du geblieben? Was bleibt mir von dir, wenn ich scheide?

Wenn ich dich schon nicht zu fassen bekomme, dann halte ich mich lieber an die Erinnerungen, die Geschichten und die Lieder, denn vielleicht sind die in Paris ja sogar wirklicher als alles andere, ja vielleicht existiert Paris überhaupt nur als Abbild seiner selbst. Schwelgen wir also ein wenig und hören zu, wie Edith Piaf vom echten, vom wirklichen Paris singt.

Musik zum Sonntag (XLVII)

Musique Parisienne (3)

Unten waren die Flügeltüren des Theaters aufgerissen worden, als das tanzende Frühlingsopfer hinaus ins Freie stürmte, hinter sich die aufgebracht tobende Menge der Zuschauer, vor sich die Stadt. Die Ströme aus dem Parkett ergossen sich auf die Straßen und waberten in die Stadt hinein, sie stolperten im Sog der Ekstase in ihre Wagen und preschten auf die Boulevards hinaus, sie blockierten den Verkehr, sie überschwemmten die Metrotunnel und sprangen in das schwarze Wasser der Brunnen, sie  kaperten Busse und überwanden die Zäune der längst abgesperrten Parks. Immer mehr Menschen schlossen sich der wild stampfenden und grölenden Menge an, einander beschimpfend, der Tänzerin folgend, die dort vorne – schon nicht mehr von dieser Welt – ihrem Schicksal entgegentanzte. Über Brücken und durch Tunnel walzte sich die unaufhaltsame Welle, durch die Tür in Häuser hinein und übers Dach wieder hinaus, und in den Fluss, der schon unter den Füßen der Horden zu einem schlammigen Graben geworden war. Über den grauen Dächern der Stadt stieg bald Rauch auf, dann erleuchteten erste Feuer das Dunkel der Nacht.

Oben, auf dem Balkon, saß der Komponist auf dem Balkon und erhob sein Glas. Für eine Nacht war die Stadt sein, ein großes Kunstwerk – sein Kunstwerk. Er leerte das Glas und sah in die leuchtende Nacht hinaus, dann sprang er.

Musik zum Sonntag (XLVI)

Musique Parisienne (2)

Die Freuden des Durchstreifens einer neuen Stadt werden ja nicht nur von den fremden Gerüchen, Geschmäcken und Gesichtern hervorgerufen, nicht nur von dem Gefühl, als unbekannter und vor allem unbedarfter Fremder in alle Hauseingänge und verheißungsvoll deuchenden hineinlugen zu können, nicht nur von den Momenten gänzlicher Orienterungslosigkeit inmitten des heillosen Mælstroms, der für die Eingeborenen nur der ganz normale Alltag ist und sich dann im Gleichschritt mit dem eigenen Heimschwerden auch für den ehemals Fremden zu ebendem wandelt, ohne dass man ihn wirklich verstanden hätte – das alles gehört auch dazu.

Doch eigentlich fahre ich zum Shoppen durch die Welt. Das Gefühl, einen zuvor unbekannten Laden zu betreten, hineinzuschnuppern, sich durch die Auslagen zu wühlen, die, obwohl doch den gewohnten so ähnlich, wie nichts anderes vom Geist des Ortes erzählen: das ist für mich Urlaub.

Einem solchen Grabbeltisch in Paris verdanken Sie, liebe interessierte Leser, auch das Fundstück des heutigen Sonntag. Es war zwischen den Notenstapeln vor einer Musikalienhandlung, fast mitten auf der Straße, dass ich auf die 1917 komponierte Sonatine Bureaucratique von Erik Satie. Dieser war mir oberflächlich als Komponist der omnipräsenten Gymnopédies bekannt, jenem halb minimalistisch, halb melancholischen Klavierklassikern. Dass er allerdings ein äußerst humorvoller Zeitgenosse war, dessen Autobiographie den beneidenswert originellen Titel „Mémoires d’un amnésique“ trägt und der eine ganze Reihe von satirischen Musikstücken geschrieben hat, war mir zuvor nicht bekannt.

Voilà also, die bürokratische Sonatine über den langweiligen Tagesablauf eines Angestellten in einem Pariser Bürohauses:

 

 

Musik zum Sonntag (XLV)

Musique Parisienne (1)

Paris. Stadt der Liebe, ganz gewiss, Stadt der Mode und der Eleganz, Stadt des schönen Lebens. Und musikalisch? Die Stadt der Opern und Operetten, die Stadt des Chansons, aber wohl vor allem die Stadt, die Stadt, muss man wahrscheinlich sagen, der Orgel.

An den großen, vom legendären Innovator Aristide Cavaillé-Coll erbauten Orgeln von La Madeleine, Notre Dame, Saint Sulpice und anderen haben Komponisten der Romantik wie Camille Saint-Saëns, Charles-Marie Widor oder Louis Vierne dieses Instrument dem Dornröschenschlaf der Klassik sowie der Umklammerung der Messliturgie entrissen und grandiose Orgelwerke geschaffen. Das erste goldene Zeitalter der Orgelkunst, das von Buxtehude und Bach, ist mit den Orten Lübeck und Leipzig verbunden, das zweite ist definitiv parisisch.

Einer der ersten Komponisten dieser neuen französischen Hochzeit und Lehrer vieler großer Nachfolger war der langjährige Organist von Sainte Clotilde im Zentrum von Paris, César Franck. Sein Prélude, Fugue et Variation op. 18, das ganz bewusst in Form und Gestaltung an die barocke, polyphone Orgeltradition anknüpft und sie in die neuen Gewänder der romantischen großen Orgel zu kleiden vermag, ist von solch schwebender Anmut, dass ich, nachdem ich es in einem Konert gerade kennengelernt habe, gar nicht anders kann als es mit Ihnen, liebe Leser zu teilen. Ça c’est Paris.