Musik zum Sonntag (XLVII)

Musique Parisienne (3)

Unten waren die Flügeltüren des Theaters aufgerissen worden, als das tanzende Frühlingsopfer hinaus ins Freie stürmte, hinter sich die aufgebracht tobende Menge der Zuschauer, vor sich die Stadt. Die Ströme aus dem Parkett ergossen sich auf die Straßen und waberten in die Stadt hinein, sie stolperten im Sog der Ekstase in ihre Wagen und preschten auf die Boulevards hinaus, sie blockierten den Verkehr, sie überschwemmten die Metrotunnel und sprangen in das schwarze Wasser der Brunnen, sie  kaperten Busse und überwanden die Zäune der längst abgesperrten Parks. Immer mehr Menschen schlossen sich der wild stampfenden und grölenden Menge an, einander beschimpfend, der Tänzerin folgend, die dort vorne – schon nicht mehr von dieser Welt – ihrem Schicksal entgegentanzte. Über Brücken und durch Tunnel walzte sich die unaufhaltsame Welle, durch die Tür in Häuser hinein und übers Dach wieder hinaus, und in den Fluss, der schon unter den Füßen der Horden zu einem schlammigen Graben geworden war. Über den grauen Dächern der Stadt stieg bald Rauch auf, dann erleuchteten erste Feuer das Dunkel der Nacht.

Oben, auf dem Balkon, saß der Komponist auf dem Balkon und erhob sein Glas. Für eine Nacht war die Stadt sein, ein großes Kunstwerk – sein Kunstwerk. Er leerte das Glas und sah in die leuchtende Nacht hinaus, dann sprang er.

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