Musik zum Sonntag (XLIX)

Das Adagio übertrifft alles, was sich auch noch die glühendste Vorstellungskraft an Zärtlichkeit und reiner Wollust erträumen könnte. […] Es entzieht sich der Analyse. Es ist von der Form her so rein, der Ausdruck der Melodie so engelsgleich und von so unwiderstehlicher Zartheit, dass die außergewöhnliche Kunstfertigkeit der Komposition ganz verborgen bleibt. Man ist ergriffen, gleich mit den ersten Takten, von einer Emotion, die zum Ende hin durch ihre Intensität erdrückend wird; und nur bei den Giganten der Poesie können wir einen Vergleich zu dieser überwältigenden Schöpfung des Giganten der Musik finden. In der Tat, nichts ähnelt so sehr dem Eindruck, der durch dieses Adagio hervorgerufen wird wie der, den man erhält, wenn man die berührende Episode der Francesca di Rimini in der Divina Commedia liest, deren Vortrag Vergil nicht anhören kann, ohne schluchzend zu heulen und das Dante im letzten Vers hinabfallen lässt, wie ein toter Körper fällt. Dieses Stück scheint vom Erzengel Michael dahingeseufzt worden zu sein, an einem Tag, an dem er, ergriffen von einer melancholischen Anwandlung, die Welt anschaute, aufrecht über der Schwelle des Empyreums. 

– Hector Berlioz

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