Charlie und Herr West

Die Straße, in der ich mit Mama und Papa wohne, heißt Hauserstraße. Warum die so heißt, weiß ich nicht genau. Es gibt am Straßenschild vorne an der Ecke eine kleine Tafel, aber die hängt so weit oben, dass ich sie nicht lesen kann. Papa sagt, unsere Straße heißt deshalb Hauserstraße, weil hier unser Haus steht. Ich finde, das leuchtet ein.

Es stehen da aber auch noch mehr Häuser. Gegenüber gibt es zum Beispiel das Haus von Herrn West. Ich kenne Herrn West nicht, aber ich stelle mir vor, dass er so heißt. Herr West wohnt im zweiten Stock und seine Wohnung hat ein großes Fenster. Das ginge auch gar nicht anders. Wenn die Wohnung von Herrn West kein großes Fenster hätte, dann müsste er umziehen. Oder einen schweren Hammer nehmen, um sich das Fenster selber zu machen, aber das wäre vielleicht doch zu unpraktisch, denn dann kommt ja die ganze Luft rein im Winter und der Schnee, und es wird kalt, und man friert. (Vielleicht könnte er es höchstens so machen wie ich. Ich habe mir in meinem Zimmer ein großes Fenster an die Wand gemalt, aus dem gucke ich immer raus auf einen riesigen Wald voller Tiere. Die zwitschern und schnauben und flattern und knattern da draußen, dass es eine Freude ist. Manchmal, wenn ich das Fenster aufmache, stinkt es auch ein bisschen, dann muss ich es schnell wieder zumachen. Mama sagt, das ist Quatsch, so etwas zu sagen, da ist kein Wald, da ist nur die Wohnung von Frau Drübl und dann das nächste Haus und so weiter, aber ich weiß, den Wald gibt es. Ich sehe ihn doch, also ist er da.)

Der Grund, warum Herr West so ein großes Fenster braucht, ist, dass er immer dahinter stehen und gucken muss. Wenn ich unsere Haustür zumache und zur Schule gehe, steht er da und guckt. Wenn ich von der Schule wiederkomme und in der Tasche nach meinem Schlüssel krame, guckt er. Wenn ich am Nachmittag meinen Kreisel auf den Gehweg setze, auf diese weiße, flache Platte, die ganz eben ist und deshalb supertoll, weil der Kreisel da gar nicht wackelt und minutenlang ruhig auf der Stelle stehen kann, dann guckt er auch.

Er guckt aber nicht nur. Manchmal, wenn etwas passiert in der Hauserstraße, wenn zum Beispiel die Zwillinge aus dem Eckhaus mit ihrem neuen Fernrohr und ihren Piratenhüten auf den Baum klettern, um nach feindlichen Schiffen Ausschau zu halten, oder wenn die Schatten schneller Gewitterwolken zwischen den Blumenkästen Fangen spielen, oder wenn Herr Bieber von gegenüber seinen Spaziergang beendet, seinen Stock gegen die Hauswand lehnt und dann von der Bank vor seinem Haus aus den Eichhörnchen beim Umherhuschen, den Äpfeln seines Baumes beim Wachsen oder dem Mond am Himmel beim Scheinen zuschaut, dann nimmt Herr West seine kleine Videokamera mit dem roten Kontrolllämpchen, das man dann immer hinter der Scheibe sieht, und filmt. Er filmt den Tag und die Nacht, den Morgen und den Abend, den Sonnenschein und den Regen, Menschen und Tiere, die Freude und die Trauer, er filmt und filmt und filmt. Ich habe ihn schon so viel filmen gesehen, er hat jetzt wahrscheinlich einen ganzen Haufen Filme hinter sich liegen, einen ganzen Haufen Leben aus der Hauserstraße.

Herr West hat noch nie mit mir geredet, aber ich mag ihn trotzdem gern, und ich glaube, er mag mich auch. Wenn ich mich auf dem Fensterbrett in meinem Zimmer ganz in die eine Ecke kuschele, da, wo früher die vielen Spiegel standen, dann kann ich ihn in seinem Fenster stehen und gucken sehen. Als ein dunkler Schatten hebt er sich dann ab wie vor einem Schirm, unbeweglich, einsam – nur er. Ich sehe sein Abbild dann an und stelle mir vor, was er aus seinem Fenster heraus wohl jetzt gerade sieht, und überlege mir, ob vielleicht ich es bin, die er gerade sieht und ob er versucht, sich vorzustellen, was ich gerade sehe. Und dann ist es mir, als sei da eine Verbindung, die die Kälte der aschenen Dämmerung draußen durchspannt, so als trennten uns die Scheiben nicht, sondern als sei das Glas, gegen das ich meinen Atem hauche und über das ich mit meinen Fingern streiche, dasselbe, das von der anderen Seite er berührt. Durch unsere Scheiben sind wir ganz nah.

Wenn dann die Dunkelheit über die Straße kriecht und ich ihn bald nicht mehr sehe, dann wird es mir ganz bang und einsam zumute. Bleib, rufe ich dann, teils als riefe ich zur Sonne, teils als spräche ich mit ihm durch unsere gläserne Verbindung, als hörte er wirklich, was ich sage: Bleib.

Doch von der anderen Seite grinsen mir plötzlich die geisterhaften Nachtgestalten ins Gesicht, sie vermessen die schwarzschimmernde Weite da draußen, die längst vergessen war, aufs Neue, reißen unsere Glasscheiben wieder auseinander und nagen mit eisigen Zähnen an den unsichtbaren Fäden der Nähe und Wärme, die sich nur im Schummer des vergehenden Tages zwischen uns spannen konnten. Nein, schreie ich, lasst mich, haut ab, geht fort, verschwindet, hört auf. Ich kämpfe mit der grimmigen Nacht, mit der Düsternis, die sich unbarmherzig erst zwischen uns, dann um uns, dann in uns legt, ich trete, ich schluchze, ich weine bittere Tränen, ich bin allein. Vor mir liegt nichts als einsame, qualvolle Nacht.

Wenn mir aber doch mit einem Mal drüben noch das Lämpchen aufleuchtet, dann atme ich auf, dann bin ich aus meiner Qual gerettet. Vor dem roten Lichtstrahl, der über die Straße mir zu Hilfe eilt, fliehen die Geister, die mich bedrohten, zurück in ihr Spiegelreich. Er vertreibt sie mir, ich bleibe zurück, allein, doch nicht einsam. Schlafe gut, wispert mir die rote Lampe des Herrn West durch die Dunkelheit herüber. Schlafe gut, ich bin da.

Charlie schreibt

Ich heiße Lotte, aber das ist nur für die anderen. Die anderen haben ein Wort gebraucht, um mich hierhin und dorthin zu rufen, und weil sie glauben, ich sei ein kleines Mädchen mit Zöpfen, sind sie auf Lotte gekommen. Ich habe das erst gar nicht verstanden, dass sie mich damit meinen, wenn sie Lotte sagen, aber nach und nach habe ich mich daran gewöhnt. Jetzt sage ich das auch immer, wenn ich irgendwo reinkomme, „ich heiße Lotte“, so wie jetzt gerade, hast du es gemerkt? Sinnlos eigentlich, das sagt ja überhaupt nichts aus, aber ich hab mich halt daran gewöhnt. Ist es nicht seltsam, dass andere für einen festlegen, wer man ist, und man sich dann daran halten muss? Ich verstehe das nicht.

Eigentlich bin ich nämlich Charlie, das ist mein eigener Name nur für mich. Vielleicht ist das ein bisschen so wie bei den Häusern. Für die gibt es auch verschiedene Arten von Malerfarben, für draußen und drinnen. Das weiß ich, ich war neulich mit Mama und Papa im Baumarkt. Die Draußenfarbe muss viel aushalten können, hat Mama gesagt, die Hitze, die Kälte, den Regen, den Sturm. Die Drinnenfarbe muss „wohnlich“ wirken, so hat sie das gesagt. Also, habe ich mir gedacht, ist Lotte meine Draußenfarbe, Lotte hält alles ab, damit Charlie drinnen wohnen kann, in mir drin.

Es ist schon komisch, eigentlich benutze ich diesen Namen gar nicht. Ich rede ja nicht mit mir selber. Aber das was ich bin, ist eben einfach nicht Lotte, sondern Charlie, der echte Charlie sozusagen, nicht dieses Wort, versteht ihr? Charlie ist doch irgendwas, was Lotte nicht ist, oder, sonst bräuchte man doch überhaupt nicht verschiedene Wörter für die Dinge. Und genau dieses irgendwas bin eben ich, ein echter Charlie. Ich bin doch kein Wort. Das Wort brauche ich nicht. Das Wort steht rum wie altes Werkzeug in unserem Schuppen. Es wird nicht benutzt. Aber wenn man doch wollte, dann könnte man jederzeit hingehen und ein Auto reparieren oder so was.

Das ist alles ein bisschen komisch, wenn man darüber redet, man kann es nicht so richtig sagen. In meinem Kopf ist das logisch und dann mache ich den Mund auf und nichts ergibt mehr einen Sinn. So ist das oft bei mir. Viele verstehen nicht, was ich meine, wenn sie mit mir reden. Spinn nicht rum, sagen sie dann, oder sie lachen mich aus. Dann sage ich lieber gar nichts. Es ist wie ein Boxkampf gegen meine eigene Haut, das mit dem Reden. Versuch Du doch mal, Deiner Haut weh zu tun, ohne dabei Deine Haut zu benutzen. So.

Dass die Leute mich nicht verstehen, liegt wohl daran, dass ich nicht nur Lotte bin, die man von außen sieht, und Charlie, der drinnen wohnt. Es gibt da noch mehr Wesen. Die wohnen vielleicht in den Wänden oder im Dach. Oder im Keller, hinten, wo ich mich nie hintraue, seitdem Tante Evelyn mir erzählt hat, dass den Kartoffeln Arme und Beine wachsen und sie auf den Regalen herumklettern können, um kleinen Kindern von oben in den Nacken und in den Mund zu springen. Ich habe ein bisschen Angst vor Kartoffeln.

Na ja, so wie die kleinen Kartoffeln sind da überall noch Wesen in meinem Haus. Manche haben Namen, manche viele, manche keinen. Ich treffe sie auf der Treppe oder ich beobachte sie durchs Schlüsselloch oder ich finde Anzeichen von ihnen beim Fensterputzen. Mehr nicht. Eine heißt Lucia, glaube ich, die macht immer furchtbar Krach draußen auf dem Gang. Und einen kenne ich ganz gut, der heißt Felix. Felix sitzt oft in meinem Zimmer, mit einem Stift in der Hand und schreibt seltsame Geschichten über die Sachen, die in meinem Haus passieren. In den Geschichten tauchen dann Felix und Lucia und Charlie und all die anderen Gestalten auf und winken nach draußen, und Lotte winkt von draußen zurück und wir lachen zusammen und es geht uns allen gut. So ist das bei mir.

Nun habe ich euch aber schon so viel erzählt, ihr werdet euch bestimmt fragen, wie ihr mich nun eigentlich nennen sollt. (Wahrscheinlich werdet ihr mich ja sowieso niemals „nennen“, weil wir uns ja nicht treffen können. Ich bin hier ja nur so zwischen den Buchstaben und ihr seid da draußen, in echt. Aber vielleicht komme ich doch einmal heraus, klopfe an Deine Tür und tippe auf Deine Schulter, und dann? Dann wirst Du ja doch irgendwas sagen müssen.)

Das Problem an der Sache ist, dass sich die anderen bisher nicht die Mühe gemacht haben, darüber nachzudenken, ob ich noch jemand anders sein könnte als immer nur diese Lotte. Sie brauchten nur ein Wort, und dieses reichte ihnen. So muss das wahrscheinlich sein mit den Wörtern, aber mir ist es eigentlich egal, das mit den Wörtern. Ich bin kein Wort.

Gestatten, ich bin Charlie, ich heiße Lotte, nennen Sie mich, wie Sie wollen.

Kleine Regel

Ich höre ja sofort auf, Texte zu lesen, deren erstes Wort schon „ich“ ist. Danach ist ohnehin meist nichts anderes mehr zu erwarten.

Für Sie ist es jetzt zwar zu spät, aber vielleicht erinnern Sie sich ja nächstes Mal. Außerdem: wenn Sie die Regel befolgt hätten, hätten Sie ja nie etwas von ihr erfahren, nicht wahr?

Von der Hoffnung

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– Ihr packt? Warum?
– Wir reisen ab.
– Wohin? Hier ist doch sonst nichts.
– Doch. Wir gründen eine neue Siedlung.
– Wo?
– Na dort, im Süden, an der Küste.
– Da wollt ihr hin? Da ist doch nur karges Land und salziges Wasser.
– Wir werden täglich früh aufstehen und aufs Meer hinausschauen. Eines Tages kommt ein Schiff und nimmt uns mit.
– Ein Schiff, pah. Es gibt doch sonst nichts außer unserer Insel. Wo soll das Schiff denn hinfahren?
– Weg, und uns nimmt es mit.
– Ach, ihr spinnt doch. Aber man muss Getreide anbauen, um sich zu ernähren, und man braucht Baumaterialien für seine Häuser, sonst kommt man um.
– Wer hat das gesagt, dass man das alles braucht?
– Ach, macht doch, was ihr wollt. Aber wenn wir euch nicht helfen, und wenn bei euren Häusern kein Korn wächst, und wenn kein Schiff kommt, wovon wollt ihr dann da leben?
– Von der Hoffnung.