Charlie schreibt

Ich heiße Lotte, aber das ist nur für die anderen. Die anderen haben ein Wort gebraucht, um mich hierhin und dorthin zu rufen, und weil sie glauben, ich sei ein kleines Mädchen mit Zöpfen, sind sie auf Lotte gekommen. Ich habe das erst gar nicht verstanden, dass sie mich damit meinen, wenn sie Lotte sagen, aber nach und nach habe ich mich daran gewöhnt. Jetzt sage ich das auch immer, wenn ich irgendwo reinkomme, „ich heiße Lotte“, so wie jetzt gerade, hast du es gemerkt? Sinnlos eigentlich, das sagt ja überhaupt nichts aus, aber ich hab mich halt daran gewöhnt. Ist es nicht seltsam, dass andere für einen festlegen, wer man ist, und man sich dann daran halten muss? Ich verstehe das nicht.

Eigentlich bin ich nämlich Charlie, das ist mein eigener Name nur für mich. Vielleicht ist das ein bisschen so wie bei den Häusern. Für die gibt es auch verschiedene Arten von Malerfarben, für draußen und drinnen. Das weiß ich, ich war neulich mit Mama und Papa im Baumarkt. Die Draußenfarbe muss viel aushalten können, hat Mama gesagt, die Hitze, die Kälte, den Regen, den Sturm. Die Drinnenfarbe muss „wohnlich“ wirken, so hat sie das gesagt. Also, habe ich mir gedacht, ist Lotte meine Draußenfarbe, Lotte hält alles ab, damit Charlie drinnen wohnen kann, in mir drin.

Es ist schon komisch, eigentlich benutze ich diesen Namen gar nicht. Ich rede ja nicht mit mir selber. Aber das was ich bin, ist eben einfach nicht Lotte, sondern Charlie, der echte Charlie sozusagen, nicht dieses Wort, versteht ihr? Charlie ist doch irgendwas, was Lotte nicht ist, oder, sonst bräuchte man doch überhaupt nicht verschiedene Wörter für die Dinge. Und genau dieses irgendwas bin eben ich, ein echter Charlie. Ich bin doch kein Wort. Das Wort brauche ich nicht. Das Wort steht rum wie altes Werkzeug in unserem Schuppen. Es wird nicht benutzt. Aber wenn man doch wollte, dann könnte man jederzeit hingehen und ein Auto reparieren oder so was.

Das ist alles ein bisschen komisch, wenn man darüber redet, man kann es nicht so richtig sagen. In meinem Kopf ist das logisch und dann mache ich den Mund auf und nichts ergibt mehr einen Sinn. So ist das oft bei mir. Viele verstehen nicht, was ich meine, wenn sie mit mir reden. Spinn nicht rum, sagen sie dann, oder sie lachen mich aus. Dann sage ich lieber gar nichts. Es ist wie ein Boxkampf gegen meine eigene Haut, das mit dem Reden. Versuch Du doch mal, Deiner Haut weh zu tun, ohne dabei Deine Haut zu benutzen. So.

Dass die Leute mich nicht verstehen, liegt wohl daran, dass ich nicht nur Lotte bin, die man von außen sieht, und Charlie, der drinnen wohnt. Es gibt da noch mehr Wesen. Die wohnen vielleicht in den Wänden oder im Dach. Oder im Keller, hinten, wo ich mich nie hintraue, seitdem Tante Evelyn mir erzählt hat, dass den Kartoffeln Arme und Beine wachsen und sie auf den Regalen herumklettern können, um kleinen Kindern von oben in den Nacken und in den Mund zu springen. Ich habe ein bisschen Angst vor Kartoffeln.

Na ja, so wie die kleinen Kartoffeln sind da überall noch Wesen in meinem Haus. Manche haben Namen, manche viele, manche keinen. Ich treffe sie auf der Treppe oder ich beobachte sie durchs Schlüsselloch oder ich finde Anzeichen von ihnen beim Fensterputzen. Mehr nicht. Eine heißt Lucia, glaube ich, die macht immer furchtbar Krach draußen auf dem Gang. Und einen kenne ich ganz gut, der heißt Felix. Felix sitzt oft in meinem Zimmer, mit einem Stift in der Hand und schreibt seltsame Geschichten über die Sachen, die in meinem Haus passieren. In den Geschichten tauchen dann Felix und Lucia und Charlie und all die anderen Gestalten auf und winken nach draußen, und Lotte winkt von draußen zurück und wir lachen zusammen und es geht uns allen gut. So ist das bei mir.

Nun habe ich euch aber schon so viel erzählt, ihr werdet euch bestimmt fragen, wie ihr mich nun eigentlich nennen sollt. (Wahrscheinlich werdet ihr mich ja sowieso niemals „nennen“, weil wir uns ja nicht treffen können. Ich bin hier ja nur so zwischen den Buchstaben und ihr seid da draußen, in echt. Aber vielleicht komme ich doch einmal heraus, klopfe an Deine Tür und tippe auf Deine Schulter, und dann? Dann wirst Du ja doch irgendwas sagen müssen.)

Das Problem an der Sache ist, dass sich die anderen bisher nicht die Mühe gemacht haben, darüber nachzudenken, ob ich noch jemand anders sein könnte als immer nur diese Lotte. Sie brauchten nur ein Wort, und dieses reichte ihnen. So muss das wahrscheinlich sein mit den Wörtern, aber mir ist es eigentlich egal, das mit den Wörtern. Ich bin kein Wort.

Gestatten, ich bin Charlie, ich heiße Lotte, nennen Sie mich, wie Sie wollen.

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