Charlie fährt Zug

Neulich sind wir mal Zug gefahren. Das kommt nicht so oft vor, muss ich sagen. Sonst fahren wir Auto. Papa sagt sonst immer ach, und die vielen Menschen und dann gibt es Verspätungen und überhaupt, und dann sagt Mama, na gut, wenn du fährst, in Ordnung. Dieses Mal war es anders. Mama hat gesagt, es sind immer so viele Autos unterwegs und wer weiß, vielleicht wird es glatt und ob er – also mein Papa – das neulich gehört hat, wie viele Leute jedes Jahr auf der Autobahn umkommen und so weiter. Gut, hat Papa da gesagt und den Staubsauger ausgestellt, morgen gehe ich los und hole Fahrkarten. Wenn‘s sein muss, hat er dann noch gesagt, aber da röhrte der Staubsauger schon wieder los und ich glaube, dann hört man über zwei Stockwerke hinweg nicht mehr ganz so gut, was jemand gesagt hat.

So kam es also, dass wir im Zug saßen, ich neben Mama auf der einen, Papa gegenüber auf der anderen Seite. Wir nehmen immer einen Vierersitzplatz, das heißt, natürlich drei Plätze davon, wenn wir mal fahren, und dann setzen wir uns jedes Mal so hin, Mama und Papa am Fenster, ich neben Mama, drüben neben Papa der Fremde. Einmal saß da ein dicker Mann mit ganz vielen Schinkenbroten, einmal eine Oma, die alle zehn Minuten irgendeine Tablette schluckte, einmal ein Boxer mit einer riesigen Sporttasche, einmal saß da auch niemand.

Diesmal aber nicht. Diesmal saß neben Papa saß eine Frau mit großen Kopfhörern und einem dicken roten Schal um den Hals und las in einer Zeitschrift. Diesmal saß überhaupt nirgendwo niemand, der ganze Zug war voll, außer ein Sitz auf der anderen Seite vom Gang.

Auf der anderen Seite saßen zwei Eisbären. Eine große Eisbärdame, deren Hintern so fett war, dass sie zwei Plätze brauchte, und ein kleiner Eisbär, ihr gegenüber, am Fenster. Die Eisbärdame strickte, das Eisbärjunge las in einem Buch, da war ein großer, grüner Fisch auf dem Umschlag. Warum sich niemand neben den kleinen Eisbären setzen wollte, verstand ich nicht, er sah eigentlich ganz sympathisch aus.

Nun ja, so rasten wir also durch die Landschaft, die Eisbären, die Kopfhörerfrau, Mama und Papa und ich. Ich aß nach und nach unsere Reisevorräte an Schokolade leer, Papa schaute die Kühe draußen beim Grasen an, die Kühe schauten zurück, Mama döste, wie immer im Zug, und ich machte mir Gedanken über die beiden Eisbären da drüben. Ich habe neulich im Fernsehen gesehen, wie eine Eisscholle abschmilzt am Nordpol oder Südpol, ich weiß es nicht mehr genau, und wie darauf ein Eisbär durchs Meer getrieben ist. Das Meer wird immer wärmer, haben sie gesagt, die Eisbären haben immer weniger Platz zum Leben. Dann habe ich mir vorgestellt, dass diese Eisbärin eines Tages zu ihrem Jungen gesagt hat, komm, nehmen wir uns eine Eisscholle, wir gehen auf Weltreise. Und dann sind sie über die Weltmeere gefahren und den Fluss hinaufgeschwommen und irgendwann bei uns angekommen, die Treppe hinaufgestiegen, die in der Nähe vom Bahnhof direkt zum Wasser führt, und dann waren sie plötzlich da und sind in den Zug eingestiegen. Einfach so.

In solchen Träumen schwamm die Zeit dahin. Gerade beobachtete ich, wie die Eisbärdame erst die Stricknadeln, dann den Kopf und schließlich ihre breiten, weißen Eisbärinnenschultern sinken ließ und mit leisem Schnarchen einschlief, da zuckte ich plötzlich zusammen, denn hinten, am fernen Ende des Ganges, kam der Schaffner durch die Waggontür.

„Fahrkarten, bitte,“ dröhnte es hart durch den Wagen, und mir stieg sofort der Schreck in die Kehle, aber die Eisbärdame ließ sich gar nichts anmerken und schnarchte weiter vor sich hin. Der Schaffner – ich sah ihm dabei zu, wie er sich langsam den Weg durch die ihm entgegenwedelnden Fahrscheine in unsere Richtung bahnte – warf schon von Ferne besorgt-verärgerte Blicke auf die beiden Eisbären und wiederholte sein „Fahrkarten bitte“ jedes Mal ein bisschen lauter, bis er plötzlich direkt vor uns stand, neben mir, groß und massig. Er atmete laut. Es roch nach Schweiß.

Die Frau mit dem Schal war als erste an der Reihe. Schüchtern lächelnd, ohne ihre Kopfhörer abzusetzen, kramte sie ein vergilbtes Blättchen hervor und hielt es ihm hin. Herzklopfen. Alles in Ordnung. Und Sie? Jetzt waren wir dran. Ich schaute zu Papa hinüber, Papa schaute Mama an, Mama schaute Papa an und sagte, du hast die bei dir, in der schwarzen Tasche. Ach so, richtig, sagte Papa. Entschuldigung. Er bückte sich unter den Tisch und suchte da irgendwo in der schwarzen Tasche herum. Der Schaffner trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und wiegte seinen großen Tacker in der Hand wie eine Keule.

Bitte schön, sagte Papa schließlich, als er wieder auftauchte, drei Mal. Er streckte die drei Fahrkarten aus, der Schaffner schnappte nach ihnen und studierte sie eingehend. Er warf jedem von uns über den Rand der Karten einen kritischen Blick zu, so als gelte es eher uns zu prüfen als die Papiere, zog dann seine Tackerkeule hervor und lochte die Karten, langsam, nacheinander, eins, Pause, zwei, Pause, noch ein kritischer Blick, drei. Geschafft.

Dann drehte er sich schnell zu den beiden Eisbären um. So, sagte er laut, Fahrkarten bitte, tickets please. Die Eisbärdame rührte sich nicht, das Eisbärjunge schaute ganz erschrocken mit offenen Augen über sein Fischbuch hinweg. Tickets please, rief er nochmal, und als die Eisbärdame noch immer keine Reaktion zeigen wollte, fasste er sie unsanft am Vorderarm an und rüttelte sie wach. Tickets please, or do you have cash?, rief er. Die Eisbärdame schaute verdutzt, aber sagte nichts. Ticket, rief er, oder cash, sonst müssen sie am nächsten Halt raus, verstanden?

Die Eisbärdame runzelte leicht die Stirn, beugte sich zu ihrem Kind hinüber und sagte etwas auf Eisbärisch zu ihm, das Kind nickte und legte das Buch auf den Tisch. Sie tat ihr Strickzeug dazu, dann sah sie den Schaffner treuherzig an, der schon sehr nervös wirkte. Haben Sie Ihren Ausweis dabei, rief er jetzt schon sehr laut, passport, you understand? Sonst muss ich die Polizei rufen! Die Eisbärdame legte beide Pfoten auf den Tisch und stieß einen grunzenden Seufzer aus. Da floh der Schaffner entnervt aus dem Wagen, nicht ohne wutentbrannt allen zuzurufen, das gehe so nicht, er hole jetzt den Zugchef.

Die Frau neben Papa hatte ihre Kopfhörer abgelegt und lehnte sich über den Gang zu den beiden Eisbären. Entschuldigung, sagte sie freundlich, brauchen Sie Hilfe? Do you need translation? Parlez-vous français? Die Eisbärdame lächelte freundlich zurück, aber sagte nur etwas auf Eisbärisch, das die Kopfhörerfrau nicht verstand. Sie machte eine unbeholfene Geste mit der Hand und lächelte zurück, dann sagte sie noch, machen Sie sich keine Sorgen, und setzte wieder die Kopfhörer auf.

Zwei Minuten später kam der große, nervöse, nach Schweiß riechende Schaffner mit einem kleinen, gegelten, schlipstragenden zurück. Was ist hier das Problem, sagte der Kleine. Um Sie geht es also? Do you speak English? Die Eisbärdame hatte es aufgegeben, auf die Wörter zu reagieren, die auf sie einprasselten, sie schaute nur noch mit stiller Miene ins Ungefähre. Der kleine Eisbär sah aus dem Fenster.

Listen, sagte der Zugchef, you need a ticket. It‘s Deutschland here. Sonst muss ich die Polizei rufen. Haben Sie immerhin einen Pass dabei, passport? Wenn Sie aus dem Zoo geflohen sind, brauchen Sie einen Passierschein, sonst muss ich Sie wieder zurückschicken. Recht und Ordnung muss gelten, auch für Tiere, auch für geflohene Tiere. We have rules here in Germany, you understand?

Entschuldigung, sagte da schon wieder die Frau mit dem großen Schal und nahm ihre Kopfhörer ab, die beiden sprechen kein Englisch. Sie sind fremd hier. Lassen Sie sie doch in Ruhe.

Entschuldigung, gab da der Große zurück, das ist nicht Ihre Sache, es gibt hier einfach Regeln, und wer keinen Fahrschein hat, kann nicht weiterfahren, das müssen die doch verstehen. You need a ticket, sagte er im Umdrehen, aber die Eisbärin verstand leider nicht. Die Frau setzte die Kopfhörer wieder auf und verdrehte die Augen, aber das sah nur ich, sonst niemand. Ich musste kichern. Der kleine Schaffner sah mich böse an, Mama legte mir den Arm auf den Ellbogen.

Also, ich rufe jetzt die Polizei, dass die die beiden holen, sagte der Kleine zum Großen, das geht so nicht weiter. Wirklich. Der Große nickte, der Kleine nestelte hektisch und für alle sichtbar an seinem schwarzen Handy herum. Ja, sprach er dann, er stand immer noch mitten im Gang, Schulze hier vom ICE Richtung Frankfurt. Kommen Sie bitte zur Ankunft an Gleis 3, wir haben da zwei flüchtige Eisbären ohne Fahrschein, ohne Passierschein, ohne Ausweis, ohne Geld. Pause. Schweigen im ganzen Waggon. Ja, einfach in Gewahrsam. Pause. Wirklich, ich finde auch, das muss man sich eben vorher überlegen. Pause. Alles klar, bis gleich.

Er nahm das Handy herunter und grinste. Das wäre also erledigt, sagte er, aber es war nicht erledigt, denn von irgendwo war jetzt ein junger Mann mit Bart hergekommen und baute sich vor den beiden Schaffnern auf.

Entschuldigung, sagte der Mann, ist Ihnen bewusst, dass es eine Tierrechtscharta gibt, diese beiden haben Schreckliches erlebt, und daran sind wir alle schuld, überlegen Sie sich das mal. Dagegen sollten Sie was tun. Wir alle sollten dagegen was tun.

Plötzlich sahen alle im Waggon zu ihm herüber, sogar die Eisbären blickten auf.

Entschuldigung, gab wieder der Große zurück, das geht Sie gar nichts an. Ich bin nicht das Sozialamt, ich bin kein Tierschutzverein, ich bin Schaffner und diese beiden. Er zögerte. Fahrgäste haben keinen gültigen Fahrschein für diese Fahrt. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder ein- und aussteigt, wie er gerade will. Die beiden hier erschleichen sich gerade widerrechtlich eine Leistung der Deutschen Bahn, darunter haben wir alle zu leiden.

Ach, sagte der Bärtige, hier leidet doch niemand, außer den beiden Eisbären, haben Sie doch Mitleid mit diesen armen Kreaturen.

Er sah sich um, aber um das Mitleid war es nicht gut bestellt. Die Aufmerksamkeit war verflogen, die meisten Leute schauten wieder in ihre Handys oder hatten die Augen geschlossen.

Jetzt gehen Sie mal aus dem Weg, guter Mann, lassen Sie das unsere Sorge sein, sagte der Kleine und schob den Bärtigen beiseite, einen schönen Tag noch. Und dann zogen Sie ab, der Große und der Kleine, und ließen uns alle zurück. Ach Scheiße, sagte der Bärtige, verdammter deutscher Polizeistaat, schüttelte den Kopf, fuhr sich nachdenklich durch den Bart, trottete dann wieder zu seinem Platz weiter hinten im Gang und vertiefte sich in irgendeine Zeitschrift.

Es dauerte noch etwa zehn Minuten, dann hielt der Zug im nächsten Bahnhof. Die Türen gingen auf, ein paar schwarzgekleidete, bewaffnete Polizisten kamen in den Zug und nahmen die verdutzten Eisbären mit, durch das Spalier großer Augen hindurch, die Türen gingen zu, der Zug fuhr an.

Ein Knacken, ein Rauschen.

Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren, willkommen in unserem ICE auf der Fahrt nach Frankfurt am Main. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Fahrt.

Good evening, ladies and gentlemen, welcome on board our ICE to Frankfurt am Main. We wish you a pleasant journey.

„Photography is not permitted“, stand überall auf dem Boden der Ausstellung von Sebastião Salgado. Wer auch immer das dort hinschrieb: ob sie wohl ahnte, dass es kaum einen weiseren Kommentar zu den ausgestellten Photographien hätte geben können?

Charlie und der Terrorist

Hab ich schon erwähnt, dass ich Fußball liebe? Nein? Also, ich liebe Fußball. Das liegt wahrscheinlich an meiner Mutter; seitdem ich ganz klein war, hat sie mich zu Spielen ins Stadion mitgenommen. Das sind immer Höhepunkte, diese Tage. Den ganzen Monat freue ich mich darauf, auf die Fahrt in der U-Bahn inmitten all der anderen Fans, auf die Menschenströme in die großen Tore hinein, in denen man nicht nachdenken muss, sondern nur mitfließen, auf die Bratwurst, die nirgends, scheint mir, so gut schmeckt wie dort, auf Sonnenstrahlen, Nebelschwaden oder Regenschleier, die man zwischen den steilen Tribünen so gut beobachten kann wie nirgendwo sonst. Auf den Lärm, den die Fanmassen machen können, wenn es drauf ankommt. Auf die Stille, die sie auch manchmal machen, und die stiller ist als alle anderen Stillen, ganz ruhig und tief.

Am Dienstag wollten wir mal wieder zum Stadion gehen; die ganze letzte Woche lang habe ich mich schon darauf gefreut, tapfer den Tag überstanden, den irgendjemand vor den Abend des Spiels geschraubt hatte, um mein Warten noch unerträglicher zu machen, tapfer den ganzen Nachmittag über den Uhrzeiger beobachtet.

Dann ging es los. Wir fuhren mit der Straßenbahn, wir gingen den altbekannten Weg, den wir immer gehen: durch den Park, über die Brücke, an dem großen Zaun vorbei, hinter dem man manchmal Menschen im Gras liegen sieht.

Doch als ich dann endlich mit Mama vor dem großen Stadiontor stand, erwarteten uns nicht Massen von aufgeregten Fans wie sonst, sondern Massen von Polizisten. Sie sahen aus wie dicke Walrösser vor lauter Sicherheitspanzern, die sie um den Bauch trugen und ungefähr so bewegten sie sich auch auf uns zu, als wir verwirrt stehen blieben und sie anschauten.

Das Spiel fällt aus, sagten sie. Was, sagte Mama, wieso das denn? Terroristen, sagten sie. Bleiben Sie bitte ruhig. Mama schluckte neben mir und fasste meine Hand. Was sind das, fragte ich, Terroristen. Gefährliche Männer, antwortete sie, komm, wir gehen nach Hause.

Pah, sagte ich. Gefährliche Männer? Ich habe keine Angst. Und da hatte ich mich schon losgerissen, war unter den Walross-Polizisten durchgeschlüpft und hatte mich durch den Zaun gezwängt, hinein ins Stadion. Wirklich, wer mir ein Fußballspiel wegnehmen will, auf das ich mich gefreut habe, seitdem endlich die 11 auf dem Kalender steht, dem erzähle ich aber was. Und vor Männern habe ich generell keine Angst. Ich muss oft lachen, wenn ich sie sehe.

Stille empfing mich in den Gängen hinter dem großen Stadiontor. Stille und Leere. Ich habe diesen Ort nie so menschenleer gesehen, denn sonst war es ja immer laut und voll gewesen, und ich hatte Mama an der Hand halten müssen wie ein Baby. Damit ich nicht verloren gehe, hatte sie gesagt, und mir war es immer nutzlos und peinlich erschienen. Jetzt aber wünschte ich mir Mamas Hand herbei, um nicht verloren zu gehen. Ich streckte die Hand neben mich, aber da war erst nur hohle Luft und dann die Betonwand. Die Wand war grau und kalt und erwiderte meine Berührung nicht, ich hielt sie trotzdem fest. Die andere schob ich in die Hosentasche, da war noch ein Bonbon, eine Notration, wie Mama das immer nannte. Das hielt ich auch fest.

Dann ging ich los, nach und nach, mit langsamen, tastenden Schritten, die lange in meinen Ohren nachhallten. Am Ende des Ganges erreichte ich einen Quergang: Links öffnete sich ein Durchgang ins Innere des Stadions, rechts stand plötzlich ein Mann und kam mit schnellen Schritten auf mich zu.

Hey, sagte ich, wer bist du?

Ich bin ein Terrorist, sagte der Mann.

Aha, dachte ich, das sind also Terroristen. Terroristen tragen blaue Masken, weite Umhänge wie sie Soldaten haben und weiße Turnschuhe. Terroristen haben lange Haare, kauen Kaugummi und riechen nach Zigaretten. Und sie tragen ein Gewehr auf dem Rücken.

Was macht ein Terrorist, fragte ich.

Ich mache Angst, sagte der Terrorist.

Ach. Ich sah mich erstaunt um. Hinter mir lag nur der leere, graue Gang, der in das noch leerere Stadion mündete. Irgendwo hatte jemand einen Fernseher eingeschaltet; bunte Lichtstreifen flackerten über die Wände weiter hinten. Sonst war alles still.

Hier ist doch niemand, sagte ich. Wem machst du denn Angst?

Dir, sagte der Terrorist, euch allen.

Uns allen, was soll das heißen, sagte ich. Also ich bin nicht wir. Ich bin ich. Und ich habe keine Angst.

So, sagte der Terrorist und sah zu Boden.

Also wem machst du Angst, fragte ich nochmal. Und warum muss deshalb das Spiel abgesagt werden.

Hör mal, sagte der Terrorist und blickte mir direkt in die Augen, ich habe ein Gewehr auf dem Rücken.

Hör mal, gab ich zurück, ich habe ein Bonbon in der Tasche, als Notration.

Ich könnte dich erschießen, dann bist du tot, sagte der Terrorist.

Oh, sagte ich und wendete das Bonbon in meiner Hosentasche hin und her. Ich wartete.

Hast du noch immer keine Angst, fragte der Terrorist.

Ich sah ihn an, jetzt fiel mir auf, dass er einen Ohrring trug, klein, aus Gold. Ich überlegte. Angst. Ich habe Angst vor der Dunkelheit, wenn man nicht mehr sieht, was draußen passiert. Ich habe Angst vor Hexen. Ich habe Angst vor Meerschweinchen. Vor dem Tod? Ich war noch nie tot.

Nein, sagte ich. Ich habe keine Angst.

Du bist ein Kind, sagte er, du verstehst das nicht. Die Erwachsenen haben Angst vor mir.

Ach, dachte ich, sonst, wenn ich Angst habe und weine, abends im Bett, dann kommt Mama oder Papa und sagt, es sei alles nicht so schlimm, meine Angst komme daher, dass ich die Dinge noch nicht verstehe. Und jetzt ist es andersrum? Vielleicht sollte ich rausgehen und Mama trösten? Ihr sagen, das ist alles nicht so schlimm, ihre Angst kommt nur daher, dass sie die Dinge versteht.

Aber warum bist du dann nicht bei den Erwachsenen, fragte ich, wenn du denen Angst machen willst, sondern redest hier mit mir?

Die Erwachsenen haben Angst, sagte der Terrorist, weil ich nicht da bin. Weil sie mich nicht sehen. Weil sie nicht wissen, was ich hier mache.

Also das ist doch verrückt, sagte ich. Erst sagst du, sie haben Angst, weil sie das besser verstehen als ich, jetzt sagst du, sie haben Angst, weil sie es nicht wissen.

So ist das, sagte der Terrorist. Es trat eine Pause ein, ich versuchte nachzudenken.

Warum tötest du, fragte ich. Die Toten haben doch keine Angst.

Nein, sagte er langsam, die nicht. Es kommt auf die anderen an, auf das Publikum. Angst hat man vor dem, das man nicht kennt, und niemand kennt den Tod. Deshalb haben sie Angst.

Ich musste an diese Gruppe Untoter denken, damals an Halloween, wie ihr Anführer verschwunden war und wie sie ihn sofort vergessen hatten. Sie hatten keine Angst, sie hatten einfach vergessen. War er also nicht gestorben? Hatte ich ihm noch mehr zugefügt, als nur den Tod, das Vergessen? War das nicht noch schlimmer? Oder vielleicht sogar besser?

Ich glaube, sagte ich nach langem Schweigen, ich verstehe.

Du kannst zu uns kommen, und auch ein Terrorist werden, sagte er, und streckte seine Hand aus.

Ich sah auf die Hand vor mir, sie war hart und faltig, unter den Nägeln saß dicker brauner Dreck. Um den Arm trug er ein schwarzes Armband. Meine Hand lag noch immer um das Bonbon in der Hosentasche, das nach und nach wärmer wurde.

Ich glaube, sagte ich, und musste plötzlich husten, ich möchte lieber keine Angst verbreiten.

Dann nahm ich die Hand aus der Tasche, sie zitterte leicht, und legte das Bonbon in seine große Hand, die noch immer vor mir in der Luft schwebte. Er blickte erstaunt auf und runzelte die Stirn.

In dem Moment, als das Bonbon seine Haut berührte, als er es verwirrt anblickte, da drehte ich mich um und rannte den Gang hinunter, so schnell es irgend ging.

Alles wie anders, alles wie zuvor

Da nun wieder Trauerzüge durch westliche Metropolen ziehen, da einander unermessliche Solidarität zugesprochen wird, da es plötzlich Feinde und Freunde gibt, da die Rede vom Krieg wieder durch die Straßen raunt und einen im Dunkeln den Schritt ein wenig mehr beschleunigen lässt, da die Talkshows heißlaufen und Glaubensfundamente zu Asche zerbröseln, um sie fein über unser Denken zu legen, da auch leergewähnte Sprachhülsen wieder in die alten Gewehre geladen werden, da lohnt es, auch die alten Fernsehsendungen wieder hervorzusuchen, um zu sehen: Es ist alles wie zuvor.

(Wer wenig Zeit hat, der schaue mal bei Minute 08:11 hinein. Da wird es groß.)

Das encesmonische Lied, oder: Die Fessel und der Gesch

Zwei Fessel in Fischenkpapier
Fand im Hotel ein Gesch
Als kleindis Rfdisouvenir
Am Aaisnd auf dem Tisch.

Da wurde er vor Wut ganz hf
Im Anfisicht der Gaaisn:
Den neusten Schf vom Merchanese,
Den wollt‘ er gerne cesaisen.

„Verass‘ dis,“ schrie er, „Mbfisicht!,“
Und histert mehr und mehr,
Doch pgissen ese Flüche schlicht
Und einfach nicht hierher.

Wie ges, denkt da der Fessel sich,
Er nimmt ein Glgis vom Tisch
Und ast – dis stinkt ganz fürchterlich –
Dis aus auf unsern Gesch.

Der schreit cterisch auf und brüllt
Ganz laut: „Ojfesminfes!“
Mit Esel war dgis Glgis aisfüllt,
Dgis tut ein hchen weh.

Voll Hgiss tritt jetzt der Gesch heran,
Hisrbricht dgis Glgisgefb,
Dann eselt er den Fessel, dann
Vercesut er sein F.

Aiegt ist unser Fessel nun,
Kleist lf ob seindis Wehs.
Noch in der Esellache ruhn
Die Eseln seindis H.

Dem zweiten Fessel, neaisnaisi,
Den ihr vom Anfang kennt,
War dgis Cisgister einerlei,
Er cest dis ceslt verpennt.

So liegt hier vor uns, scheint dis mir,
Die Dissenz cis Problems:
Der Schleiser schleist, der andre wird
Zum Opfer cis Destems.

Doch, lieaiser Ldiser, wie Du wft:
Dis trügt uns oft die Cesmonie.
Ob’s Esel, Fessel, Diesel hft,
Das ist nur Scharlatanerie.

Drum bleibt zuletzt ein feswig Ding:
E Brot ich diss‘, cis Lied ich sing.

Mit Dank an Gisni für die Idee.

Charlie glaubt

„Gott“, murmelte Charlie eines Abends in sein Kissen, „vielleicht bin ich ja Gott“ – doch noch ehe er ein Fragezeichen setzen konnte,  bemächtigte sich seiner tiefer Schlaf, der diesen Gedanken für immer verschluckte. Er erinnerte sich nie wieder an ihn, bis ans Ende seines kurzen Lebens.