Musik als aktiver Widerstand

„Der Probenanfang am Montag war höchst dramatisch. Die New York Times hatte in der Sonntagsausgabe am Tag zuvor ein ganzseitiges Interview mit Karlheinz veröffentlicht, in dem er sich nicht diplomatisch geäußert hatte: Statt zu sagen, dass er sich freuen würde, jetzt mit diesem Orchester zusammenzukommen und so weiter, sagte er fast das Gegenteil: endlich täte dieses Orchester mal was für die Neue Musik. Das war natürlich nicht die klügste Entscheidung, so ein Interview zu geben. Am ersten Probentag herrschte nun eine unglaubliche, ja unerträgliche Spannung zwischen dem Orchester und ihm. Das wirkte sich natürlich auf die Arbeit aus, alles war schwierig und zäh, viele Diskussionen, viele Erklärungen und großer Widerwille seitens der Musiker. Für Karlheinz muss das damals eine sehr schwere Situation gewesen sein. Denn es war auch seine erste Erfahrung mit dem, was er gemacht hat, also er hat zum ersten Mal das Notierte gehört. In der ersten Probe ist es immer sehr schwer auseinanderzuhalten, was der Fehler des Komponisten und was ist der Fehler der Musiker ist, wenn etwas nicht funktioniert.

[Das Verhalten der Musiker während der Uraufführung] war wirklich eine Überraschung. Sie haben sich im Konzert ausgetobt. Heute, nach so vielen Jahren Abstand, ist das nur noch eine Anekdote.
Aber damals war es für das Orchester die einzige Möglichkeit, sich abzureagieren, indem die Musiker beim Konzert allen möglichen Blödsinn machten: Cellisten, diesich das Instrument an den Kopf hielten, sich herumdrehten und zum Publikum hinlächelten, um zu zeigen, welchen großen Quatsch wir hier machen. Das war die Abreaktion von der ganzen Probenzeit, während derer sie sich korrekt verhalten mussten. In New York war die Ordnung des Orchesters so, dass ein Musiker während der Probe nichts sagen durfte. Er konnte nur den Stimmführer benachrichtigen, dass er irgendwelche Fragen hat. Wenn dann der Stimmführer, etwa der 1. Trompeter, dachte, dass er diese Frage an den Dirigenten weiterleiten sollte, dann fragte er: »Maestro, soll der 4. Trompeter an jener Stelle mit Dämpfer spielen oder nicht.« Sehr kompliziert. Während der Probenzeit befand sich das Orchester in einem Zustand passiver Resistenz, im Konzert wurde es nun ein aktiver Widerstand.“

-Peter Eötvös über die Uraufführung von Karlheinz Stockhausens Hymnen (Fassung mit Orchester) 1971

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