Charlie als Hexe

Letzte Woche war ja Halloween. Da sind mal wieder die ganzen Geister und Zauberer und Todesengel losgezogen und haben ihr Unwesen getrieben und Leute erschreckt und „Süßes oder Saures“ gerufen und natürlich ganz viel Süßes bekommen und manchmal auch Saures verteilt und viel Spaß gehabt.

Ich nicht. Ich habe mich in mich selber verkrochen und gewartet, dass es November wird und alles vorbeigeht. Ich wollte sie nicht sehen, die bösen Geister da draußen, ich wollte sie nicht hören, ich wollte nicht, dass Halloween war. Warum, werdet ihr euch fragen. Nun, das hat mit einem Erlebnis im letzten Jahr zu tun, davon werde ich euch heute erzählen.

Eigentlich wünschte ich mir immer, Hexe zu werden. Es waren gar nicht die Hüte oder die alten Röcke, die mich faszinierten, es war nicht das Besenreiten, von dem alle träumen, es war nicht die Hakennase, die man als Hexe tragen darf oder die geflickten Röcke, es war nicht der Rabe auf der Schulter, der mit den Toten spricht. Es war etwas ganz anderes. Der Grund, warum ich unbedingt eine Hexe sein wollte, war, dass ihre Worte etwas machen können. Sie richten etwas an in der Wirklichkeit.

Normalerweise machen Worte ja gar nichts, das hat mich immer gestört. Man macht den Mund auf und zu und sagt irgendetwas, aber es bewirkt nichts, es hat keine Bedeutung. Wenn ich sage, mir tun die Füße weh, oder, was für ein schöner Morgen, oder, komm her, oder so etwas, dann muss man erst darauf hoffen, dass irgendjemand da ist und sie hört und dann warten, dass er sie versteht und dann passiert vielleicht irgendwas oder nicht.

Bei den Hexen ist das anders. Ihre Worte haben Bedeutung, weil sie Dinge tun können, weil sie etwas zum Passieren bringen können, nur mit ihrem Zauberspruch.

Deshalb bin ich letztes Jahr zu Halloween als Hexe in die Schule gegangen. Früher durften wir ja nicht als Hexe kommen, deswegen war es mein erstes Mal, aber ich hatte mich natürlich gut vorbereitet. Ich wusste schon längst, dass es nicht reicht, Sprüche in die Luft zu sagen, man muss unbedingt den Hut und den Raben aufsetzen und den Besen umschnallen. Sonst machen die Worte nämlich, was sie wollen, und hören nicht auf das, was man ihnen sagt. Ich war also so gut ausgestattet, dass ich die Lotte, die mir sonst immer morgens entgegenwinkt, lange im Spiegel suchen musste. Nein, ich war nicht mehr die Lotte der anderen, jetzt war ich eine echte Hexe geworden. Und mein Name lag mir sofort im Mund, als ich die Hexe sah, selbstverständlich wie Gestalten im Traum: ich war Hexe Jalustin.

Hexe Jalustin ging also zur Tür hinaus, winkte Herrn West in seinem Fenster zu, der aufgeregt zurückfilmte, und stapfte die Straße hinunter zur Bushaltestelle. Die Menschen im Bus starrten ihr gegen den Hut und die schwarzen Stiefel, als sie einstieg, und Hexe Jalustin wurde es etwas unheimlich. Man muss den Leuten zugute halten, dass eine Hexe im Berufsverkehr kein alltägliches Phänomen ist, die meisten Hexen hausen doch eher in praktischen Hexenwohnküchen und reiten – des nachts, höchstens – auf ihren Besen aus. Aber ein- oder zweimal im Jahr kommt es doch vor, dass eine Hexe einen Termin beim Anwalt hat oder irgendein Formular aus dem Bürgerbüro braucht, und dann nimmt sie ganz normal den Bus, also ich habe sie da schon gesehen. Die Leute an diesem Morgen aber wussten das nicht, sie waren jedenfalls entsetzt über das Wesen, neben dem sie da sitzen sollten und mieden Hexe Jalustin während der ganzen Fahrt.

Das wäre ja noch gegangen. Die Aufmerksamkeit, die alle ihr schenkten, und die Bedeutsamkeit, die ihr das verlieh, gefielen der Hexe recht gut. Doch in der Schule ging es ganz ähnlich weiter, und das gefiel der Hexe schon weniger. Es war ja ein Halloweenstag, und es liefen viele Hexen herum, auch gruselige Halbwesen mit tiefen Narben längst überstandener Folterungen. Doch die anderen Hexen und Geister liefen in Gruppen, ich lief allein, und schauten höchstens heimlich herüber, verstohlen.

„Zauber doch, Hexe!“, rief es plötzlich aus einer Gruppe Untoter herüber, „Zauber doch, wenn du es kannst!“

Hexe Jalustin schwieg und setzte ihren Weg fort, doch ein besonders mutiger Untoter stellte sich ihr in den Weg und rempelte sie an. „Wenn du eine echte Hexe bist, dann will ich jetzt auch was sehen!“, rief er, und griff ihr in die Haare, wahrscheinlich, um sich zu überzeugen, dass sie auch echt seien.

Hexe Jalustin schwieg und schaute zu Boden, doch das stellte den Untoten nicht zufrieden. Seine Freunde beobachteten das Geschehen aus sicherer Ferne, und er konnte sich keine Blöße geben und diese Hexe unverrichteter Dinge fortziehen lassen. „Hey“, brüllte er, und schnappte mit der Faust nach dem Raben, der auf ihrer Schulter vor Schreck aufkrächzte.

Da zerriss der Schleier der schweigsamen Unbeirrbarkeit, den sie seit dem Morgen um sich gelegt hatte, und ihre Wut entlud sich in diesem einen Wort, dem ersten, das sie an jenem Tag sprach: „Verschwinde!“

Und das tat er. Er war weg. Vor ihr nur die trübe Leere des nebligen Morgens. Um sie das Nichts. Hohle Griffe in die Luft. Taumel. Blinzeln. Atmen.

Sie wusste sofort, was passiert war. Er war verschwunden. Und niemand hatte es bemerkt, die Gruppe seiner Freunde stand in der Entfernung, als sei nichts geschehen, als habe es ihn nie gegeben. Nicht nur er war verschwunden, auch alle Spuren seiner Existenz, alle Erinnerungen an ihn. Es war nie dagewesen. Und sie hatte das gemacht.

Die Hexe rannte vom Schulhof, so schnell sie konnte, fuhr benommen nach Hause und kehrte nie wieder auf unsere Welt zurück.

Ich habe sie seither nicht mehr gesehen, und der Wunsch, eine Hexe zu sein, hat sich nie wieder in mir geregt. Seit jenem Tag ist für immer der Wunsch in mir erloschen, aus meinen Worten Wirklichkeit zu machen.

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